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Woche der Kleinkunst in St. Ingbert – der erste Wettbewerbsabend

2015- Stankt Ingbert - Scharri - Foto © BonMoT-Berlin Ltdmit Jochen Falck, Matthias Ningel und Katie Freudenschuss

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Auch die 31. Woche der Kleinkunst in St. Ingbert wird moderiert. Bereits zum fünften Mal tritt dazu Philipp Scharri an. In diesem Jahr trägt er wieder einen neuen Anzug. Taubenblau ist er diesmal und brennt nicht mehr so unangenehm in den Augen wie der rot-changierende Anzug der Vorjahre.

Und es hat sich noch etwas verändert: Scharri ist jetzt kürzer. Jedenfalls in seinen gereimten Ansagen, mit denen der gefeierte Slam-Poet die Wettbewerbsteilnehmer vorstellt. Ein feiner Zug, um die Aufmerksamkeit der vollbesetzten Stadthalle in die richtige Richtung zu lenken.

Die mehr als 800 Gäste der Halle sind manchmal für die Künstler eine Herausforderung. „Ich spiele nicht oft vor so vielen Leuten“, bekennt Jochen Falck spätabends im Festivalclub. Bei seinem Auftritt hat man von Aufregung nichts gespürt. Dafür ist Jochen Falck auch nicht der Typ. Ganz in sich selbst ruhend zeigt er Ausschnitte aus seinem Programm „Betreutes Lachen“.

2015- Stankt Ingbert - Falck - Foto © BonMoT-Berlin LtdFalcks Spezialität ist das Spiel mit Erwartungen. Der Zuschauer erwartet eine Nummer, bekommt aber zunächst eine Geschichte erzählt. So eine, wie man sie in der Zeitung in der Rubrik „Vermischtes“ findet. Eigentlich nicht wirklich wichtig, aber zum Zwecke der Unterhaltung durchaus verwendbar. Und das kann Jochen Falck ganz wunderbar, dieses Unterhalten.

Mit angenehmer Zurückhaltung gestaltet er seinen Vortrag, der davon lebt, dass dieser Schelm viel mehr kann, als er zunächst zugibt.

Klarinette spielen können einige Künstler, auch Jochen Falck. Zusätzlich beherrscht er mit der Klarinette noch die Kunst der Jonglage: Der Notenständer beginnt zu schweben. Jetzt, wo er das Musikinstrument gerade zur Hand hat, kann er es auch noch für eine andere Geschichte als Requisit verwenden. Für die Geschichte des Mondflugs. Die einzelnen zusammensteckbaren Elemente der Klarinette sehen ja schon wie Brennstufen einer Rakete aus…

Es ist gehobener Blödsinn, den Falck auf die Bühne bringt. Als Schlangenbeschwörer hat er nicht nur mit der Schlange Probleme und als Hochseilartist kann er seinen gefährlichen Gang auf dem Boden der Bühne gerade noch beenden, ohne Schaden zu nehmen. Wie alle Künstler hat Jochen Falck 45 Minuten Zeit für seinen Auftritt. Die füllt er mühelos auf sympathische und selbstironische Art aus. „Die Zugaben habe ich mir für den 11. September aufgehoben“, ruft er am Schluss – das ist in diesem Jahr der Tag der Preisverleihung in St. Ingbert. Das Publikum goutiert es mit großem Applaus.

2015- Stankt Ingbert - Ningel - Foto © BonMoT-Berlin LtdOhne lange Umschweife kommt Matthias Ningel zur Sache. Er hat erkannt, dass er ein „Omegamänchen“ ist, also das Gegenteil eines Alphamännchens. „Es kann nicht nur Gewinner geben // So ist das Leben“, reimt er in seinem ersten Lied am Flügel.

Fritz Schmitz heißt sein Protagonist, der nicht so recht auf den grünen Zweig kommt. Sein Leben verläuft ohne größere Höhepunkte. Auch die Partnerinnensuche gestaltet sich schwierig, denn Fritz Schmitz verkauft sich beim Speed Dating als ehrliche Haut. Das kann ja nur schiefgehen!

Ningels Ausschnitte aus „Omegamännchen“ sind allesamt musikalische Höhepunkte. Im Lied „Eltern“ gibt er Tipps zur Heranzucht eines Alphamännchens. Nahtlos geht dieser Song in den nächsten über. „Karl-Leonhardt“ beschreibt das Verhalten eines ungezügelt agierenden 8-Jährigen auf dem Spielplatz. Augenzwinkernd endet das Lied: „So wie du bist, bist du gut“. Das alles ist handwerklich, musikalisch und textlich sehr ansprechend. Es fehlt jedoch ein wenig an verbindenden Worten. Und es gibt recht viele Abschweifungen. Was die Hits der 90-er Jahre und die offenbar wenig pädagogische Kinderserie „Als die Tiere den Wald verließen“ in diesem Programmausschnitt zu suchen haben, erschließt sich nicht. Mehr über Fritz Schmitz zu erfahren, wäre interessanter gewesen.

Andererseits kann Ningel viel mehr, als Omegamännchen zu sein: Da ist das brillante Lied „Knick, knack, blubb“, ein Anti-Kitsch-Song. Jede (Fernseh-)Peinlichkeit, der Ningel gewahr wird, zählt er. In einem Buch macht er einfach Striche. Welche Folgen die vielen Peinlichkeiten am Monatsende haben, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Die Romantik muss dran glauben…

Auf große Zustimmung stieß das Lied „Ich bin ein bunter Hund“. Motto: Ich habe ja nichts gegen Veganer/Schwule/Behinderte/Flüchtlinge, aber warum muss ausgerechnet ich ihnen begegnen? „Ich bin so toll, so toll, so tolerant“, lässt Ningel seine imaginäre Figur in diesem Lied am Ende singen. Das Statement gegen Intoleranz und Ignoranz wurde vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall gewürdigt. Die große Bühnenpräsenz Matthias Ningels dürfte ein weiterer Grund für den heftigen Applaus am Ende seines Vortrags sein.

Katie Freudenschuss hingegen verfügt noch über etwas mehr Bühnenpräsenz: Sie versteht es, die ganze Bühne auszufüllen. Zwei Punkte im Scheinwerferlicht hat sie sich für die Ausschnitte aus ihrem Programm „Bis Hollywood is eh zu weit“ ausgesucht, denn sie ist nicht nur Songschreiberin, sondern sie erzählt auch Sachen. Deshalb bezeichnet sie sich auch als Sachensagerin. Zum Beispiel die Sache, dass sie sich mit ihrem Namen arrangiert hat, der kein Künstlername ist. Oder die Sache, dass sie zu ihrem Welthit steht: Es ist ein „Bratmaxe“-Werbeliedchen, das sie am Flügel spielt.

2015- Stankt Ingbert - Freudenschuss - Foto © BonMoT-Berlin LtdKatie Freudenschuss präsentiert eine gelungene Mischung aus Musik- und Textnummern. Sie überlegt, wie natürlich die Körperhaltung von Models auf Werbeplakaten für Damenmode ist. Und wie wohl eine Homestory bei solch einem Model abläuft – natürlich mit ganz viel Früchtetee trinken aus der überdimensionalen Teeetassse.

Sie sucht nach dem großen Hollywood-Gefühl in der Hamburger S-Bahn. Das klappt fast – und wenn der Wind fehlt, hilft sie mit einem Ventilator am Flügel einfach etwas nach.

Auch Katie Freudenschuss lässt sich ein Statement gegen Intoleranz nicht nehmen und versucht, die Partnersuche zu optimieren. Da kann man in Magazinen nachlesen, was Männer fasziniert. Problematisch wird es, wenn frau die Vorlieben mehrerer Männer zusammenführt, um auch wirklich ansprechend zu erscheinen. Dann verliert frau sich selbst und erreicht nichts. So geht es ihr am Ende auch.

Doch Katie Freudenschuss strahlt einen unbändigen Optimismus aus. Deshalb sucht und findet sie ihren Traumpartner im Publikum, bittet ihn auf die Bühne und führt mit ihm ein kurzes Interview. Aus den Notizen des Gesprächs mit dem katholischen Theologen Michael, der mit seiner Frau Anette und seinem Hund Karma zusammenlebt, improvisiert sie ein Lied. Atemlos lauscht das Publikum.

Auch dann, wenn sie ihre Idee für eine neue Castingshow im Fernsehen vorträgt. Den Titelsong für „Deutschland sucht den Super-Obdachlosen“ hat sie schon erarbeitet! Keine Frage, Katie Freudenschuss nimmt gnadenlos auf die Schippe, ohne sich dabei zu verheben. Dabei wird sie nie ordinär oder unangenehm – außer für die fleischlosen Esser, die sich von ihrem „Bratmaxe“-Hit unangenehm berührt fühlen. Ganz klar: Das ist der Auftritt der ersten Pfannenkandidatin gewesen. Das Publikum dankt mit lang anhaltendem Applaus.

© 2015 BonMot-Berlin/ Text + Fotos

Homepages der Künstler: Jochen FalckMatthias NingelKatie Freudenschuss

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