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Charlie, Pegida oder Winnetou? – Kolumne von Mr. Rainer Ernst

Mr. Rainer Ernsts KolumneFreunde, Freunde! Sind wir für alles oder gegen nichts?

Eine Woche lang Massendemonstrationen in Europa lassen viele umdenken, mich auch!

Ich könnte platzen, so dreht sich mein Schädel, ich weiß gar nicht so Recht, wo ich anfange.

Also reflektieren wir erstmal die letzten Tage mit ihren grausigen Ereignissen: Die Welt erfährt, dass in Paris eine Redaktion niedergemetzelt wurde. Ein Verbrechen, welches – vielleicht nicht in dieser Brutalität, sondern eher subtiler – in vielen Ländern schon passierte. Gut, es war jetzt nicht eine Tageszeitungsredaktion in einem Land, in dem Diktatoren wüten, sondern die eines ständig alles und jeden auf den Arm nehmende Satireredaktion im Schoße einer demokratischen Nation.

Solche Dinge gibt es in Europa, so wie Comedy, Kabarett und Liedermacher. Und nicht nur das! Es gibt Bühnen in Theatern, in denen diese Querdenker auch noch auftreten dürfen! Und es wird noch besser! Es gibt Menschen, die dahin gehen, Geld bezahlen, um dies zu erleben. Und zum Schluß! Lachen und klatschen sie, weil es ihnen gefällt.

Tja, alles ein Erbe der lang erkämpften Zivilisation – mit ihren Kants und Hegels. Klar, muss ich mich da ganz persönlich bedanken, dass ich hier leben kann, welch ein Glück einfach hier geboren zu sein, und dass ich nur vorbestraft bin wegen ‚Widerstand gegen die Staatsgewalt‘, als ich einem armen Betrunkenen gegen sechs Polizisten beistehen wollte. Ich sagte nur: „Moment mal Freunde, das ist hier doch kein Polizeistaat!“ Da rief einer: „ Widerstand gegen die Staatsgewalt!“.
Von den aufmerksamen Kollegen wurde ich dann niedergeknüppelt und durfte eine Nacht nackt auf Staatskosten verbringen. Welch ein Glück für mich und meine Art, Dinge zu kommentieren, woanders hätte man mich vielleicht gleich erschossen oder ein bisschen gefoltert. Hier kam ich nach einer Theaterinszenierung an einem deutschen Gericht mit 2.000 € und einer Vorstrafe doch noch gut davon.

Wir wissen oft nicht, welchen Luxus an Lebensqualität wir hier jeden Tag genießen, uns ist es lästig, wenn wir hören, dass jeden Tag um uns herum abartigste Grausamkeiten in dieser Welt passieren. Jetzt erfrieren sogar schon die Kinder in den Flüchtlingslagern rund um Syrien, während auf irgendeiner Autobahn auch noch ein Unfall passiert.

„Es ist zu viel Elend auf dieser Welt!“, sagte schon einst meine Stiefmutter, die mit über Neunzig vor vielen Jahren verstarb. Ihre Lebensgeschichte mit Kriegen und Verlusten können wir nur versuchen zu verstehen, aber würden wir sie auch meistern? Dürfen wir ihrer Generation vorwerfen, dass sie eventuell sich nicht in jeder Situation gesellschaftskonform und sich nach heutigem Stand, manchmal nicht politisch korrekt verhalten hat? Welche Maßstäbe galten denn wirklich, um mit zwei Kindern in dieser Zeit zu überleben? Waren diese Voraussetzungen in einem Dorf dieselben wie in einer großen Stadt? Seien wir froh, dass dies nicht von uns verlangt wird.

Von uns verlangt man anderes und betrachtet man die Geschichte, wird man schnell zu der Überzeugung gelangen, dass jede Generation ‚ihr Päckchen‘ zu tragen hatte. Wie oft werden wir selbst Zeuge von Massenbewegungen, die wir entweder unterstützen oder ablehnen.

Es ist wahr:
Durch die Medien mit den neuen Verbreitungstechnologien erfahren wir noch mehr erschreckende Nachrichten, als der einzelne Mensch verkraften kann. Unser Körper, dieses irrsinnige Gebilde, schützt uns. Er stellt die naheliegenden Alltagsaufgaben, wie Kinder umsorgen, Essen und die Strapazen des Geldverdienens oben auf die Prioritätenliste. Unser Geist konzentriert sich auf das Umfeld, die Gefahren, die direkt Einfluss auf uns nehmen könnten. Da bleibt nicht mehr viel Platz, sich um die ganze Welt zu kümmern. Obwohl ich überzeugt bin, dass aus dem Innersten, die meisten es gerne würden, allein um ihren eigenen Seelenfrieden zu erlangen, da sich jeder lieber mit positiven als mit negativen Gedankengut befasst.

Ich glaube, nach fünfundzwanzig Jahren Barerfahrung:
Der Mensch hat sich in den grundlegendsten Eigenschaften, wenigstens seit der Steinzeit nicht verändert. Seine Gesellschaftsstrukturen, die Technik und die Kommunikation schon. Ich möchte an dieser Stelle gerne, dass ihr Euch jetzt einen Smiley mit blinzendem Auge vorstellt!

Aber um dann mal wieder zurückzulenken, möchte ich auf dieses entsetzliche Attentat eingehen. Das Ereignis an sich und die folgenden Reaktionen darauf, werfen so viele Fragen auf. Ich möchte dem Herr werden. Ich lege so verworren, wie es in meinem kleinen Hirn abgeht, mal los.

Darf man überhaupt Zeichnungen, Texte, Fotos oder ähnliches, welches andere beleidigt, egal ob direkt oder indirekt, veröffentlichen? Also, wenn ich bei einer 1. Mai-Demo, einige grüne männliche Kühe auf ein Plakat male und dazu schreibe „Bullen finde ich sch…!“. Dann werden einige applaudieren und johlen, aber der eine oder andere Polizist mich zwingen, dies zu unterlassen. Wenn ich dann mein Plakat weiter nach oben halte, werde ich von der Polizei nicht nur per Video gefilmt, sondern kann mich auf Handgreiflichkeiten einstellen.

Wenn ich ein Bild veröffentliche, auf dem ein alter Mann einem Kind deutlich zwischen die Beine greift, und ich dazu schreibe: „In wenigstens fünfzig Prozent der Staaten dieser Welt Normalität!“, werden wieder einige mir zustimmen, andere es aufs Schärfste verurteilen. Wenn meine Nachbarn erfahren, dass ich solchen ‚Mist‘ verzapfe, werden sie mich im besten Fall nur meiden. Klar, kann ich mich jedes Mal auf Meinungsfreiheit berufen, aber muss ich mich wirklich wundern, wenn mir dann etwas zustößt? Leider nein!

Jetzt haben einige Jungs etwas total Schlimmes getan. Sie haben Menschen getötet. Im schlimmsten Fall berichten die Nachrichten im Fernsehen, so wie die Nachrichten darüber berichten, dass eine Inderin hingerichtet wurde, weil sie ihren Vergewaltiger tötete. Das ergreift mich, das lässt mich an den Artgenossen zweifeln. Aber es ist so vieles mehr, woran ich zweifele.

Was wir auch nicht mehr hören können, ist, wenn sich die Palästinenser mit den Juden und umgekehrt endlos gegenseitig in die Luft sprengen. Die Juden und Palästinenser, die ich kenne, die trinken zusammen Tee und treten gemeinsam mit tollen Projekten auf. Dass jeden Tag auf irgendeinem Fernseh-Programm eine Dokumentation läuft, die uns die ekelhaften Verbrechen der Nazis nahe bringen, ist auch ein Phänomen, welches zwei Seiten hat. Fördert es nicht bei Jugendlichen die Lust auf Macht, so was Schlimmes zu tun? Held zu sein, wie in den heute begehrten Ballerspielen? Meine Helden waren Winnetou und Old Shatterhand. Die haben zwar klug und einfühlsam, gar vernünftig gesprochen, aber wenn es halt nicht anders ging, haben sie, mit dem Privileg, die Guten zu sein, die Gegner auch nur erschossen. Als ich sechzehn war, und ein schwächerer Junge von einem mir gleich großen Jungen verängstigt wurde, stellte ich mich dazwischen und verprügelte ihn nach Strich und Faden. Meine eigenen Blessuren stellte ich erst hinterher fest. War das nun richtig oder falsch?
Ich hatte gewonnen! So behielt ich dieses Verhalten eine ganze Weile bei. Außerdem hatte ich es satt! Als Brillenschlange wurde ich auch immer geschubst und vermöbelt.

Dank meiner Sozialisierung bildeten sich dann noch andere Fähigkeiten aus, mit denen ich lernte, Respekt und Achtung zu erlangen, um nicht mehr zuschlagen zu müssen. Heute bin ich fünfzig, gelte eher als gemäßigt. Jedoch innerlich löst die Ungerechtigkeit, das Gemache und die Unlogik immer noch einen starken emotionalen Schub in mir aus, den ich nicht einfach wegpacken kann.

Klar, kann man sich jetzt freuen, dass die Attentäter zur Strecke gebracht wurden, aber über das WIE hege ich immer noch Zweifel. Kein Mensch hat das Recht andere zu töten. Auch Winnetou nicht!

Wer setzt hier welche Maßstäbe? Wer entscheidet über solche Aktionen?

Wenn ich jetzt laut sage, dass ich es für verlogen halte, dass unsere Kanzlerin mit allen Händchen haltend sich auf der Mattscheibe präsentiert, wenn ich für verlogen halte, was nun in allen Sendern gespiegelt wird an Solidarität und trauerndem Mitgefühl, dann wird mir schlecht. Eine Regierung, die Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen lässt, eine Kanzlerin, die Waffenlieferungen an wissentlich fingierte Gesellschaften zur Durchführung unterzeichnet und damit ausführen lässt. Ein Präsident, der das Wort Freiheit für alles wie eine Geheimwaffe gebraucht. Politiker, die agieren, als würden sie Fleißbildchen sammeln, damit Mutti stolz auf sie ist.

Und wenn ich betrachte, was die lieben Kollegen von der Presse dazu beitragen mit so Figuren wie Herrn Kleber, Günter Jauch und den ganzen Zulieferanten. In gegenseitigen Beweihräucherungs-Talkshows, in denen das Wort Inzest eine neue Dimension erlebt. Sie bringen doch keinen aufrichtigen Journalismus über den Äther. Sie machen Meinung im besten Sinne der Wirtschaftslobby und der Regierungsmarionetten. Wahrheiten weglassen und Fakten verändern ist auch eine Form der Lüge.

Dass das Wort „Lügenpresse“ zum Unwort gekürt wurde, ist für mich okay, solange dem etwas entgegensteht. Aber das diese einfache, simple Wortspielerei, die auch schon vor den Nazis benutzt wurde, jetzt mit der Erklärung aufgewertet wird, dass dies eine alte Nazi-Propaganda schon gewesen wäre und Goebbels gar der Erfinder, wie man bei den klugen Talkgästen im Gasometer erfahren durfte, ist mir zu einfach.

Wie oft haben die 68er das Wort „Lügenpresse“ benutzt? Ständig! Ich glaube, die Kollegen schießen zu schnell! Wenn sie etwas herausfinden, wird es gleich veröffentlicht, die Recherche, die diesen Berufsstand – auch – ausmacht, bleibt immer mehr auf der Strecke.

Begeil Europa Comic aniUnd ich bin wirklich ein Gegner von Aktionen wie Pegida und ähnlichen Ablegern. Aber sind wir Gegner noch besser als die? Wir verspotten anders Denkende, weil sie mit Trauerflor zu ihrer Meinungsdemo gehen. Auch wenn ich sehr vieles für falsch halte, was sie propagieren und es dann auch noch mit ‚Wir sind das Volk‘ unterstreichen, frage ich mich und alle:

Könnte es nicht sein, dass nicht alle, die bei Pegida mit marschieren, herzlose und nur dumme Menschen sind? Kann es sein, dass dieser Teil unseres Volkes nur aus Verzweiflung bei diesem Irrsinn mitmacht, aber trotzdem aus Fleisch und Blut besteht und Gefühle besitzt?

Ist es nicht so, dass – wenn unsere Regierung, die man ja niemals als undemokratisch oder korrupt bezeichnen würde, nicht so drastisch den Lobbyisten die Wege zu noch mehr Macht und Reichtum gar gesetzlich freigemacht hätte – es niemals funktionieren würde, dass unzufriedene Bürger sich mit primitiven Fanatikern in eine Reihe stellen würden. Jede Form von sozialer Gerechtigkeit, die wir in diesem Land mit unzählig viel Aufopferung an Zeit und Wirken erkämpft hatten, wurde in den letzten Jahrzehnten, sogar mit Billigung der Grünen über den Haufen geworfen.

Asylantenheime werden gegründet, was zu bejahen ist, aber man sollte wenigstens auf Gemeindeebene eine für alle vertretbare Lösung erarbeiten. Jedoch werden gleichzeitig Obdachlosenunterkünfte geschlossen. Bitte, wer soll das verstehen? Ich nicht!
Wir haben einen so erbärmlichen gesellschaftlichen und sozialen Rückzug erlaubt, wie es jeder Geschichtsschreibung nur spottet. Aber wir lenken nicht ein, sondern hauen wieder oben drauf – Drauf auf Artgenossen.

Meine Großeltern spendeten der Kirche viel Geld, immer wieder, nicht dass sie dort hingingen, wenn alle dort ihrem Gott huldigten, nein, zum einen hatte ein schon längst verwester Vorfahr dieses barocke Haus errichten lassen, zum anderen sprach mein Großvater mal die weisen Worte:

„Lieber ein frommer Blick im Wald zum Himmel, als in der Kirch so manch falsches Gebet!“

Von den meisten meiner Freunde, die aus allen Herren Ländern stammen, weiß ich gar nicht mal welcher Lehre sie folgen. Der von Buddha, Manitou, Mohammed oder Gott. Oder sind sie evangelisch oder katholisch, vielleicht auch okkult oder glauben sie an Nichts und Niemanden? Ich bin zurzeit ohne Idol und werde es aus Überzeugung einige Zeit auch noch bleiben. Mein Glaube richtet sich allein auf das Gute im Menschen und ist genauso oft enttäuscht worden, wie die Christen, Juden und alle anderen, es immer wieder durch die Handlungen ihrer weltlichen Fürsten erlebten und mit allen Konsequenzen dann ertragen mussten.

Sind die Christen jetzt alle miese Menschen – wegen der Kreuzzüge? Sollte man Heiden immer noch in Arenen den Löwen vorwerfen? Wenn der Islam nicht für die Islamisten einstehen muss, sind dann die Christen für ihre Gräueltaten und Hexenverbrennungen auch nicht schuldig? Wenn Mohammed als Prophet nicht dargestellt werden darf, sollen wir dann unsere Kirchen alle weiß tünchen und die Kreuze an denen ‚unser Heiland‘ erbärmlich hängt, vernichten? Wenn niemand Schuld ist, habe ich auch nie einen Fehler begangen? Wir wissen alle, die Bösen sind Hitler, Stalin und der kleine Dicke in Nordkorea. Doch wie konnte ein einzelner Mann so viele Juden vergasen? Wie konnte ein Einziger einen ganzen Staat mit all seinen Bewohnern ins Chaos stürzen? Syrien ist da nur eins der aktuellen Beispiele.

Ist es eigentlich wichtig, wenn man Verbrechen bis hin zum Massenmord verübt, zu welcher Glaubensgemeinde man gehört? Ist der Marterpfahl schlimmer als das heuchlerische Getue einiger Buddhisten? Ist es nicht egal, aus welchen moralischen Grundsätzen man einen Menschen oder gar einen Volksstamm niedermetzelt? Ist es besser, wenn Arbeiter in San Paulo von Thyssen-Krupp ins Elend getrieben werden oder Gucci mit Kik in Bangladesch Kinderarbeit auf bestem Sklavenniveau betreibt?

Wir stehen da und schauen wie die Ochsen, weil der Russe, der Ami und der VonIrgendWoher etwas getan hat, was wir verurteilen müssen, lassen aber gleichzeitig zu, dass in unseren Straßen Rentner Pfandflaschen sammeln, Obdachlose erfrieren und Kinder hungern. Unsere Kinder sollen in Ganztagsschulen lernen, aber keiner will das Geld für entsprechende Mahlzeiten aufbringen. Ein Land, das rund 100 Milliarden Euro an staatlichen Goldreserven in ausländischen Banken gebunkert hat. 3400 Tonnen in New York, Paris und London. Ein Land, in dem einst der kleinste Unternehmer von seiner Arbeit würdig leben konnte. Ein Land voller Menschen, die nur noch Fernsehen schauen und auf die Straße gehen, falls man dafür Zeit hat und die Kinder nicht gerade zu einem der fünf Zusatzunterrichte müssen, die sie neben der Schule noch begleiten und wenn nicht wenigstens ein Attentat passiert ist. Familien, denen massenhaft der Strom abgestellt wird, schaut mal nur die Berliner Zahlen an und überlegt, wie ihr Euch ohne Strom und eventuell mit Baby fühlen würdet.

Hartz-IV-Empfänger sind doch nicht arbeitsunwillige Drecksäcke, die jeden Abend in der Eckkneipe saufen. Woher kommt denn der Aufruf nach einem Grundeinkommen für alle. Weil heute zu viele, die sich abgerackert haben, nicht mehr von Ihrer Arbeit leben – nein, ein Leben ist es schon lange nicht mehr – bestenfalls: Existieren können.

Sind wir denn nicht mehr fähig zu unterscheiden zwischen Gut und Böse? Wie kann es sein, dass wir alle, wie Lemminge funktionieren und die eigene Verantwortung unseres Denkens wegzappen?

Klar ist es Mist, dass Hooligans und andere Braune die Pegida benutzen. Außerdem ist der Name Pegida überholt, da er aus einer Überlegung fruchtete, als Deutschland mal wieder Waffenlieferungen an Kriegstreiber lieferte, natürlich nur an die Guten. Der Name sollte dringend geändert werden, denn die Menschen haben diese Bewegung als Demonstration, gegen vieles, was in unserem Land falsch läuft, benutzt. Endlich gehen sie wieder auf die Straße, und es ist gut an einer Demokratie, dass es dazu eine Gegenbewegung gibt! Doch da laufen ebenso Radikale mit – die nennen sich Anarchos – sind die besser? Jeden, den ich einzeln sprach, erschien mir nicht als borniert und uninteressiert, ganz im Gegenteil. Natürlich gibt es auch die, die nicht mehr reden.

Wenn aber die Anhänger der einen wie der anderen Bewegung, die Bürgerämter und die Sprechstunden der Abgeordneten bestürmten, dort ihre Bedenken und Meinungen formulieren und haufenweise einbringen würden, dafür sind diese Stellen eingerichtet, dann bekämen diese Ämter so viel Arbeit, dass das Gefüge überdacht und bürgerfreundlicher gestaltet werden müsste. So würde Demokratie wieder funktionieren, so würden die Unstimmigkeiten einen politischen Zugang erhalten und könnten nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden. Es lässt sich immer leicht auf die Politiker, die da Oben und den blöden Nachbarn schimpfen und wahrlich sind viele Entscheidungen, die vor der Wahl anders klangen als hinterher, ein Manko, welches die Glaubwürdigkeit schwer belastet, aber sind nicht wir diejenigen, die dies ändern können?

Doch, die sind wir noch! Wir können entscheiden. Wir haben die Macht, Menschen auf politische Führungspositionen zu erheben oder abzusetzen. Dafür müssten aber auch alle wählen gehen und den Parteien mit sinnvoller Kritik massenhaft in die Suppe spucken. Das bedeutet, sich mit Politik auseinanderzusetzen und nicht nur rumzunöhlen.

Angela Merkel hat 2004 schon und 2010 erneut gesagt: „Die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland ist gescheitert!“ und den Begriff „Leitkultur“ in dem Zusammenhang verwendet. Was bedeutet denn Multikulti in einem Staat wie Deutschland? Hier lebt eine Gesellschaft, die sich formte aus verschiedenen germanischen Stämmen, römischer Besiedlung und die seit der Spätantike und der damit verbundenen Völkerwanderung auch noch Barbaren und Hunnen integrierte. Eine Gesellschaft, die mehr Nachnamen aus allen nur erdenklichen Ländern vereint, wie kein zweiter hiesiger Staat. Fragen sie mal eine Familie Maschewski oder Walenta in einem Oberpfälzer Dorf ob sie Einheimische sind? Seit Generationen ist die Antwort. „Ma Urgroßvater hoat scho …“. Oder alte Firmennamen in den Städten.

Was ist mit denn mit den unter Barbarossa zugesiedelten Arbeitern, die zum Teil gar mongolische und tartarische Wurzeln hatten? Sie erhielten Namen, einfache deutsche Namen, oft nach Berufsstand oder Rufnamen, so wie meine Vorfahren. Was ist mit den Spreewald-Sorben? Ein fester Bestandteil unseres Volks, der ethnisch zu den Westslawen gehört.

Betrachte ich mich selbst, bin ich seit ich denken kann Deutscher, aber mein Vater ist Franzose, meine Mutter Egerländerin, deren Eltern stammen wiederum aus zwei verschiedenen Lebensräumen usw.! Was bin ich? Viele der Urberliner gehen auf slawische und französische Abstammung zurück. Die Schweden sowie alle Kriege, haben Kinder gezeugt, wenn auch oft unter grausigen Umständen. Wir sind schon immer ein Vielvölkerstaat gewesen. Ganz Europa ist ein menschlicher Schmelztiegel – ob wegen Invasion, Kolonisierung, Handelsentwicklungen, Flucht oder bloß Liebe.

Lasst uns den Fanatikern doch einfach keine Spielräume mehr geben. Einige Uneinsichtige wird es zwar dann immer noch geben, aber unsere Gesellschaft würde gesunden!

Eine andere deutliche und protestvolle Art wäre noch: Gar niemand geht mehr wählen. Dies funktioniert aber auch nur, wenn wirklich nicht ein einziger sein Kreuzchen macht. Doch dann würden wir unser komplettes System, welches wir mit so viel Mühe erstellt haben, nicht nur in Frage stellen, sondern abschaffen. Tür und Tor wäre offen für all das, was wir niemals wollten. Also lasst uns zeigen, dass wir das Volk sind und entsprechend weise handeln.

Matthias Beltz (1945 – 2002) sagte mal:

„Erst wenn alle gemein und niederträchtig über die Schwächen aller anderen herziehen, wenn alle wegen ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, Heimat und Herkunft, ihres Glaubens, der religiösen und politischen Anschauungen und natürlich auch der körperlichen Gebrechen ausgelacht werden und keiner und keine ausgespart bleibt und wenn alle mitmachen – dann ist endlich Ruhe und Frieden. Und dann geht die Party erst los, dann wird nicht mehr gejammert und gejault, sondern gelebt und gestorben und gefeiert – da ist der Teufel los, und selbst die Götter schauen noch mal vorbei bei dieser Revolution, die keine revolutionären Beamten und Henker mehr braucht.“

Es liegt eine erstaunliche Wahrheit in dieser Formulierung, aber ich möchte daran erinnern, dass auch dazugehört, dass wir alle weinen dürfen, denn Gefühle und Respekt voreinander sind Grundsteine, auf denen Hilfe baut, und die ist in unserer Gesellschaft wichtig.

Diese entsetzlichen Attentate in Paris, die natürlich dazu führten, dass die Menschen, so auch ich und ich bleibe es, ‚je suis Charlie‘ adaptierten, waren in mehreren Sichtweisen hart. Die Ermordung an sich von den Personen und das Leid, was den Familien und Bekannten resultierend daraus zugefügt wurde und jeder, der erst einmal in seinem engeren Umfeld einen Menschen verlor, den er mit Haut und Haar kannte, kann sich eventuell vorstellen, wie es diesen Menschen jetzt geht, zumal ihre Verwandten und Freunde auch noch gewaltsam aus ihrer Mitte gerissen wurden. Sehr brutal auch der Anschlag gegen die Mitarbeiter des jüdischen Supermarkts, der echte Feindseligkeit demonstriert, ein Verhalten, welches, egal gegen welche Volksgruppe oder Glaubensgemeinde, in unserer Welt keine Akzeptanz erhalten darf! Mit großem Tamtam ist jetzt ein Muslim, der durch sein Handeln Juden rettete, zum neuen Nationalheld Frankreichs geworden und er hielt endlich die langersehnte Staatsbürgerschaft. Ihm sei es gegönnt und ich gratuliere. Doch die ganzen Papnasen, die Herrschaften, die sich in diesem Licht sonnen bleiben mir suspekt.

Was aber die Massenbewegungen auslöste, war, dass alle spürten, dass der Angriff auf die Meinungsfreiheit ein nicht akzeptabler Eingriff auf unser Grundrecht bedeutet. Es ist schon komisch, da werden Menschenrechtverletzungen zuhauf auf dieser Welt ermittelt und viele Organisationen weisen unaufhörlich darauf hin. Im Internet haben sich gigantische Kampagnennetzwerke gegründet, die in Form von Petitionen Unterschriften sammeln und auch immer wieder Erfolge mit ihren Aktionen aufweisen können, sowie Change.org oder Avaaz.org.

Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Bundesregierung die Möglichkeit der e-petitionen (https://www.epetitionen.bundestag.de) anbietet, wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, in wieweit diese unzähligen Petitionen aufgearbeitet und politisch berücksichtigt werden.

Aber zurück zu der Entwicklung von ‚Charlie Hebdo‘. Als Folge dieser terroristischen Handlungen werden leider auch einige, in meinen Augen dumme, gar einfältige, Optionen wie die Todesstrafe in Frankreich gefordert. Es wird auch nicht leicht sein, mit weiteren Auswirkungen umzugehen, wie den Absagen für die Demonstrationen letzten Montag in Dresden. Wird dies jetzt die Möglichkeit geben, bei jeder ungeliebten Demo, den Terrorkasper aus dem Hut zu zaubern, wie einige in den Medien schon unken?

Ich glaube nicht. Dafür sind wir zu stark! Lasst uns die Bürgerämter und die Abgeordneten aufsuchen und epetitionen schreiben bis die Rechner qualmen. Wir haben viele Möglichkeiten, lasst sie nicht unbeachtet!

Die Gedenkfeiern und die Mahnwachen weltweit waren für mich beeindruckend, und ich halte sie nach wie vor für absolut wichtig und sie haben mir gezeigt, dass das Abstumpfungspotenzial der Menschen noch lange nicht bei 100% angekommen ist. Das gibt mir Hoffnung, der ich im Allgemeinen, ein eher skeptischer Mitbürger bin. Nicht, weil ich denke, jetzt wird alles gut und alle ziehen am selben Strang. Nein, weil ich spüre, es beginnt eine neue Form der politischen Kommunikation. Menschen zeigen mit ihren Körpern, dass der Geist in ihnen nicht mehr alles hinnimmt. Unsere Regierungen nehmen langsam wahr, dass sie in unserem Sinne handeln und verwalten müssen. Dieser Ansatz gefällt mir, gibt mir neue Kraft!

Ist es wirklich erstaunlich, dass diese Massensolidarität gerade wie ein Hype durch Europa geht? Nein! Es scheint mir wie in einem Dampfkochtopf, in dem einfach zu viel Druck herrscht. Da pfeift das Ventil und der Überdruck muss raus, um ein Bersten zu verhindern.

Medienportale schalten schnell Werbefilmchen vor alle Pegida- und JeSiusCharlie-Clips mit Reisetipps. Klicks regieren die Welt. Zahlnen, die sich auszahlen. Es soll uns nicht ärgern!
Klar, wird diese Reaktion medial verwertet und politisch genutzt. Auch mit gefakten Bildern und Eindrücken dank der Presse, die ich sowieso nicht für ernst nehme. Immerhin ist diese Situation ideal, wie einst die Oderflut, genial, wie die Weltmeisterschaft, und sie kommt fast so gut daher, wie der 25. Jahrestag des Mauerfalls.
Wichtig bleibt die Hoffnung: Vielleicht sind wir aufgewacht!

Europa schaut nach Frankreich! Europa schaut nach hier! Europa schau auf!

Wir sind alle Winnetou. Ach, Quatsch Charlie
– oder was Ihr wollt!

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Text und Grafik: Rainer Ernst
© 2015 BonMoT-Berlin

Kategorien:Kabarett, Schräges
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