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Comedy-Waschsalon und Stand-Up-Disco – Kritik

Luke Mockridge -Foto Stephan Pick und Knacki Deuser - Foto Eric GrevenZwei durchgeknallte Mixed Shows beim Köln Comedy-Festival

von Marianne Kolarik

Nightwash Talent Award 2015
KÖLN – Tino Bomelino (ja, Tino mit ’nem „n“) gewinnt den Nightwash Talent Award 2015, ein Comedy-Newcomer aus Stuttgart spielt mit Affen-Mütze („mein Alleinstellungsmerkmal“) auf seiner Gitarre und singt dazu über seine „Erfahrungen“. Diese wiederum muss man nicht alle selbst gemacht haben. Man kann sie sich auch ausdenken. Zum Beispiel eine Situation, in der man ein Baby auffangen soll, aber keine Arme besitzt. Geht hundertprozentig daneben. Eher dem eigenen Leben abgelauscht: Man schnüffelt an seiner Unterhose und stellt fest: Die riecht nicht mehr gut. Oder man macht aus Versehen ins Bett, befindet sich allerdings bei Ikea in der Schlafzimmer-Abteilung.

Gewinner Tino Bomelino mit Preis - Foto fb-nightwash by brainpoolSchon schön abgedreht, was der einwandfreies Deutsch beherrschende Schwabe sich so alles einfallen lässt, um den Eco-Express Waschsalon in Zollstock – so der Name des Vorortes in Köln – aus den Angeln zu heben. Dicht gedrängt sitzen Schüler und Studenten auf den Waschmaschinen, die Bühne ist ein vergrößertes Fensterbrett, die Scheiben sind beschlagen, die Luft hat Minimum 95 Prozent Feuchtigkeit, die Stimmung ist ausgelassen: Gastgeber Luke Mockridge (Foto oben links) ist ein Naturtalent, was verbale Impro angeht – der Pegel in den obligatorischen Kölsch-Flaschen nimmt in Windeseile ab, der Alkohol-Pegel der Zuschauer entsprechend zu. Macht aber nichts. Es darf – soll, muss – ja gelacht werden.

Etwa über den Berliner Türken und Muslim Osan Yaran, der zu Hause ein halbes Dutzend Zwergkaninchen beherbergt, die ihn in ihrem Putzverhalten an junge Frauen erinnern. Oder Amjad, der einen Alptraum hatte, in dem der Pegida-Vorsitzende Lutz Bachmann eine ungute Rolle spielte. Außerdem kennt sich der emaliger Fußballer gut mit den Gepflogenheiten der Sportler in der Duschkabine aus. Sehr putzig auch der Einfall, Daisy Duck eine empfindsam empörte Stimme zu verpassen. Oder Sven Bensmann aus Osnabrück, der von den inzestuösen Zuständen in seinem kleinen Dorf singt. Richtig gut legt Felix Lobrecht aus Berlin seinen sechs-Minuten-Auftritt an: zunächst stockend, steigert er das Tempo seines mit lustigen Kalauern durchsetzten Gigs – schon erstaunlich, wie beliebig und gleichzeitig deprimierend die Erfahrungen der Nachwuchs-Comedians sind, die nun allesamt zur großen Nightwash-Family gehören.

Felix Lobrecht, Sven Bensmann, Thomas Schmidt Comedy, Uli Grewe, Amjad Entertainment, Osan Yaran, Tino Bomelino, Samuel Sibilski, Luke Mockridge, Simon Stäbi und Marc Eichner

Felix Lobrecht, Sven Bensmann, Thomas Schmidt Comedy, Uli Grewe, Amjad Entertainment, Osan Yaran, Tino Bomelino, Samuel Sibilski, Luke Mockridge, Simon Stäbi und Marc Eichner

 

Urban Stand-Up Disco Club
Einen Abend später im „angesagtesten Club der Stadt“, dem Club Bahnhof Ehrenfeld. Dort hat Knacki Deuser (Foto oben rechts), der ehemalige Nightwash-Moderator, drei Stand-Upper eingeladen – mit Welf Haeger einen von ihnen wieder ausgeladen, weil der auf Facebook nationalistisches Gedankengut verbreitet hat. Gekommen sind Friedemann Weise, Quichotte und der very Special Guest Mehrad Motamedi, dessen allererster Bühnenauftritt beim „Urban Stand-up Disco Club“ wenig Anlass für glänzende Zukunftsprognosen gab.

Friedemann Weise - Foto © Manfred WegenerAnders Friedemann Weise, dessen in absurde Gefilde abdriftende Phantasie und originelle Statements („wenn mich jemand Hypochonder nennt, tut mir das auch weh“) zu den hochfliegendsten Hoffnungen berechtigen. Die Laufbahn eines Comedians umreißt er folgendermaßen: „Man trifft Knacki 18 Mal in seinem Leben, einmal auf dem Weg nach oben“.

Er erklärt, was sich alles auf der Bühne befinden könnte („falls Blinde im Publikum sind“), fragt sich, ob die Pflaster in Afrika auch hautfarben seien und wie die Fluchtwege in Gefängnissen ausgeschildert sind. Und singen kann er auch, zum Bespiel das schöne Lied vom Hans, der kleinen Haselnuss und von einer Zeitreise in die Vorvergangenheit. Dass er prima auf eben jene Bühne passt, hatte Knacki Deuser bereits betont. „Ich wollte immer schon mal hier auftreten“, betonte der Gastgeber, dessen Tanzeinlagen etwas von dem Flair der großen weiten Welt in den von DJ Adriano Rosso beschallten Club katapultierten.

Sehr lustig, wie er die diversen Verrenkungen parodiert, mit deren Hilfe junge Menschen beiderlei Geschlechts sich in einer Disco einander anzunähern versuchen. Oder die etwas angereifte Nummer mit den Birkenstocks und die nahtlose Beweisführung für den Umstand, dass alles Gute aus Köln komme, inklusive des River Dance.

Quichotte - Foto © Fabian StuertzAls „Mann der Stunde“ kündigte Deuser den Poetry Slammer, Gitarristen und Sänger Quichotte an, der die Herzen der ohnehin milde gestimmten Zuhörer von der ersten Sekunde an eroberte. Als Comedian dürfe man keine Angst davor haben, sich zum Affen zu machen. Er erzählt von seiner Kindheit auf dem Dorf, wo man sein Faible für Poesie nicht an die große Glocke hängen sollte und von seinem Kumpel Knolle, der in stark alkoholisiertem Zustand eine poetische Ader an den Tag legte. Er singt mit seiner Kopfstimme eine „Ode an die Einfachheit“ („Sonne auf, Sonne unter“) und bringt das Publikum dazu „ho ho ho“ zu intonieren. Ein runder Abend, bei dem einmal mehr deutlich wird, dass Auftritte auf kleinen Bühnen die größte Wirkung haben – weiter so.

©2015BonMoT-Berlin
Fotos: Mockridge: Stephan Pick | Deuser: Eric Greven |
Bomelino & Gruppe: Guido Schroeder |
Weise: Manfred Wegener | Quichotte: Fabian Stuertz

25. Internationales Köln Comedy Festival 2015 vom 15. bis zum 31. Oktober 2015
auf 20 Bühnen in Köln
Das ganze Programm HIER auf der Homepage Köln Comedy, sowie als pdf zum Download der Programmüberblick und das Programmheft

Kategorien:Comedy, Kritik
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