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Ein Abend wie Vanille-Knoblauch-Eis – Premierenkritik Till Reiners

Till Reiners im Mehringhoftheater – Foto Carlo Wanka © BonMoT-Berlin Ltd.Till Reiners: „Auktion Mensch“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Im gut besuchten Berliner Mehringhoftheater hat Till Reiners die Premiere seines Programms „Auktion Mensch“ gefeiert. Die beiden Programmhälften trennt eine Pause – die Qualität der beiden Hälften ein riesiger Graben.

Till Reiners wirkt in seinem zweiten Programm gefälliger als im ersten. Die dunkelblonden Haare sind etwas kürzer und immer noch sauber gescheitelt. Und dann dieses Lächeln! Stundenlang muss er geübt haben, um diese Mischung hinzubekommen: Etwas aus Dr. Best, Werbung für die Zahnpflegeinnung und einem Trailer aus „Schwiegermutter gesucht“. Damit lässt sich jeder nicht gezündete Gag überbrücken. Und davon gibt es im ersten Teil einige.

Reiners sagt zwar am Anfang: „Ich habe mir Gedanken gemacht über den Kapitalismus“, doch die Ergebnisse dieses Denkprozesses tröpfeln nur sehr zaghaft in den Saal. Stattdessen sucht er lang und breit, das beste Kabarettprogramm überhaupt zu gestalten. Um herauszufinden, welche Themen und Gags zünden, hat er Papier in ein Klemmbrett gespannt und macht sich Notizen.

Lange dauert diese Erforschungsphase. Nebenbei plaudert er über seine Erlebnisse als dickes Kind im Sportunterricht, widerlegt die These, dass Wachstum Arbeitsplätze schaffe und weist auf die Vorteile der Vorurteile hin: „Wir brauchen Vorurteile, um uns besser zu fühlen.“ Besser als die Anderen, die in vielleicht anregenderen Kabarettprogrammen sitzen.

Fast eine Dreiviertelstunde lang geht es ausgesprochen beliebig zu. Für Stand-Up klebt Reiners zu sehr am Text und für Kabarett ist er in der ersten Hälfte zu selten gehaltvoll. Je näher jedoch die Pause rückt, desto mehr kommt Reiners wieder zurück in Haltung seines ersten Programms „Da bleibt uns nur die Wut“. Damals hatte er sich in Rage geredet und durch heftige Überlegung so manches entlarvt.

Und tatsächlich ist Reiners nach der Pause wie ausgewechselt. Das anbiedernde Lächeln ist ihm vergangen, ganz und gar konzentriert er sich jetzt auf die Sache. Die Suche nach dem perfekten Programm tritt schnell in den Hintergrund, Reiners denkt jetzt über den Menschen nach: „Die gleiche Spezies, die die Relativitätstheorie erdacht hat, hat auch Handyschmuck entwickelt.“ Oder die Sache mit dem Erwachsenwerden. Das ist für ihn: „Freundschaft mit der eigenen Dummheit schließen.“

Zur Höchstform läuft Till Reiners auf, wenn er das Scheinargument auseinandernimmt, mit der Vorratsdatenspeicherung hätten die NSU-Morde verhindert werden können. Oder wenn er sich Pegidas Wahrheitsanspruch entgegenstellt: „Der Staat will dir deine Meinung verbieten? Nein, dein Verstand will dir deine Meinung verbieten!“

Herrlich auch, wie er sich mit dem „Wahlprogramm in einfacher Sprache“ einer großen christlich-demokratischen Partei auseinandersetzt. Aus 80 Seiten Wahlprogramm werden auf einmal 20 – einfach nur, weil die rhetorischen Füllsel fehlen. „Oh nein, mein Moralinspiegel sinkt. Auf unter zwei Gauck!“, lässt er einen Umweltaktivisten noch ausrufen, bevor er als Pseudo-Bessermacher den Spiegel vorgehalten bekommt. „Mein Programm ist mein Gedanken-Best-of“, sagt Reiners, „Wie dumm ich dazwischen bin, könnt ihr nicht mal erahnen!“

Was nach der Pause im Berliner Mehringhoftheater stattfindet, ist politisches Kabarett der Spitzenklasse. Schlag auf Schlag greift Reiners die Themen auf. Hier steht ein junger, unverbrauchter Künstler auf der Bühne, der für die aktuellen politischen Themen seine eigene Herangehensweise gefunden hat. Unverständlich bleibt, warum sich der erste Teil des Programms in Form und Gestaltung so sehr vom zweiten Teil abhebt. Beide Teile zusammen sind wie Vanille-Knoblauch-Eis – eine extraordinäre Kombination für ausgewiesene Feinschmecker.

©2015 BonMot-Berlin Ltd.
Fotos: Carlo Wanka/ BonMoT-Berlin

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Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere

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