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Rückblick der Wiederholungstäter 2014 – Volkmar Staub & Florian Schroeder

Florian Schroeder und Volkmar Staub – Foto © Frank Eidel

Florian Schroeder und Volkmar Staub – Foto © Frank Eidel

Volkmar Staub & Florian Schroeder: „Zugabe – Der kabarettistische Jahresrückblick 2014“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Um den Jahreswechsel herum lassen Florian Schroeder und Volkmar Staub das vergangene Jahr Revue passieren. Zwei Tage lang haben sie ihre Zusammenfassung in den Berliner Wühlmäusen präsentiert – noch bis Ende Januar sind sie bundesweit unterwegs.

Es ist das Schöne an diesem Programm, dass es jedes Jahr unter den gleichen Rahmenbedingungen stattfindet: An beiden Seiten der Bühne sitzen Staub und Schroeder jeweils an ihrem Tisch und reden miteinander. Es sind geschliffene Dialoge, die ein wenig an ein Late-Night-Format im Fernsehen erinnern. Geschickt gleiten die beiden von Thema zu Thema, ergänzen sich oder bremsen einander ab.

Volkmar Staub ist nämlich ein bekennender Fußballanhänger. Damit mag sich Florian Schroeder nicht identifizieren. Und so lenkt er geschickt seinen Bühnenpartner vom Thema Fußball-Weltmeisterschaft zu einem strafgefangenen Fußball-Manager. Natürlich kommen sie letztlich nicht um den WM-Titel herum. Doch statt eines der Spiele zu analysieren, wenden sie sich den Nationalhymnen der beteiligten Nationen zu. Da gibt es eben Hymnen mit 14 Strophen – entsprechend lang gerät die Nummer. Das gilt auch für eine Restaurant-Szene, in der sich Staub als ein ausgesprochen schwer zu bedienender Gast erweist.

Das alles ist aber verzeihlich, weil Staub und Schroeder in ihren Dialogen zur Höchstform auflaufen. Sie küren die Top-5-Diktatoren der Welt. Dabei erweist sich Staub als wahrer Russland-Versteher. Rechtfertigen will er nicht, sondern verstehen. So geht er tief in die russische Geschichte zurück und verwendet dabei psychoanalytische Begriffe. Resultat: „Als Borderliner akzeptiert Putin einfach keine Grenzen!“

Spannend wir es auch beim Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“. Die Künstler sind sich nämlich gar nicht sicher, ob Waffenlieferungen an IS-Gegner wirklich ein probates Mittel sind. Auf offener Bühne tauschen sie sich darüber aus. Das ist mutig und ausgesprochen ungewöhnlich. Klar ist für Volkmar Staub nur: „Die Scharia-Polizei hat diese Warnwesten getragen, weil sie vor dem Westen warnen wollte.“

Und dann sind da noch die Wiedergänger-Nummern, die in jedem Jahr auftauchen. Staub als Winnetou, der seinen roten Brüdern vom Stamme der Sozialdemokraten den rechten Weg weist. Die Fernsehsendung „Nachtgespräche“, in der beide auf hohem intellektuellen Niveau ein aktuelles Thema diskutieren. Das mit dem Niveau klappt in diesem Jahr nicht richtig, denn das Thema ist Pegida. Zu Gast bei Volkmar Staub ist Ronny Lausitzer, „ein Bürger von der Straße“. Ronny sagt: „Ich habe nichts gegen Ausländer, solange die nicht so sind, wie sie sind!“ Er will noch einmal „die Wahrheit sagen“, bevor er sich endgültig im Weltverschwörungs-Wirrwarr verstrickt. Herrlich, wie hier Pseudo-Argumentation entlarvt wird!

Das gelingt auch Florian Schroeder solo, wenn er als Parodist den historischen Talkshow-Moment zwischen Bernd Lucke (der von der AfD) und Michel Friedman (der mit dem Haargel) wieder aufleben lässt. Der AfDler hatte den Haargelverwender einfach stehenlassen. Bei Schroeder tischt der eine dem anderen Aussagen als Wahrheiten auf. Gleichzeitig verteidigt sich der andere gegen Aussagen, die gar nicht getätigt wurden! „Sie sollen endlich zu der Aussage stehen, die ich Ihnen auf dem Silbertablett serviere!“, sagt er in Friedmanschem Tonfall. Gelungen, wie hier gleich zwei Mediengesichter und ein ganzes Genre abgewatscht werden!

Staub und Schroeder lassen es sich nicht nehmen, die Höhepunkte aus ihren Soloprogrammen in den Jahresrückblick einzuflechten: Staub greift zur Gitarre und besingt den „Charaktermaskenball“. Fein beobachtet er dabei, wie es auf dem Bundespresseball zugeht. Dort, wo sich Korruption, Dummheit und Macht zusammentun. Schroeder dagegen lässt das Ende von „Wetten, dass…“ bei Günther Jauch diskutieren – unter dem Oberbegriff Sterbehilfe. Zugeschaltet aus einer anderen Welt ist Marcel Reich-Ranicki, der darauf pocht: „Lebensrecht ist kein Lebenszwang!“

Ein schöner Abend, um sich das Jahr 2014 ins Gedächtnis zu rufen. Fast wehmütig wird man mit Florian Schroeder und Volkmar Staub an die längst vergangenen Tage des Ensemble-Kabaretts erinnert.

© 2015 BonMot-Berlin
Foto: Frank Eidel

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Kategorien:Kabarett, Kritik
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