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Mit wachem Geist und einer Schwäche für die Klamotte – DVDs von und mit Dieter Hildebrandt

Dieter Hildebrandt  - DVD Cover TackerfilmHildebrandts letztes Programm „Ich kann doch auch nichts dafür…“ und die beiden Klamödien „Star im Nest“ und „Wurm im Bau“

von Marianne Kolarik

Soest, Februar 2013: Dieter Hildebrandt tritt mit seinem letzten Programm „Ich kann doch auch nichts dafür…“ in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt auf. Rüdiger Daniel hatte von ihm die Erlaubnis bekommen, den Abend aufzeichnen zu dürfen. Er wollte den im November 2013 gestorbenen Kabarettisten für die WDR-Sendereihe „Lachgeschichten“ porträtieren. Daraus ist nichts mehr geworden. Aber nun liegt das letzte filmische Dokument eines Bühnenauftritts von ihm vor. – Während man ihm zusieht und –hört, ist es, als begegne man ihm. Da sitzt er mit funkelnden Augen, einen Stapel Papier vor sich auf dem Tisch, die Brille auf- und absetzend und liest freisprechend und frei haspelnd vor.

So, wie man ihn kennt – und wie ihn alle geliebt haben; ob Lieschen Müller oder der Honorarprofessor, der Abteilungsleiter oder die Drogerie-Fachverkäuferin. Er wettert gegen das Wachstum der Verblödung, er beklagt seine Unfähigkeit, bei den Wahlen in Bayern zu den Siegern zu gehören („Ich wähle seit 63 Jahren dagegen an“) und erzählt von seiner Begeisterung fürs Ski-Springen im Ersten („Die fahren oben links rein und unten rechts wieder raus“). Und er staunt über die Formel 1-Rennfahrer, die offenbar regelmäßig vergessen, das Auto vor dem Rennen vollzutanken. Sein wacher Geist verbindet bislang nicht Zusammengehöriges: Es ist sein unverstellter, jungenhafter Blick auf die Dinge und die Absurditäten, mit denen Großereignisse zelebriert werden, die sich dem Zuschauer dabei neu erschließen.

Und er geht der Sprache auf den Grund: dass man Wettkämpfe auch Ausscheidungen nennt – nur zum Beispiel. Er kitzelt aus scheinbar selbstverständlichen Erscheinungen deren himmelschreiende Komik heraus, reichert sie mit Assoziationen an und überlässt es dem Publikum, sich an den Kopf zu fassen oder laut zu lachen.

Zunächst hätte das Programm „Mit 90 in die Kurve“ heißen sollen, weil er wissen wollte, wie es hinter der nächsten Kurve weiter geht. Vielleicht gar mit einer Sendung namens „Deutschland sucht den grauen Star“. Er macht sich lustig über die um sich greifenden Angebote von Glücksforschern (Glüfos) und Lachforschern (Lafos) und plädiert für eine neue Verschwiegenheit. Aber Hildebrandt wäre nicht der große, integre Mann des Kabaretts gewesen, wenn er sich selbst verschont hätte, indem er etwa seine zunehmende Vergesslichkeit als „weniger nachtragend“ bezeichnet.

Dieter Hildebrandt  - DVD Star im Nest TackerfilmIn dem Interview, das unter anderem als Bonus-Material zu sehen ist, betont er, immer schon eine Rampensau gewesen zu sein und bereits in der Schule den Mund weit aufgerissen zu haben. Die Bühne habe ihm den Psychiater erspart: „Ich lass das hier einfach raus“. So hintergründig, wie mancher meine, sei er gar nicht. Dafür war er vordergründig umso wirkungsvoller. Auf der Basis seiner von der weiblichen Sippe ererbten Grundtoleranz, machte er Mut und schürte die Kampfeslust nach dem Motto: Man soll sich nichts gefallen lassen.

Zwei Klamödien: „Star im Nest“ und „Wurm im Bau“
Etwas älter, nämlich von 1973, sind die Hildebrandt’schen „Klamödien“, ein Amalgam aus Klamotte und Komödie: „Star im Nest“ und „Wurm im Bau“, in denen der Kabarettist seinem ausgeprägten Hang zur Klamotte frönte – natürlich mit gnadenlos kritischem Unterbau. Der „Star im Nest“ heißt Robbi Schleich (Hans-Jürgen Diedrich) und macht sich als Hauptgewinn einer Fernsehlotterie bei den Meusels (Dieter Hildebrandt und Edith Hancke) dicke: ein aufgeblasener Wichtigtuer und Schleimer, der zusammen mit seinem Kamerateam die Wohnung der braven Bürgersleute komplett ruiniert. Auch der „Wurm im Bau“ scheint eine lange Tradition zu haben. Dass der Verkehr bereits in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts aus kleinen Anlässen zusammenbrechen konnte (Stichwort: Kolonnen-Koller), nimmt man als die eine Erkenntnis mit, die zweite, dass Hildebrandt ein weitsichtiger Kindskopf war.

P.S. Beide „Klamödien“ wurden vor Publikum aufgezeichnet: hier lohnt sich eine intensive Begutachtung der Frisuren. Außerdem wird geschmaucht, was das Zeug hält. Kippen, Pfeifen, Zigarren – damals waren sie ja noch nicht ungesund.

© 2015 BonMoT-Berlin

Dieter Hildebrandt: „Ich kann doch auch nichts dafür…“, DVD, 110 Minuten
Dieter Hildebrandt: „Star im Nest“ (und „Wurm im Bau“), DVD, 173 Minuten
erschienen bei Tackerfilm, Preis jeweils 19,90 Euro, direkt dort bestellbar

Kategorien:DVDs, Kabarett
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