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Neuestes Berliner Chanson – Uraufführungskritik Matthias Binner

Matthias Binner - Foto PRMatthias Binner: „Vorbeischneiten Freiheiten“

von Gilles Chevalier

BERLIN (gc) – Schüchtern und ein wenig ängstlich blickt Matthias Binner auf der Postkarte seines ersten Solo-Programms „Vorbeischneiten Freiheiten“. Als ob von rechts oben gleich ein Unheil auf ihn zukäme.

Das kommt jedoch bestimmt nicht von den Besuchern der Uraufführung, denn Matthias Binner wurde im ausverkauften zebrano-theater in Berlin-Friedrichshain gefeiert. Seine hintergründigen Texte und seine abwechslungsreichen Kompositionen fanden großen Anklang.

Anfang vierzig ist er – und Berliner. Genauer gesagt, ist er im Spandauer Ortsteil Staaken aufgewachsen. Der liegt so weit im Berliner Westen, dass zentral siedelnde Hauptstädter ihm das Berlinersein schon wieder absprechen könnten. Klavier, Gitarre, Melodica und Glockenspiel nutzt er in seinem Programm. Die Melodica kann er, dank eines verlängerten Mundstücks, sogar gleichzeitig mit dem Klavier spielen.

Matthias Binner war schon oft als musikalischer Leiter verschiedener Bühnenproduktionen tätig. Vor allem in Berlin, in der Bar jeder Vernunft oder im Kleinen Theater, zum Beispiel. Maren Kroymann lässt sich in ihren Programmen gern von ihm am Klavier begleiten. Jetzt aber will es Binner wissen und gestaltet, zusammen mit dem Regisseur Patrick Stauf, einen Abend für und mit sich selbst.

Das Philosophische dabei nimmt einen großen Teil in Anspruch. Das titelgebende Lied „Vorbeischneiten Freiheiten“ beschäftigt sich mit den Risiken, die von der Freiheit ausgehen. Bei Adam und Eva war dieses Risiko die Vertreibung, beim ertaubten Beethoven bestand es darin, mit künftigen Kompositionen nicht mehr reüssieren zu können. Beethoven ging das Risiko ein und erschuf Meisterwerke. Auch wir sollten heute also durchaus mal ein Risiko eingehen.

„Zweiunddreißig Gründe (noch nicht aufzugeben)“ ist ein schwungvolles Chanson, in dem Binner eben 32 Gründe nennt, weiterzumachen: „Ham‘ wir schon genug Zuneigung geneigt? // Ham‘ wir schon genug Moral und Bein gezeigt? // Genügend Harmoniewechsel vergeigt? // Ham‘ wa? Ham‘ wa nicht.“ Und dann, am Schluss, ein Hoch auf das Leben: „Es gibt immer einen Grund, nicht aufzugeben // Und niemals einen, nicht weiterzuleben.“

Ein wenig Biographisches streut Binner auch in sein Programm. „Tatsächlich geschehen“ erzählt von seinem Aufwachsen in der ummauerten Stadt. Ganz natürlich, diese Mauer, wenn man Berlin nur mit ihr kennt. Als diese Mauer dann fiel, war Binner Oberschüler und er beschreibt sehr eindringlich, dass er sich der Bedeutung dieses Ereignisses nicht bewusst war. Aber es gibt ein Foto, das ihn vor dem Brandenburger Tor stehend zeigt: „Ich traue der Kamera // dass die Mauer mal stand, // dass die Mauer verschwand // und ich dabei war, als es geschah.“

Nun könnte es merkwürdig klingen, wenn ein 42-Jähriger aus seinem Leben so erzählt, wie Opa früher vom Krieg. Es klingt aber nicht merkwürdig, denn es ist ehrlich. Auch die mittlere Generation hat weltgeschichtliche Ereignisse erlebt, nur ist sie es noch nicht gewohnt, darüber zu erzählen. Historisches thematisieren auch „Die Ruinen Germanias“. Fröhliche Kinder besteigen zum Rodeln den verschneiten Teufelsberg in Berlin. Aber diese Erhebung ist künstlich, sie besteht aus den Trümmern im Zweiten Weltkrieg zerstörter Häuser. Geschichtliches findet sich eben überall, auch wenn es manchmal verdeckt ist.

Seine musikalische Vielfältigkeit beweist Matthias Binner in einem anderen Programmteil. „Dienstag trifft sich die Mischpoke zum Seniorenkaraoke“, trällert er mit Halb-Playback im Stil eines Schlagers. Die Heimbewohner singen dann Songs der Stones und der Ramones und sind trotz des hohen Alters noch genauso für Herzensdinge empfänglich, wie früher. Das große Musical streift er in einem Lied über zwei Musicaldarsteller, die sich wegen der „Clipmicrophone“ nicht zu nah kommen dürfen – sonst kann es Störungen geben. Einen Reggae spielt Binner auf der Gitarre und auch die Gattung Dramatisches Chanson kommt mit „Lass mich nicht allein“ zur Geltung.

Dieses sehr an Jacques Brels „Ne me quitte pas“ erinnernde Stück ist einfach nur traurig-schön. Denn die Liebe als Thema fehlt an diesem Abend natürlich nicht. Binner stellt einen Zyklus von fünf Chansons zusammen, die das Werden und Vergehen einer Liebe erzählen. Vom schüchternen ersten Blick bis zur endgültigen Trennung. „Was wir war, wird wieder zu ich und zu du“ wirkt durch den monotonen Flüstergesang und die sparsame Instrumentierung bedrohlich. Wie ein Mantra wiederholt der Sänger den Refrain, um die Trennung zu begreifen.

Matthias Binner hat in „Vorbeischneiten Freiheiten“ musikalisch und textlich sehr viel zu bieten. Die griffige Gliederung und die kurzen und prägnanten Moderationen fesseln das Publikum auch zwischen den Chansons. Übrigens gibt es das Programm auch schon als Studio-CD – inklusive der Zugaben. Nicht nur auf der Bühne ein Könner, dieser Matthias Binner.

©2015 BonMot-Berlin

Für die nächste Zeit ist nur eine weitere Vorstellung von „Vorbeischneiten Freiheiten“ geplant: Matthias Binner spielt am Sonnabend, den 4. Juli 2015, im „Sally Bowles“, Eisenacher Str. 2 in Berlin-Schöneberg. Beginn ist um 20 Uhr.

Links: Zebrano-TheaterWorld of Friends

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