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Frohgemut in der Hoffnungslosigkeit – Kritik Zärtlichkeiten mit Freunden

2015-02-21 Zärtlichkeiten mit Freunden - BKA - Foto © Carlo Wanka 062aZärtlichkeiten mit Freunden: „Rico Rohs und das Ines Fleiwa Quartett“

von Beate Moeller

BERLIN – Übelst krass: Dass so eine bekannte Band sich ausgerechnet kurz vor dem Auftritt entzweit. Nach den heftigen Differenzen in der vergangenen Woche, die „menschlich indiskutabel“ waren, bleibt Cordula Zwischenfisch jedoch nichts anderes übrig, als noch kurz vor Beginn der Show im BKA-Theater seinen Abschied anzukündigen und die Bühne zu verlassen.

Das Aus für Zärtlichkeiten mit Freunden. Nomen est eben doch nicht immer omen.

„Das war sinnlos“ hätte vermutlich der verächtliche Kommentar von Rico Rohs mal wieder gelautet, hätte er das gewusst. Doch der hat keinen blassen Schimmer – auch nicht davon, wessen Platz er einnimmt, als er die grandiose Chance erhält, der zweite Mann im Ines Fleiwa Quartett zu werden.

Spaß beiseite, zum Grundsätzlichen: Das Musik-Comedy-Duo Zärtlichkeiten mit Freunden besteht aus Christoph Walther und Stefan Schramm. Was die beiden nicht daran hindert, sich diesmal als Quartett zu bezeichnen, obwohl sie drei Rollen spielen. Sie geben sich Frauennamen – Cordula Zwischenfisch und Ines Fleiwa – was aber nicht bedeuten muss, dass sie etwa in Frauenfiguren schlüpften oder irgendwie schwul wären. Ebenso ist komplett auf dem Holzweg, wer mit einem Konzert rechnet, nur weil auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ein ganz beachtliches Schlagzeug, E-Gitarre und Verstärker aufgebaut sind. „Sinnlos“.

Straße - Kreuzung - Hochhaus - Antenne

Straße – Kreuzung – Hochhaus – Antenne

So kann man sich täuschen (lassen). Es ist wie im richtigen Leben: Die in Aussicht gestellten bleiben leere Versprechungen. Der Anblick der Musikinstrumente löst eine Erwartung aus, geradezu einen Pawlowschen Reflex.

Für diesen Bruch mit der Kunst, ihre Methode, das konditionierte (um nicht zu sagen: speicheltriefend amüsierwillige) Publikum zu irritieren, sind Zärtlichkeiten mit Freunden mit fast allen verfügbaren Preisen des Genres ausgezeichnet worden.

Faszinierend die Figur dieses Rico Rohs, der alles andere ist als rigoros, selbst wenn sich der Name in seiner sächsischen Mundart so anhört. Obwohl er offensichtlich ziemlich bescheuert ist und sich ständig am Ekzem kratzen muss. Das ist der Auslöser für diesen verklemmten Jungen, der kurz vor der Pubertät steht, aus einfachen Verhältnissen und einer vielpersonigen Patchwork-Familie kommt, seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Das eine Brillenglas ist geklebt, die lila-weiße Baseball-Jacke aus dem Third-Hand-Shop. Tapfer-trotzig wiederholt er immer wieder, was man ihm eingetrichtert hat. Er hat ja gelernt, das zu glauben, selbst wenn er noch nicht erfahren musste, wie wenig das hilft:

„Man muss immer fleißig lernen, damit man einen guten Abschluss macht, damit man einen guten Beruf kriegt. Sonst bleibt man auf der Strecke.“

Der eingesprungene Rico Rohs wird zur Hauptfigur des Abends. Er mäandert sich durch seine hoffnungslos belanglose kleine Welt, die irgendwann mit einer Luftkur an der Ostsee gegen dieses Ekzem ein Erlebnis erfuhr. Offenbart viel von den Macken der verschiedenen Mamas und Papas, Tanten oder Omas (oder wie nennt man diese Verwandtschaftsverhältnisse?) und der strengen Nachbarin zu Hause in Sachsen, die dem leidenschaftlichen Schlagzeuger sogar nur 15 Minuten täglich am „Drammssett“ verbietet. Kommt noch hinzu die unerfüllte Verliebtheit in Saskya (mit Ypsilon) Speier (!) aus Wismar. Herzlichen Glückwunsch. Verzweiflung pur.

Selbst wenns auf dem Plakat steht, mit Comedy (im Sinne von „Meine Freundin spielt vor jedem Schaufenster mit Schuhen verrückt“) hat das wirklich nichts zu tun, mit so einer populistischen Form der Unterhaltung. Dieses Stück hat eher Beckettsches Format.

Ja, sie zeigen schon auch mal, was sie an Gitarre und Schlagzeug so drauf haben, die Zärtlichkeiten mit Freunden. Kompliment an Stefan Schramm, der sich seit Jahren mit der Rolle der Ines Fleiwa begnügt – unter schlechter Blondhaarperücke als wortkarger Stichwortgeber. Einzigartig Christoph Walther als Rico Rohs, der naiv vermeintlich dummes Zeug plappert, geradezu versehentlich scharfe politische Spitzen abschießt und in seiner ganzen Erbärmlichkeit jeden anrührt – weil das einfach so wahr ist. Alles kaputt hier, aber auch ausgesprochen komisch.

© 2015 BonMoT-Berlin, Fotos: Carlo Wanka

Homepage Zärtlichkeiten mit Freunden mit allen TourterminenBKA-TheaterWorld of Friends

 

  1. Marianne
    2. März 2015 um 16:23

    … nach dieser differenzierten – und wunderbar zu lesenden – Besprechung bin ich schon sehr neugierig auf das Programm von Zärtlichkeiten
    Danke sagt
    Marianne

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