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Schattenbilder, Nachtgestalten – Kritik „Berliner Nachtgesang“

Im Studio Phil & Kathy - Foto © Alex ErnstKathy Kreuzberg & Phil von Friedrichshain in Treptow

von Gilles Chevalier

BERLIN – Nur knapp über dem Gefrierpunkt lagen die Nachttemperaturen am vergangenen Sonnabend in Berlin. Da ist man dankbar für jeden Platz im Warmen und freut sich über anregende Gesellschaft. Es war genau das richtige Wetter für die Premiere des „Berliner Nachtgesangs“.

So verwandelte sich die Kleinkunstbühne Corbo in Berlin-Treptow einen Abend lang in einen Hort der Gestrandeten und Gescheiterten. Auch eine Reihe Unglücklicher und aus ihren Wohnquartieren Vertriebener war anwesend. Der Clou dabei: All diese Charaktere brauchten nur zwei Künstler, um dargestellt zu werden.

Kathy Kreuzberg ist den Lesern von liveundlustig.de als Frontfrau der Band „Generat“ bekannt. Auch der eine oder andere Titel der Band findet sich beim „Berliner Nachtgesang“ wieder. Doch hier lässt sich Kathy Kreuzberg nicht von fünf Musikern begleiten, sondern nur von einem. Phil von Friedrichshain, auch als Phil Cooksey bekannt, begleitet am Klavier. Einfühlsam macht er das und ausdauernd. Ist doch praktisch der gesamte Abend mit Musik unterlegt, mal als Begleitung zum Gesang, mal zum Schaffen einer Atmosphäre. So dicht ist die Show mit Geschichten und Gefühlen gefüllt, dass die beiden Künstler dem Publikum gar keine Zeit zum Applaudieren zwischen den einzelnen Titeln lassen.

Das Klatschen würde bei diesem ungewöhnlichen Projekt auch nur ablenken, denn Kathy Kreuzberg gestaltet einen Abend, in dem man sich einfach treiben lassen kann. Hier werden nicht einzelne Lieder vorgetragen, sondern es wird eine Geschichte erzählt. Man wird Zeuge eines Lebensabschnitts. Dabei läuft nicht alles wie gewünscht oder erhofft ab, sodass das Düstere und Melancholische einen breiten Raum einnimmt.

Da ist Kreuzbergs Traum von der Freiheit in der großen Stadt, den sie sich verwirklicht. Aus der ältesten Stadt, nämlich Trier, macht sie sich in die größte des Landes auf. Angekommen stellt sie jedoch fest, dass hier vieles anders, aber nicht alles besser ist. Problemlos kann sie in Kneipen „gemeinsam einsam“ sein. Manchmal macht sie dort interessante Bekanntschaften, verliebt sich sogar. Und trotzdem will sie anfangs keine Partnerschaft, sondern sich allein und selbstbestimmt dem großen Vorhaben Leben stellen. Als sie dann doch ja sagt, ist diese Passage des Chansons „Ich will dich“ bereits mit einem Blues-Rhythmus unterlegt.

Bei Beziehungs- und anderen Problemen unternimmt sie gern „gedankenklärende Spaziergänge“. Dann geht sie durch die Stadt, über der es zwar keine Sterne am Himmel, aber sehr viele Zettel an den Laternenmasten gibt. Sie trifft auf Späti-Gunther, den Philosophen von der Spätverkaufsstelle, wo Tabak und alkoholische Getränke gehandelt werden. Doch Gunther sitzt schon auf gepackten Koffern, denn die Miete in seinem Kiez kann er sich nicht länger leisten. Er muss in ein weniger attraktives Quartier ausweichen und nochmal von vorn beginnen.

fb-berliner nachtgesang - foto © Frank WiekzorekDer „Berliner Nachtgesang“ ist auch eine Liebeserklärung an Berlin. Berlin mit all seinen dunklen Kneipen und kaputten Gestalten, die im gedämpften Licht des Lokals nach ein paar aufregenden Nächten sagen: „Tschuldigung, war nicht so gemeint. War nur so daher gesagt im Kerzenduft.“ Schon sitzt man wieder „gemeinsam im Nebelloch“.

Kathy Kreuzberg macht sich ihren eigenen Reim auf das Leben in Berlin. Sie verwandelt eine Kurzmeldung aus der Zeitung in eine Szene. Der Jugendliche, der sich aus Liebeskummer danebenbenimmt und deshalb zu einem polizeilichen Vorgang wird, ist genauso unglücklich und gelinkt worden, wie sie. Es verbindet, enttäuscht zu werden, für seine Sache zu kämpfen und es dann ein weiteres Mal versuchen zu wollen.

Bei aller Einfühlsamkeit und Sensibilität ist auch Kathy Kreuzbergs Figur eine starke Persönlichkeit. Ihre Sorgen und Nöte frisst sie nicht einfach in sich hinein. Irgendwann ist es genug. Dann verlässt sie die Position der Getriebenen und formuliert klar und deutlich ihre Ansprüche. In „Abschied“ kämpft sie um das Weiterbestehen einer Beziehung. „Bin für den Abschied von Dir nicht bereit“, heißt es schlicht in diesem ergreifenden Chanson. In einer langen instrumentalen Passage des Stücks hält Kreuzberg allein durch ihren traurigen Blick die Spannung. Toll! Am Ende des Programms mit den vielen melancholischen Geschichten wird es klar: Es war nur eine kurze Begegnung. Neue Geschichten werden passieren, alte vergessen werden. „Wir sehen uns gleich am Tresen“, sagt Kathy Kreuzberg unter tosendem Applaus – und beginnt wahrscheinlich schon, den Stoff für den nächsten „Berliner Nachtgesang“ zu sammeln.

Und dann steht man wieder draußen im kalten Herbstwind. Deutlich fährt er einem in die Kleider. An der nächsten Hausecke lehnt schon der erste Gestrandete. Er jedoch kann sein Schicksal nicht so eindringlich und empathisch schildern wie Kathy Kreuzberg und Phil von Friedrichshain in ihrem „Berliner Nachtgesang“.

© 2015 BonMot-Berlin
Fotos: Alex Ernst | Frank Wiekzorek

Der nächste Auftritt von „Berliner Nachtgesang“ findet
Sonnabend, den 10. Oktober 2015, um 20:30 Uhr im Café Greco in Trier statt.

Außerdem ist vom „Berliner Nachtgesang“ die CD „Wenn du wartest“ veröffentlicht worden. Sie enthält eine Reihe der Chansons des Abends und ist HIER auf der Homepage von „Berliner Nachtgesang“ zu bestellen.

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