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„Köln lacht!“ über Frischfleisch-Comedians und verwelkende Veganer – 25 Jahre Köln Comedy

25_KCF-Logo_300Volles Programm 15. bis 31. Oktober 2015 – Eröffnungsshow „Köln lacht!“ im Gloria

von Marianne Kolarik

KÖLN – Es hat sich einiges getan in den vergangenen 25 Jahren: Das lässt sich an der Geschichte des Köln Comedy Festivals nachprüfen, eine einzige Erfolgsgeschichte, die 1991 von Achim Rohde, der Anfang dieses Jahres gestorben ist, initiiert wurde und seitdem von Jahr zu Jahr an Größe, Profil und Akzeptanz zunimmt. Anders gesagt: Die Macher hatten den richtigen Riecher. Wer in der Szene einen Namen hat, tritt 2015 in einer der 20 Spielstätten – neudeutsch: Locations – auf.

Der Zustrom der Zuschauer sorgt für volle Häuser, vor allem wenn es um die Riesenveranstaltungen – neudeutsch: Mega Events – wie etwa die 1Live Köln Comedy Nacht in der Lanxess Arena geht. Brainpool-Geschäftsführer Ralf Günther, der zu Beginn der Eröffnungsshow „Köln lacht!“ im Gloria („das schönste Theater der Welt“) auf die kulturelle Bedeutung des Festivals hinwies und mit Dankesadressen an alle Beteiligten nicht sparte, hob unter anderem auch die positive Resonanz hervor – 500 000 Zuschauer hätten im Laufe der Zeit livehaftig teilgenommen. Nicht schlecht, lässt sich hinzufügen.

Tobias Mann - Foto © Thomas KloseRichtig munter wurde der Abend allerdings erst, als Tobias Mann, den alle nur noch Toby nennen, als hinreißend agierender Moderator die Bühne betrat und noch weitere 25er Jubiläen wie das der Fressnapf Tiernahrungs-Gesellschaft und der deutschen Wiedervereinigung hervor hob. Simon Pearce, dem ersten Gast, bereitete er mit Erinnerungen an seine eigene „schwarze“ Kindheit den farblich passenden Boden. Statt „Atomkraft – nein danke“ hätte auf dem Aufkleber am Auto seiner Eltern „Mein Vogel heißt Bernhard“ (in Anlehnung an den damaligen pfälzischen CDU-Ministerpräsidenten) gestanden. Armer Kerl, mag da so mancher gedacht haben. Simon Pearce - Foto © Alan OvaskaPearces Ausschnitt aus seinem Programm „Allein unter Schwarzen“ kommt zwar erst allmählich in Fahrt, dann aber umso rasanter und hinterfotziger, ganz so, wie es sich für einen echten Bayern gehört.

Sein Freund Kurt halte ihn nicht für einen „richtigen Neger“, dafür sei er zu kümmerlich. Was ihn in die Rolle eines Gangsta-Rappers getrieben habe – mit allen dazu gehörigen Ingredienzen wie den obligatorischen Kniekehlen-Jeans, die den typischen Gangster-Gang erst ermöglichten. Nur gut, dass er seine Überlegung, sich bleichen zu lassen, nicht in die Tat umgesetzt hat, sonst hätte ihn die Queen Mum bestimmt nicht zum Nigger geschlagen.

Barbara Ruscher - Foto© HP KCF-PresseAls Blondine von stupender Bühnenpräsenz und knochentrockenem Humor erobert kurz darauf die Musik-Kabarettistin Barbara Ruscher das Publikum. Mit Hilfe veganer Instrumente wie zwei Möhren und einem Kürbis liefert sie den überzeugenden Beweis dafür, dass Gott ein Tofu sei und vegan leben, die neue Religion. „Veganer sterben nicht, sie verwelken“ fasst sie ihre Erkenntnisse zusammen und stimmt am Klavier ein Lied über den Thermomix an, der offenbar auch Autoreifen zu leckeren Smoothies verarbeitet.

Bernd Gieseking - Foto © Thomas RosentalBernd Gieseking, der nicht unbedingt zur angekündigten Generation der Frischfleisch-Komödianten gehört, erzählt von seinem dreiwöchigen Aufenthalt in Finnland, einem Flecken Erde, in dem Alkohol keinesfalls zu Alster-Bier verdünnt werden darf. Eine echte Entdeckung: Das Lumpenpack, zwei junge Das Lumpenpack - Foto © Felicitas KennelMänner namens Max Kennel und Indiana Jonas, der eine an der Gitarre, der andere mit dem Mundwerk aktiv. In ihrem „Steil-geh“-Programm geht es unter anderem um anarchische Freude an gehobenem Blödsinn, ihre dörfliche Herkunft und einen Powerrock-Song auf „Guacamole“, mit dessen Hilfe sie sich die Seele aus dem Leib brüllen und für eine radikal emotionale Partystimmung sorgen.

Ihnen fehlt es jedenfalls nicht an verrückten Ideen, wie Toby sie nach dem Vorbild griechischer Philosophen einfordert. Enissa Amani - facebook selfie - Foto © Enissa AmaniEbenso wenig wie Enissa Amani, die zumindest rein äußerlich auffallend schräg daher kommt: „Ist die Hose zu nuttig?“, fragt sie zu Beginn ihres Auftrittes, in dem es nicht nur um ihre Sozialisierung durch das kommunistische Elternhaus und ihre persische Herkunft geht. Vielmehr plaudert sie überdies von ihren Erfahrungen auf Facebook, ihrer Sehnsucht nach ordentlich gepackten Koffern und der Vorliebe ihres Vaters für deutsche Sprichwörter wie „Der frühe Vogel weiß, wer ins Glas beißt“ – oder so ähnlich.

Quichotte - Foto © Fabian StuertzWer nun dachte, es sei Zeit für eine Pause, wurde mit Quichottes Auftritt überrascht, der Dichter, Rapper und Stand-Upper in einem ist und schöne Anekdoten über die Weisheit des Alters zum Besten gibt. Sein „Vadder“ (also sein Erzeuger) reagierte jedenfalls skeptisch, als der Sohn ihm seine beruflichen Zielsetzung als Rapper eröffnete: „Ich weiß nicht, Timo Wopp - Foto © Knut GminderDu bist ja schon über 30“ heißt es in dem entsprechenden Song. Vollends erschöpft Timo Wopp die Konzentrationsfähigkeit: Mit eintönigem Duktus und gleicher Stimmlage trägt er provokant gemeinte, aber eher einschläfernd wirkende Auszüge aus seinem neuen, zweiten Solo „Moral – eine Laune der Kultur“ vor: Ein verbaler Seiltanz mittels Gedanken-Tourette, der einigermaßen ratlos macht.

Michael Krebs - Foto © Knut StritzkeAuf dem Boden der Tatsachen bewegt sich dagegen Michael Krebs am Flügel: 88 Tasten und zehn Finger genügen, um sich ein Bild von ihm zu machen. „Das bin ich… mit Dieter Nuhr, das bin ich… als Flüchtlingskind“, beschwört er den Selbstdarstellungstrieb des modernen Menschen herauf, gefolgt von einem Mutmach-Song für Gangsta-Rapper, die dem angesagten Sexismus abschwören möchten „Wir müssen die Schlampen respektieren“, heißt es da schön ironisch. Wobei sein Song über das Kürzen von Texten auch dem überlangen Abend nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätte. Egal, das gemeinsame Finale machte schließlich alles wieder wett.

©2015BonMoT-Berlin
Fotos: KCFlogo/Brainpool|Mann/Thomas Klose|Pearce/Alan Ovaska|
Ruscher/HP KCF-Presse|Gieseking/Thomas Rosental|
Lumpenpack/Felicitas Kennel|Amani Selfie/Enissa Amani|
Quichotte/Fabian Stuertz|Wopp/Knut Gminder|Krebs/Knut Stritzke|

25. Internationales Köln Comedy Festival 2015 vom 15. bis zum 31. Oktober 2015
auf 20 Bühnen in Köln
Das ganze Programm HIER auf der Homepage Köln Comedy, sowie als pdf zum Download der Programmüberblick und das Programmheft

Kategorien:Comedy, Kleinkunst, Kritik
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