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Was bleibt von 2014: Sonderbare Typen und ein Haufen Schrott – Kritik Jahresrückblick

JEP-MHT Christoph Jungmann als Angela - Foto Carlo Wanka  © 2015 BonMoT-BerlinDer kabarettistische Jahresrückblick 2014 vom Jahresendzeit-Team

von Beate Moeller

BERLIN – „Superlein, superlein“ singen sie – vermeintlich – aber spätestens, wenn Hannes Heesch die Bühne betritt, unter der Blondhaarperücke huldvoll Zähne bleckend, kapiert man, dass es „Super-Leyen, Super-Leyen“ heißt.

Der kabarettistische Jahresrückblick im Mehringhof-Theater ist Kult in Berlin. Die Vorstellungen sind lange im Voraus ausverkauft, und das hat gute Gründe:

Angela Merkel, im pinken Dreiknopfblazer gespielt von Christoph Jungmann, führt durchs Programm und schnattert dabei so munter und hemmungslos durch die Weltgeschichte, dass es eine wahre Wonne ist.

Das Jahresendzeit-Team hangelt sich nicht etwa artig an den „wichtigen“ Ereignissen des vergangenen Jahres in kalendarischer Reihenfolge entlang, sondern markiert Highlights mit satirischen Geschichten, Songs und Parodien ohne die geringste Scheu vor Klamauk. So unterschiedlich wie die Charaktere sind, die die fünf Künstler auf die Bühne bringen, so abwechslungsreich ist das Programm.

Bov Bjerg dient die Wahl von Bodo Ramelow („so nennt vielleicht eine Achtjährige ihr Kaninchen“) zum Ministerpräsidenten Thüringens als Aufhänger für eine abstruse Fantasie. Kühn lässt er seinen Gedanken freien Lauf, so dass geradezu sich verschlingende Abschweifungen es ermöglichen, Themen, die nun eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, denn doch verwurstet werden können und schließlich in eine Geschichte passen. Sowas geht nicht ohne Vorarbeit: „Recherchieren ist Französisch für ‚googlen‘.“

Gleich über die ganze Menschheit philosophiert Horst Evers. Dank Wissenschaft und Technik ist es 2014 gelungen, eine Sonde zehn Jahre lang durchs Weltall zu schießen und sie punktgenau auf einem ebenfalls durchs Universum sausenden Kometen zu landen, während ein anderer Teil der Menschheit (nämlich er ) noch nicht mal eine Konservenbüchse mit Eintopf zu öffnen imstande ist. Was läuft da jetzt wieder schief?

Der Geschichtenvorleser mit dem roten Hemd ist darauf spezialisiert sich naiv zu wundern und zu empören. Er verblüfft mit kecken Konstruktionen, über die man sich einfach nur kaputtlachen möchte. Im Auftrag der Toleranz („Zu Hause Deutsch sprechen, das ist in Bayern schon schwer“) ist er mit dem Rollkoffer in Bad Salzuflen unterwegs – als Botschafter des „Bundestourismusausgleichs“. Oder sein Kommentar zu Pegida: „Das ist etwa so, als würden die Kühe aus Angst vor der Melkmaschine gegen die Hühner auf dem Bauernhof demonstrieren.“

JEP 2014 - MHT - Hannes Heesch als Ursula vdL - Foto Carlo Wanka  © 2015 BonMoT-BerlinHerzergreifend komisch spielt sich Hannes Heesch als Joker mit Politikerparodien durch das Programm. In der Rolle der Verteidigungsministerin – am schnarrenden UFA-R erkennt man schon, was die Stunde geschlagen hat – führt er zusammen mit der Kanzlerin durch die erste Hälfte. Ganz irre Ideen für neue Einsatzgebiete des Bundeswehrschrotts schlägt Super-Leyen im „Impuls-Referat“ vor: Die Transall-Maschinen würden sich gut machen im Technikmuseum in Speyer, und flügellahme Hubschrauber könnten allemal zu effizienten Deckenventilatoren umfunktioniert werden.

Als Bundespräsident Gauck mit Redeschwall („Ich besitze die Macht der Worte, Sie haben die Richtlinienkompetenz“) predigt er Angela Merkel in Grund und Boden, als Gerhard Schröder beschwört er seine Rückkehr ins Kanzleramt mit Putins Unterstützung. Für den Schluss hat er noch eine Überraschung parat, die hier nicht verraten wird.

Liedermacherurgestein Manfred Maurenbrecher haut zu seinen nachdenklich stimmenden Balladen über einen Journalisten, der Ideale und Haltung der vom Chef verlangten Massentauglichkeit geopfert hat, und eine weitere Folge in der Reihe um den Altgenossen aus Lichtenberg ganz mächtig in die Tasten, donnert desgleichen mit seiner einzigartigen Reibeisenstimme durchs Theater, hält aber auch die anderen vier schrägen Vögel bei ihren gemeinsamen Liedern melodisch beieinander.

Seit 1997 finden sich Bov Bjerg, Horst Evers, Hannes Heesch, Christoph Jungmann und Manfred Maurenbrecher im Dezember und Januar für diesen kabarettistischen Jahresrückblick zusammen. Christoph Jungmann hat übrigens schon als Angela Merkel durchs Programm geführt, als diese noch lange nicht Bundeskanzlerin war.

Dabei steigert sich das Jahresendzeit-Team von Jahr zu Jahr. 2014 war jedenfalls mal wieder ein Highlight im ursprünglichen Sinne von Kabarett als einer Mixtur von Texten und Liedern, im höchsten Maße amüsant und erreicht in der Unterhaltungsnote die volle Punktzahl.

Text und Fotos: © 2015 BonMoT-Berlin

weitere Termine:
Mi, 14. bis So, 18. Januar 2015: Berlin, Theater am Kurfürstendamm, 20 Uhr,
am Sa, 17. und am So, 18. Januar auch um 16 Uhr, Kartentelefon: 030.88 59 11 88

Mo, 19. bis Mi, 21. Januar 2015: Kiel, Metro-Kino im Schloßhof

Do, 22. Januar 2015: Hamburg, Polittbüro, Kartentelefon: 040.280 55 467

schon mal vormerken:
Im April wird das Berliner Mehringhof-Theater 30 Jahre alt. Gefeiert wird das vom 12. bis zum 23. Mai 2015. Wer könnte besser zurückblicken als die Künstler vom Jahresrückblick?
Bov Bjerg, Hannes Heesch, Christoph Jungmann und Manfred Maurenbrecher feiern
den 30. Geburtstag des Kreuzberger Theaters an zehn Abenden mit zehn verschiedenen Überraschungsgästen. (Horst Evers darf diesmal nicht mitspielen. Er schreibt an seinem nächsten Roman und muss zu dieser Zeit an den Schreibtisch gekettet zu Hause bleiben.)
Kartentelefon: 030. 691 50 99

Homepages: RückblickHorst EversMehringhof-TheaterPolittbüroTheater am KurfürstendammMetro-Kino im Schloßhof

Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. mmsxlog
    13. Januar 2015 um 03:33

    Hat dies auf MITMEINENSINNEN rebloggt und kommentierte:
    Hannes als GranatenUschi – der Knaller!

  1. 16. Juni 2015 um 00:27

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