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So eine Frisur kann nicht lügen – Kritik Christian Ehring

Christian EhringChristian Ehring: „Anchorman –
Ein Nachrichtensprecher sieht rot“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Um den Kabarettisten Christian Ehring live und persönlich zu erleben, muss man Glück haben. Einfacher ist es, ihn im Fernsehen in der ARD oder im NDR mit „extra 3“ oder als Mitglied des Düsseldorfer Kom(m)ödchen-Ensembles zu sehen.

Im sehr gut besuchten BKA-Theater in Berlin-Kreuzberg hat er sein Solo-Programm gespielt: „Achorman – Ein Nachrichtensprecher sieht rot“.

Christian Ehring ist Elmar Stelzwedel, Moderator der sehr späten Spätnachrichten. Sein Credo: „Sie können mir vertrauen. Kann diese Frisur lügen? Das ist gefönte Seriosität!“ Herr Stelzwedel ist ein alter Fuchs im Nachrichtengeschäft. Viele Jahre war er dabei, jetzt hat er seinen Job verloren und sinnt auf Rache. Als Whistle Blower versucht er, Redaktionsinterna an die Presse zu geben. Doch mit dem Zurückrufen klappt es nicht so recht. Niemand interessiert sich für seine Informationen – weder beim Spiegel, der Bunten noch bei der Bravo!

Nach seiner Entlassung sucht Stelzwedel Hilfe bei einem Therapeuten. Und natürlich beim Arbeitsvermittler im Jobcenter. Gekonnt spielt Christian Ehring diese Zwiegespäche auf der Bühne. Deutlich wird dabei, wie orientierungslos und lebensuntüchtig die Figur des Elmar Stelzwedel ist. Jahrelanges Gefangensein in der Nachrichtenblase hinterlässt eben Spuren.

Er kennt sich aus, hat alle Mächtigen schon zum Interview begrüßt und Meldungen zu jedem Thema verlesen: „Die Menschen wollen von uns gesagt bekommen, wovor sie als nächstes Angst haben müssen.“ Kein Wunder, dass Stelzwedel nun ins Plaudern kommt und die Rahmenhandlung mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Eine gewisse Beliebigkeit stellt sich bei den von ihm bearbeiteten Themen ein: Da ist der eine wichtige Satz eines jeden Bundespräsidenten, das groß angekündigte No-Spy-Abkommen, die Diskussion um die Leitkultur und, und, und. Es hat sich ja auch einiges angesammelt in den mehr als zehn Jahren (!!!), in denen er mit diesem Programm in immer wieder aktualisierten Fassungen unterwegs ist.

Manchmal sitzt man mit offenem Mund da, wenn es zum Beispiel um Pegida geht. Ehring fragt, wieso die Menschen in einem Landstrich aus Angst vor der Islamisierung auf die Straße gehen, obwohl es dort fast keine Ausländer gibt. Diese Angst könne doch nur durch Medienkonsum entstanden sein. Vom Konsum der Medien, die von den Demonstranten im selben Atemzug als „Lügenpresse“ diffamiert werden!

Zur allgemeinen politischen Unzufriedenheit hat er auch eine These: Ziel der Verfassungsväter waren starke Parteien und schwache Persönlichkeiten. Da sich im Laufe der Zeit jedoch eine starke Individualisierung in der Gesellschaft durchgesetzt habe, sehnen wir uns jetzt wieder nach starken politischen Persönlichkeiten. Die Individualisierung erkennt Ehring an anderer Stelle als Wurzel allen Übels – er legt Osama bin Laden diese Worte in den Mund, mit dem er im Traum ein Gespräch führt.

Christian Ehring wird im BKA-Theater für sein Programm „Anchorman – Ein Nachrichtensprecher sieht rot“ gefeiert. Zu Recht, denn diese zwei Stunden machen Lust auf mehr Kabarett und mehr Christian Ehring.

© 2015 BonMot-Berlin Ltd.
Foto: Harald Hoffmann

Kategorien:Kabarett, Kritik
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