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Panoptikum der Politpromis – Kritik Richling

RichlingspieltRichling 01_600 - Foto BüroMRMathias Richling: „Richling spielt Richling“

von Beate Moeller

BERLIN – Richling spielt Richling spielt Richling spielt Richling… Wie ein ufgregts Hemed hektikt er über die Bühne, spricht mit überhöhter Geschwindigkeit. Findet jemand, das wäre zu schnell? „Das täuscht, Sie hören einfach zu langsam zu!“

Die Bühne im Theater der Wühlmäuse ist vollgestellt mit unterschiedlichen Stühlen in den Farben Schwarz, Rot und Gold. Was zunächst erscheint wie ein chaotisches Durcheinander, dient Richling als dramaturgisches Klettergerüst für den Abend. Eine tolle Idee!

Auf dem mächtigen schwarzen Stuhl mit Armlehnen spielt er das Interview mit Altkanzler Helmut Kohl, auf den kleineren roten Ulla Schmidt und Andrea Nahles – „ezättera, ezättera“, um es mit den Worten seines Wolfgang Schäuble zu sagen. Jeder bespielte Stuhl wird als aufgebraucht zur Seite geräumt.

Gute zwei Stunden lang rast Mathias Richling von Parodie zu Parodie, kaum einer aus dem Kabinett der Politikerprominenz kommt nicht vor. Das Wiedererkennen bereitet dem Publikum Freude, selbst wenn viel geredet und wenig gesagt wird. Im Gegensatz zu seinen Fernsehsketchen kommt Richling ohne den Bombast an Kostüm, Maske und Perücke aus, springt gschwind von einer Rolle in die nächste. Reißt viele Themen an, wirft Fragen in den Raum.

In der Eile kommt er nicht dazu, einer Sache mal auf den Grund zu gehen, dafür haut er Hammersprüche wie diese am laufenden Band raus: „Die Rente war das Ersatzlotto der sechziger Jahre.“ (Norbert Blüm), „Lassen wir doch mal den Ausländer heraus aus dem Dorf.“ (Horst Seehofer), „Der Bürger ist unser letztes Sparschwein, und das wird jetzt geschlachtet.“ (Wolfgang Schäuble), „Radfahren ist eigentlich nur ne Kettenreaktion.“ (Jan Ullrich), „Vorfreude ist die schönste Freude, die haben wir den Berlinern auf Jahre garantiert.“ (Klaus Wowereit zum BER).

Etwas ruhiger geht’s im zweiten Teil zu, die (Ex-) Bundespräsidenten kommen zu Wort. Johannes Gauck II., Horst Köhler – „Soll ich den Teleprompter jetzt senkrecht oder waagrecht lesen?“ und Christian Wulff – „Ich bin der Jesus der Politik, ich habe eure Fehler.“ Herausragend Angela Merkel bei Sigmund Freud zur Psychoanalyse, eine längere, über die Jahre erprobte Szene, die man seit 2008 bereits auf Youtube ansehen kann.

Wenn er die Bühne fast leer geräumt hat, kann Mathias Richling sich im goldenen Schaukelstuhl zur Ruhe setzen. Also könnte, denn als vor sich hin bruttelnder „Fernsehschwabe“, den manch einer noch aus seiner Kindheit kennt, kann er einfach nicht zur Ruhe kommen – vor lauter Fernsehen. Applaus!

Die vollmundig angekündigte Untersuchung der „Parallelen in der Entwicklung der Machtverhältnisse damals und heute“ bleibt aus. Viele der parodierten Figuren hätte man wohl ohne namentliche Anmoderation nicht unbedingt erkannt, oft genug trifft der Parodist den Dialekt oder Sprachduktus des Originals nicht, was jedoch bei der Masse des Bühnenpersonals einerseits kaum verwundert und andererseits auch wegen mangelnder markanter Eigenschaften der Vorbilder.

So kommt „Richling spielt Richling“ nicht hinaus über das Niveau von Mainstream-Kabarett, das bestenfalls an der Oberfläche kratzt, aber niemandem weh tut. Dem Publikum jedenfalls hat das Wiedersehen mit Richling-Klassikern Spaß gemacht, unterhaltsam und kurzweilig ist dieser Abend allemal.

©2015 BonMoT-Berlin
Foto: BüroMR

Mathias Richling: „Richling spielt Richling“
noch bis zum 7. November 2015 (jeweils Dienstag bis einschließlich Samstag)
im Berliner Kabarett-Theater Die Wühlmäuse | Pommernallee 2-4 | 14052 Berlin
Kartentelefon: 030.30 67 30 11

Kategorien:Kabarett, Kritik
  1. Marianne
    15. Oktober 2015 um 11:32

    jetzt weiß ich, was Du gestern gemacht hast: eine perfekte Beschreibung der schwäbischen Plaudertasche – genauso habe ich ihn in Erinnerung…

  1. 28. Oktober 2016 um 23:55
  2. 14. Oktober 2015 um 18:13

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