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Woche der Kleinkunst in St. Ingbert – der zweite Wettbewerbsabend

2015- Stankt Ingbert - Neumeier - Foto © BonMoT-Berlin Ltdmit Moritz Neumeier, Senay Duzcu und Stenzel & Kivits

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Moritz Neumeier ist die Bühne in der St. Ingberter Stadthalle schon bekannt: Vor drei Jahren gewann er im Duo mit Jasper Diedrichsen als „Team & Struppi“ eine der begehrten Pfannen.

Nun ist Moritz Neumeier solistisch unterwegs und zeigt Ausschnitte aus seinem Programm „Kein scheiß Regenbogen“. Das ist in gewisser Weise eine Weiterentwicklung der Idee von „Team & Struppi“, denn Neumeier bürstet auch in diesem Programm gehörig gegen den Strich.

„Ich habe einen Affen im Kopf, der mich auffordert: ‚Sag das mal laut!‘ Und das tue ich dann auch“, erklärt Neumeier in seinem Programm. So fragt er, ob Witze über Behinderte ungehörig seien. Nein, ist seine Antwort, denn wenn man keine Witze über Behinderte mache, sondern nur über Übergewichtige und Dumme, grenze man die Behinderten aus. Und die wollten doch auch dazugehören! Natürlich erhält er für solche Argumentationen auch immer wieder negative Rückmeldungen. Die Kritik, die er über das Internet erhält, kann er jedoch nicht ernstnehmen: „Wie soll ich jemanden ernstnehmen, der sich ‚Sonnenblume 42‘ nennt?“ Persönlich vorgetragene Kritik ist ihm da lieber. Ärgern kann er sich aber über stellvertretend vorgetragene Beschwerden: „Wieso regen Sie sich über meinen Judenwitz auf? Sie sind doch nicht mal Jüdin!“

Es fällt leicht, Neumeiers Kritik zu folgen, angesichts der ritualisierten Shitstorms im Netz zu allen möglichen und unmöglichen Aussagen. Wer seinem Programm nicht aufmerksam folgt, kann schnell selbst zum Shitstormer mutieren. Denn Neumeier betreibt keine plumpe Provokation. Was er vorträgt, ist durchaus nachvollziehbar. Zum Beispiel sein Vorschlag zum Umgang mit dem sogenannten Hitlergruß. Neumeier schlägt vor, dass man kollektiv vierzehn Tage lang mit dieser Armbewegung grüßt. „Das würde den Nazis die Macht nehmen, die heute mit dem Hitlergruß provozieren!“ Ein paar Augenblicke später bekennt der Künstler: „Die meisten Menschen verstehen meinen Humor nicht.“

An anderer Stelle zeigt er sich von einer ganz anderen Seite. Der unsicheren und zärtlichen. Das passiert immer dann, wenn er von seinem einjährigen Sohn spricht. Wie soll er mit dem Neugeborenen umgehen, hat er sich vor dessen Geburt gefragt. Was soll er tun, wenn das Baby nicht zu schreien aufhört? Und wie sieht eigentlich das Bild von Männlichkeit aus, das er seinem Sohn vermitteln wird?

Manchmal ist der Humor dieses Provokationskabarettisten auch gut versteckt. Wenn er die Partei Die Linke als „Partei der Utopien“ brandmarkt, die von vornherein erklärt hat, niemals regieren zu werden. „Da ist es doch klar, dass man alles Mögliche fordern kann!“ Spätestens dann beginnen die weichen Stühle der linksorientierten Kabarettbesucher etwas härter zu werden. Wo viele Kabarettisten lediglich die vorherrschende Meinung in Frage stellen, stellt Neumeier die vermeintliche neue Wahrheit infrage. Seine Mischung aus Stand-Up und Kabarett ist anregend und aufregend zugleich. Das finden auch die Zuschauer, die lang anhaltend applaudieren.

2015- Stankt Ingbert - Duzcu - Foto © BonMoT-Berlin LtdDie Comedienne Senay Duzcu stammt „aus der viertgrößten Stadt der Türkei: Duisburg“. In St. Ingbert zeigt sie Ausschnitte aus ihrem Programm „Ich bleib‘ dann mal hier“. Duzcu spürt das Deutsche und das Türkische in sich zu gleichen Teilen: „Die Türkin in mir kommt immer zu spät zur Arbeit, die Deutsche in mir macht immer pünktlich Feierabend!“

Es sind die Unterschiede im Leben und Denken zwischen Deutschen und Türken, die sie zum Kernthema ihres Vortrags macht. Das ist zeitweise ganz erfrischend, wenn sie beispielsweise feststellt: „Typisch südländisch in Deutschland ist nur die Deutsche Bahn.“

Ihr fehlt jedoch ein wenig die Struktur im Vortrag. Immer wieder streut Duzcu kurze Witze und Anekdoten ein, immer wieder kommt sie auf das Kopftuch bei muslimischen Frauen zurück. An einigen Stellen wird sie auch politisch, wenn sie etwa die Angst der Rechtsradikalen aufgreift, die Türken nähmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg: „Das ist so, als ob die Saudi-Araber Angst hätten, dass man ihnen die Frauenrechte wegnimmt!“ Türkische Hochzeiten und die unterschiedlichen Tanzstile türkischer Frauen auf solchen Festlichkeiten nehmen breiten Raum ein. Duzcu gelingt es sogar, den ganzen Saal zum Aufstehen und Mittanzen zu bewegen.

Es irritiert, wenn Senay Duzcu die Anerkennung Türkischstämmiger in der Gesellschaft verlangt – und mit ihren Einschüben die vorherrschenden Klischees bestätigt. Etwa, wenn sie erzählt: „Türkische Männer gehen mit dem Thema Sex und Migräne lockerer um, als deutsche Männer: ‚Dein Kopf tut weh? Macht nichts, ich brauche Deinen Kopf nicht…’“ Geschickt gestaltet sie die Übergänge und gleitet problemlos vom heiß ersehnten Praktikum im Ausland zu indischen Bollywoodfilmen. Etwas mehr Tiefe hätte jedoch dem Thema Türkischstämmige in Deutschland gut getan. Das Publikum dachte anders und streute kurze Jubelrufe in den sehr herzlichen Applaus.

Das Duo Stenzel & Kivits ist aus den Niederlanden angereist. Tiny van den Eijnden spielt den exzentrischen Tenor Stenzel und Wilbert Kivits den leicht durchgeknallten Spieler eines präparierten Flügels. In „The Impossible Concert“ laden Stenzel & Kivits zu einem Ritt durch die Welt der klassischen Musik – ohne Rücksicht auf Konventionen und Respekt vor der Kunst. Sie haben ja ihre eigene Kunst, die sie meisterlich beherrschen. Da wird der Klassiker „Ring of Fire“ von Johnny Cash in eine Klavierversion transkribiert und mit italienisch übersetztem Text vorgetragen. Und ein Duett mit der Stimme von Enrico Caruso gesungen, die von der Schallplatte kommt. Stenzel hängt dazu einem Notenständer einen Frack um und verpasst dem Lautsprecher Haare und Augen.

 
2015- Stankt Ingbert - Stenzel Kivits - Foto © BonMoT-Berlin Ltd
 

Doch auch bei Stenzel & Kivits läuft nicht alles glatt. So muss Kivits bei einer Arie immer wieder forte spielen. Kräftig haut er in die Tasten. So kräftig, dass er sich zusammen mit dem präparierten Flügel in Bewegung setzt und ruckartig über die Bühne fährt. Gefährlich nah ist er inzwischen dem Bühnenrand, derweil Stenzel schon ins Parkett gesprungen ist. Auf einmal springt das vordere Rad des Flügels von der Bühne. Das Instrument kann gerade noch von Stenzel abgefangen werden und hängt jetzt zu einem Drittel über der Bühnenkante. Das geschieht direkt vor dem in der ersten Reihe sitzenden Oberbürgermeister von St. Ingbert, Hans Wagner. Getreu der Maxime, dass ein Politiker zupacken muss, wo es nötig ist, springt der Oberbürgermeister auf und eilt Stenzel zu Hilfe. Gemeinsam gelingt es den beiden, den präparierten Flügel zurück auf die Bühne zu hieven. Das Publikum, das sich bereits zu Jubelrufen hinreißen ließ, ist nicht mehr zu halten.

Liveundlustig fragt Oberbürgermeister Wagner, ob man ihn zum Publikumspreisträger wählen könne. Wagner lehnt ab. „Ich spiele außer Konkurrenz“, sagt er.

Immer wieder kommt es zu neuen Begeisterungsstürmen aus dem Publikum. Wenn etwa der Notenständer auf einem selbstfahrenden Unterbau auf den Flügel gestellt wird und sich zum Walzer „An der schönen blauen Donau“ rhythmisch im Kreis dreht. Je schneller und verrückter die Musik ist, desto mehr Anklang findet das beim Publikum. Am Ende applaudiert es stehend und lang anhaltend. Das war der Auftritt der nächsten Pfannenkandidaten.

© 2015 BonMot-Berlin/ Text + Fotos

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