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Weltbürger mit Witze-Tourette – Kritik Moritz Neumeier

Moritz Neumeier - Foto © BonMoT-Berlin LtdMoritz Neumeier: „Kein scheiß Regenbogen“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Moritz Neumeier gastiert in dieser Woche mit seinem ersten Solo-Programm „Kein scheiß Regenbogen“ im Berliner Mehringhoftheater. Neumeier, der 2015 mit diesem Programm einen der Jurypreise der St. Ingberter Pfanne gewonnen hat, gestaltet einen sehr persönlichen Abend, der tiefe Einblicke in Seelenleben zulässt.

Schon in früher Schulzeit hat Neumeier Witze erzählt, die unangepasst waren. Schließlich ziemt es sich für einen Grundschüler nicht, über AIDS oder sexuellen Missbrauch Witze zu machen. Für ihn ist es kein einfaches Witzeerzählen, für ihn ist es „Witze-Tourette“. Dieses Unangepasste hat er sich bewahrt und in seinem Programm auf die Spitze getrieben. Auf die vorläufige Spitze muss man sagen, denn Neumeier hat sich vorgenommen, jedes Jahr ein neues Programm herauszubringen.

Einzelne Nummern aus dem Programm können als starke Provokation empfunden werden. Betrachtet man jedoch den ganzen Abend, erscheint jeder Schritt nachvollziehbar und schlüssig. Neumeier macht Witze über Behinderte, indem er die von den Behinderten selbst erzählten Witze wiedergibt. Er weist auf das integrative Moment von Witzen hin: Wenn in einer Schulklasse mit einem körperbehinderten Kind über alle Mitschüler Witze gemacht werden, nur über dieses eine nicht, dann muss sich dieses eine Kind als nicht nicht-dazugehörig fühlen. Im Extremfall fordert es Witze über sich selbst ein.

Kritik an seinen Witzen nimmt Neumeier durchaus ernst – sofern sie nicht anonym über das Internet an ihn herangetragen werden: „Wenn mich jemand kritisiert, der sich ‚Sonnenblume 93 nennt, kann ich das nicht ernst nehmen.“ Außerdem darf es keine Stellvertreter-Kritik sein, sie muss schon von einem Betroffenen geäußert werden: „Wieso beschweren Sie sich über meinen Anne-Frank-Witz – Sie sind ja noch nicht einmal Jüdin!“, fragt Neumeier. Dabei deutet er mit der Hand eine große Nase an. Das Publikum lacht, wenn auch nur kurz. Jeder Zuschauer hat diese Andeutung verstanden. Neumeier zwinkert in den Raum: „Ein Klischee existiert, auch wenn wir nicht darüber reden.“ Touché!

Als Zuschauer nimmt man aus diesem Abend eine ganze Menge mit. Über die falschen Argumente sogenannter Asylkritiker zum Beispiel oder den viel unbeschwerteren Umgang anderer Volksgruppen mit alltäglichen Schwierigkeiten. Neumeier zeigt sich hier jedoch nicht als leuchtendes Vorbild, dem man unbedingt nacheifern muss. Auch er freut sich, wenn er einem Pizza-Boten, der mit dem EC-Abrechnungsgerät nicht vertraut ist, die gesamte Lieferung für 1,60 € abluchsen kann.

Moritz Neumeier hat sich diesen kleinen Affen im Kopf bewahrt, der ihn seit frühester Kindheit auffordert, unpassende Dinge zu sagen und dabei das Vertraute zu hinterfragen. Wird man ein besserer Mensch, wenn man einem Obdachlosen etwas zusteckt? Oder was der Sinn des Lebens ist. Neumeiers 16 Monate alter Sohn kann ihm da weiterhelfen. Oder die endlos lange Therapie-Odyssee, die nur entstanden ist, weil er bei einem Kindergeburtstag traurig war. „Kein scheiß Regenbogen“ ist ein gelungenes Kabarett-Stand Up aus Privatem und Politischem. Sehenswert!

© 2015 BonMot-Berlin
Foto: BonMoT-Berlin

Moritz Neumeier: „Kein scheiß Regenbogen“
Noch bis einschließlich Samstag, 24. Oktober 2015 jeweils um 20 Uhr,
im Kreuzberger Mehringhoftheater, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin
Kartentelefon: 030.691 50 99

Kategorien:Kabarett, Kritik
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