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Der ganz normale Wahnsinn des vergangenen Jahres – Kritik Anny Hartmann

Anny Hartmann - Foto: Dagmar Mendel

Anny Hartmann – Foto: Dagmar Mendel

Anny Hartmann: „Schwamm drüber?
Der besondere Jahresrückblick 2014“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Anny Hartmanns Jahresrückblicke sind keine neue Erfindung. Erneut gelingt es ihr in diesem Jahr, das Versprechen im Titel einzuhalten. „Schwamm drüber? Der besondere Jahresrückblick 2014“ hat in den Berliner Wühlmäusen seinen eigenen Charme entfaltet.

Chronologisch, sagt sie, will sie vorgehen. Das ist übersichtlich. Ab und an streut sie einen „Bösen Quickie“ ein. Für den ersten Monat des Jahres 2014 lautet der: „Die Kanzlerin hat sich im Januar das Becken gebrochen. Was auch sonst – ein Rückgrat hat sie ja nicht!“ Es sind diese Boshaftigkeiten, die den Abend interessant machen. Sie betrachtet die Olympischen Spiele in Sotchi unter besonderer Berücksichtigung der Homophobie des russischen Präsidenten: „Es gab kein Biathlon, nur Hetero-Athlon.“

Überhaupt: Der Sport. Anny Hartmann ist nicht nur bekennende Fußballanhängerin. Sie versteht es auch, selbst erklärten Ignoranten des Rasensports mit ihrem Rückblick Spaß zu bereiten. Der Autor weiß, wovon er schreibt. Hat er es doch bei manchem Deutschland-Spiel vorgezogen, Kritiken zu schreiben oder anderweitig zu arbeiten. Es gab 2014 ja nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaft. Da waren ja auch noch die halbherzigen Versuche der FIFA, Korruptionsvorwürfe aufzuklären. Und ein ehemaliger Nationalspieler, der sich zu seiner homosexuellen Identität bekannte.

Thomas Hitzlspergers Coming-out nutzt Anny Hartmann gleich für ein erstes Zitate-Rätsel. Gesucht ist der Urheber eines merkwürdigen Satzes. Dieses Ratespiel streut sie immer wieder in den Abend ein. Aufgepasst, liebe Zuschauer, Anny Hartmann belohnt nicht nur richtige Lösungen. Anfangs wirft sie ihre schokoladigen Belohnungen schon fürs Mitmachen ins Publikum. Die treffen üblicherweise nicht so gut wie ihre Pointen, aber wie immer im Leben gilt es, Prioritäten zu setzen.

Anny Hartmann beherrscht die Kunst des Vergleichs. Bei der Berichterstattung über den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy fragt sie sich, warum die Unschuldsvermutung hier so wenig Beachtung gefunden hat. Der Mann wird des Besitzes kinderpornographischer Schriften bezichtigt. Aber solange er nicht verurteilt ist, hat er als unschuldig zu gelten. Und wie kam es überhaupt dazu, dass bei der Durchsuchung seines Hauses die Presse anwesend sein konnte? Gleichzeitig werden auf den Philippinen tausende Kinder gezwungen, durch Prostitution Geld zu verdienen. Den aus dem Urlaub heimkehrenden alleinreisenden Männern macht aber niemand am Flughafen Vorhaltungen. Von vornherein gilt hier die Unschuldsvermutung, die Sebastian Edathy nicht zuteil wurde.

Verständlich und nachvollziehbar sind Anny Hartmanns Argumentationen. Ähnlich einer Bilanzbuchhalterin legt sie ihre Gedankengänge offen, die in ehrlicher Erregung münden. Etwa, wenn sie beim geplanten TTIP-Abkommen zwischen der EU und den USA ihr Augenmerk auf den Investitionsschutz lenkt. Für Hartmann ist das so, als ob sie von den Wühlmäusen eine bestimmte Applausmenge für ihre Show erwarten kann. Und wenn die nicht erreicht wird, muss ein Zuschauer sie klatschend bis ins Hotel begleiten.

Von der Reform des Flensburger Verkehrssündenregisters gelangt sie zur Frage, ob Frauen die besseren oder schlechteren Autofahrer sind: „Conchita Wurst hat 290 Punkte eingefahren. Daran sehen Sie: Frauen mit Bart fahren am besten.“ Auch an der geplanten Frauenquote lässt sie kein gutes Haar, gilt sie doch erst ab 2016 und dann auch nur für neu entstehende Vorstandsposten und auch nur in deutschen Großbetrieben. „100% Frauenquote haben Sie in Deutschland nur im Frauenhaus.“ Doch die werden immer weniger, weil das Geld an der falschen Stelle ausgegeben wird.

Anny Hartmann ruft den Irrsinn des vergangenen Jahres nochmal ins Gedächtnis. Ehrlich und sympathisch. Auch im jetzt noch jungen 2015 wird sie ganz gewiss wieder genügend Themen für ihren nächsten Jahresrückblick finden.

© 2015 BonMot-Berlin
Foto: Dagmar Mendel

Anny Hartmann spielt ihr Programm
„Schwamm drüber? Der besondere Jahresrückblick 2014“
noch bis zum 1. Februar 2015 auf den Bühnen der Republik. Die Termine HIER auf ihrer Homepage.

Am Samstag, 21. Februar 2015, ist Anny Hartmann zusammen mit Tina Teubner und Anka Zink zu Gast in Gerburg Jahnkes Ladies Night. ARD, 21:45 bis 22:45 Uhr.

Kategorien:Kabarett, Kritik
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