Startseite > Kabarett, Kritik > Auf den Unsinn kommt es an – Dernierenkritik Wolfgang Trepper

Auf den Unsinn kommt es an – Dernierenkritik Wolfgang Trepper

Trepper - Nich mit mir - Foto PRWolfgang Trepper: „Nich‘ mit mir!“

Eigentlich besprechen wir hier aktuelle Programme und gerne lenken wir auch die Aufmerksamkeit auf Künstler, die erst seit kurzem ihre Bühnenprogramme präsentieren. Eigentlich. Denn diesmal ist das richtig schief gegangen! Unseren Kritiker Gilles Chevalier führte der Weg dieser Tage nämlich in das ausverkaufte Berliner Kabaretttheater „Die Wühlmäuse“ zu einem Auftritt von Wolfgang Trepper.

von Gilles Chevalier

BERLIN – An diesem Abend spielte der Künstler sein Programm „Nich‘ mit mir“ zum letzten Mal. Und unbekannt ist der gebürtige Duisburger, der seit vielen Jahren in Hamburg zu Hause ist, nun auch nicht gerade. 14 Kabarett-Soloprogramme hat er schon gestemmt. Das nächste wird „Nutten, Koks & frische Erdbeeren“ heißen und am Ostermontag 2015 im Duisburger „Steinhof“ Premiere haben. Zusammen mit der Schlagersängerin Mary Roos wird er sich dem deutschen Schlager widmen: Mary Roos singt, Wolfgang Trepper nimmt die Texte auseinander und gemeinsam wollen sie die Hintergründe des Showbusiness‘ ausleuchten.

Mit der Unterhaltung hat es Wolfgang Trepper auch in seinem abgespielten Solo „Nich‘ mit mir“ gehabt. Genauer gesagt mit dem, womit sich die Mediengesellschaft unterhält. Für ihn ist es ein Thema, womit sich das derzeit erfolgreichste Buch beschäftigt: „Furzen macht Spaß“. Mehr muss er zum Bestseller „Darm mit Charme“ nicht sagen, um das Publikum auf seiner Seite zu haben. Stets sucht er nach dem Sinn eines Ereignisses – und wenn es sich nur um erfolgreiche Fernsehunterhaltung handelt.

Manchmal resigniert er dabei: „‘Wer wird Millionär‘ ist für Leute mit NRW-Abitur die einzige Chance, an Geld zu kommen.“ Auch an anderen RTL-Formaten, wie „Bauer sucht Frau“, lässt Trepper kein gutes Haar. Es ist aber nicht allein das Fernsehen, das ihn wütend macht. Er ärgert sich über drei Figuren, die in der Wuppertaler Fußgängerzone als Scharia-Polizei auftreten und damit ein bundesweites Medien-Echo erzeugen. Auch auf manchen Vorschlag der politischen Klasse kann Trepper nur mit bitterem Sarkasmus reagieren. Parteigrenzen sind ihm dabei egal – auf den Unsinn kommt es an! „Was ist abstoßender“, fragt er, „100 Jahre Erster Weltkrieg oder 48 Jahre Markus Söder?“

Trepper ist klar, dass es manchmal keine Wahrheit geben kann. Dabei blickt er auf die Ukraine- und die Griechenlandkrise. Im nächsten Atemzug stellt er die Frage, warum 25.000 Ebola-Tote in eineinhalb Jahren so eine intensive Berichterstattung bewirken, während täglich (!) 25.000 Hungertote oder jährlich 1.500.000 TBC-Tote im öffentlichen Bewusstsein nicht wahrgenommen werden. Antworten hat er darauf nicht, aber das Aussprechen dieser Ungeheuerlichkeiten bewirkt ein Nachdenken beim Publikum.

Und mit dem Publikum weiß Wolfgang Trepper großartig umzugehen! Schon nach wenigen Minuten hat er es auf seine Seite gezogen, geht aber auch harsch mit Einzelnen um, die ungefragt agieren. Keine Frage: Der Star im Rampenlicht lässt sich die Show nicht nehmen! Weil man sich aber nicht den ganzen Abend aufregen kann, streut Trepper ein paar Geschichten aus seinem Leben ein.

Da ist der Kochkurs, den seine Freundin für das Paar gebucht hat und den Trepper polternd platzen lässt. Kein Teller geht dabei zu Bruch, doch die Beziehung zu seiner Freundin wird auf eine harte Probe gestellt. Ähnlich wie bei der „schwärzesten Stunde seines Privatlebens: dem Cluburlaub.“ Er fragt nach dem Berufsbild des Animateurs, das er so definiert: „Als Model zu hässlich, für Guantanamo zu grausam.“

Irgendwann nimmt Trepper sich vor: „Ich reg‘ mich nicht mehr auf“. Unwichtig, ob es sich um Hühnersuppe ohne Huhn oder täglich 90.000 gefesselte alte Menschen in Pflegeeinrichtungen handelt. Oder um die Hartz IV-Regelungen. Ganz still wird es im Saal, als er an einem einfachen Beispiel erklärt, wie man schuldlos von der Mittelschicht in die Hartz IV-Schicht gleiten kann. Auch wenn bisweilen alle Hartz IV-Empfänger über einen Kamm geschoren werden, kann es jeden treffen. Erstaunlich, wie ein seit zehn Jahren gültiges Gesetz die Zuschauer so bewegen kann, nur weil es einmal plastisch gemacht wird.

Dieser große Moment krönt einen gelungenen Abend, den man so leider nicht mehr sehen kann. Aber beim nächsten Auftritt von Wolfgang Trepper ist Live und lustig rechtzeitig vor der letzten Aufführung vor Ort. Versprochen!

© 2015 BonMot-Berlin
Foto: PR Wolfgang Trepper

Websites: WühlmäuseWolfgang Trepper mit TourplanWorld of Friends

Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: