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Grober Unfug und große Kunst – Kritik Nessi Tausendschön

Nessi Tausendschön - Foto © Uwe WürzburgerNessi Tausendschön:
„Essig im Herz der Limonade“

von Marianne Kolarik

KÖLN – Zum Sprichwort wird der Titel ihres neuen Programms vermutlich nicht: „Essig im Herz der Limonade“ klingt zwar hübsch, bedarf aber der näheren Erläuterung. Das weiß auch Nessi Tausendschön, die Schöpferin dieser Metapher und klärt über deren tieferen Sinn auf: Wenn etwas so Schönes wie Limonade durch Zugabe von Essig mit einem Schlag zerstört wird.

Davon kann die Chanteuse denn auch so manches Liedlein singen und tut es umgehend. Und zwar in Begleitung von William Mackenzie und Shakya Matthias Grahe. Letzterer beherrscht das Cello und die Dilruba, die Ukulele und das Hang, ein entfernter Verwandter der Steel Drum, das der Musiker unter erschwerten Bedingungen in der Schweiz erworben hat.

Mackenzie wiederum spielt Gitarre (inklusive Slide), benutzt die Fußtrommel und das schräge Omnichord, lässt Chorgesang zum Himmel steigen und verwandelt sich schließlich in ein veritables Balalaika-Orchester. Tausendschön singt zum Dahinschmelzen, entlockt der singenden Säge sirrende Laute, klimpert auf einem klitzekleinen Xylophon herum, baut hie und da einen witzigen Ausdruckstanz in ihre Choreographien ein, die einer indischen Göttin abgeguckt zu sein scheinen und legt sich mit dem Publikum an („Ihr seid gehässig!“). Kurz: das Trio schont weder sich noch die Zuhörer.

Dass nicht alle Lieder taufrisch sind, stört dabei kein bisschen. Schließlich kann man nicht genug bekommen von den musikalischen Perlen, die Frau Tausendschön mit Wucht, Wut und Wahnsinn auf ihrer selbst gehäkelten Kette aufreiht. Wenn sie „Ich sing wie Max Raabe“ intoniert und damit eine Parodie auf den Chansonnier anstimmt oder das Trinkerlied „Bar der Vernunft“ säuselt, geraten die Synapsen der Zuschauer in Wallung – ein Zustand äußerster Erregung stellt sich ein.

Ob Schabernack, grober Unfug oder große Kunst – die selbst ernannte Expertin für bodenständige Zerknirschung und Fachfrau für Jux und Dollerei ist der lebende Beweis dafür, dass die Bezeichnung Kleinkunst für eine Bühnenperformance wie sie sie praktiziert, längst obsolet geworden ist. Nur: Wem fällt ein passenderer Name ein? An diesem Abend in der Kölner Comedia jedenfalls niemandem. Vielleicht sollte man eine Petition starten: „Helft der Kleinkunst – die zehnte Muse sucht nach einem neuen Namen“.

©2015 BonMoT-Berlin
Fotos: Uwe Würzburger | Imke Nagel

Nessi Tausendschön: „Essig im Herz der Limonade“ – die nächsten Termine HIER.
Vom 23. bis zum 26. September 2015 Premiere des neuen Programms „Knietief im Paradies“ im Düsseldorfer Kom(m)ödchen

Links: Nessi TausendschönImke NagelWORLD OF FRIENDS

 

Nessi Tausendschön - Foto © Künstleragentin Imke Nagel

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