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Boulevard brutal – Kritik Ingolf Lück

Ingolf Lück Seite eins 01 - Foto Volker ZimmermannIngolf Lück: „Seite eins“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Im Berliner Tipi am Kanzleramt hat Ingolf Lück die Berlin-Premiere des Theaterstücks „Seite eins“ gefeiert. Das Lehrstück von Johannes Kram, der Ende der Neunziger als PR-Stratege von Guildo Horn für Wirbel sorgte, zeigt exemplarisch die Mechanismen des Boulevard-Journalismus auf und gibt Ingolf Lück ganz nebenbei die Möglichkeit, sich von einer anderen als der komischen Seite zu zeigen.

Er spielt Marco, einen erfahrenen Reporter einer Boulevardzeitung. Viele Geschichten hat er in seinem Blatt schon, nun sagen wir, gestaltet. Jeden Tag jagt er nach einer neuen Story für die „Seite eins“. Anfangs zeigt er sich verwundbar, will vom Publikum wissen, was es über ihn denkt. Die gebotene Höflichkeit und seine unantastbare Überheblichkeit machen es schwer, diesen ungepflegt wirkenden Unsympathen zu mögen. Doch darauf kommt es ihm auch gar nicht an.

Marco erklärt die Ideologie des Boulevard so: „Die seriösen Journalisten sagen nicht die Wahrheit, sie schützen die Leser vor der Wirklichkeit!“ Warum werde verschwiegen, dass die Gruppe Jugendlicher türkischer oder arabischer Abstammung war, fragt er scheinheilig. Der Boulevard-Journalismus sei dagegen ehrlich, nenne die Dinge beim Namen und nehme die Leser ernst! Halt, Werte und Wirklichkeit vermittelten diese wahrheitsliebenden Kollegen.

Es wird einem Angst und Bange, wenn man diese in sich geschlossene Argumentation hört. Voller Selbstgerechtigkeit und frei von Zweifeln behauptet hier einer zu wissen, was richtig ist. Was die Leute wollen. Was Erfolg hat. Die Auflagenzahlen geben ihm offensichtlich Recht. Für den morgigen Erfolg braucht Marco eine neue Geschichte.

Der Anruf der Sängerin Lea kommt ihm da gerade Recht. Lea will ihr eigenes Ding machen, fern von den Major-Labels. Auch mit den Boulevard-Blättern hat sie nichts am Hut. Andererseits sollen alle wissen, dass sie eine neue Platte veröffentlicht hat – und möglichst viele sollen sie natürlich kaufen!

Lea lässt sich auf ein übles Spiel ein. Einerseits will sie ihr Privatleben schützen, andererseits braucht sie die Publicity. In Marco findet sie einen teuflisch guten Partner. Er lockt und droht, er erpresst und lügt. Und er redet sich ein, nichts Wahrheitswidriges verbreitet zu haben: Sein Artikel behaupte nicht, dass Lea mit einem Mann zusammen sei – aber wenn man das herauslesen wolle…

Marco spielt mit Lea ausschließlich am Telefon. Ingolf Lück ist in diesem Kammerstück allein, sein einziges Requisit ist neben dem Smartphone ein Stuhl. Er triumphiert, er bricht zusammen, seine Felle schwimmen ihm weg und schließlich gewinnt er doch. Zweifelsohne eine Leistung. Doch Lück setzt stark auf die lauten Töne. An das Leise traut er sich nicht heran. Immer wieder die große Geste, mit Kleinem gibt er sich nicht ab.

Dieses Kammerstück, das Christian Schäfer im September 2014 für das Theater Gütersloh eingerichtet hat, ist ein reines Spiel mit den Erwartungen. Auch mit den Erwartungen an Ingolf Lück. Denn wenn der Ehrenpreisträger des Deutschen Comedy-Preises 2014 einen Solo-Abend gestaltet, muss es noch lange nicht lustig sein!

Nach der Pause kann sich jeder ein BILD machen, welches Blatt hier gemeint ist: „Wir sind Volkshandy, Volkskühlschrank, Volksbewegung. Wenn Ihnen das keine Angst macht, überlegen Sie, warum!“, sagt Marco. Mit freundlichem Applaus und vereinzelten Buh-Rufen geht der Abend zu Ende. Ein Risiko, das man bei jedem ruhmheischenden Vorhaben auf der Bühne in Kauf nehmen muss.

© 2015 BonMot-Berlin
Fotos: Volker Zimmermann

Ingolf Lück spielt „Seite eins – Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ von Donnerstag, den 5. März, bis Sonntag, den 8. März 2015 wieder in Berlin im Tipi am Kanzleramt.

Kartentelefon: 030.39 06 65 50

Links: tipi am KanzleramtWorld of Friends„Seite eins“ mit weiteren Terminen

 
Ingolf Lück Seite eins 02 - Foto Volker Zimmermann

Kategorien:Kabarett, Kritik
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