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Ich-Bekenner mit Lizenz zur Authentizität – Kritik Christian Ehring

Christian EhringChristian Ehring: „Keine weiteren Fragen“

von Marianne Kolarik

KÖLN – Es muss kein Syrer sein: Der Mann im tadellosen Anzug hat sich – nach heftigen Zweifeln – dazu durchgerungen, einen Flüchtling aufzunehmen. Die Initiative kam von seiner Frau. Schließlich steht demnächst die Einliegerwohnung in ihrem Haus leer. Der 18-jährige Sohn wird in einem argentinischen Slum („kein Top-Slum“) ein soziales Jahr absolvieren.

„Keine weiteren Fragen“ heißt das funkelnagelneue Programm von Christian Ehring ( „extra 3“, „heute-show“), in dem es beim Köln Comedy-Festival in der Comedia ums Eingemachte geht. Also um gut versteckte Ressentiments, um kaschierte Arroganz, um das Leben vor dem Tod. Und um einen Menschen, der sich über vieles Gedanken macht.

Ehring nimmt sich selbst und als Kunstfigur sein (natürlich grün wählendes) Umfeld unter die Lupe. Was zur Folge hat, dass der Zuschauer hin und her gerissen wird zwischen Entsetzen und Mitleid, Empörung und Empathie. Gekonnt spielt er auf der Klaviatur widerstreitender Gefühle, unternimmt Ausflüge in politische Verwerfungen, bricht eine Lanze für Angela Merkel („die einzige mit Eiern“), deren Ruf sich binnen Monaten von der Gläubigerin der Griechen zur syrischen Mutter aller Gläubigen gewandelt hat. Dabei behält der Ich-Bekenner mit der Lizenz zur Authentizität den roten Faden seiner familiären Führungsrolle fest im Griff.

Eigentlich wollte er sich in der frei werdenden Wohnung ein Studio einrichten, in dem er vegane Kindermusik produzieren könne („Schrot, du hast das Korn gestohlen…“). Das sei ein riesiger Markt, der sich gerade öffne. Er hätte dann genügend Geld, um für Flüchtlinge zu spenden. Womit der potenzielle Wohltäter eine Kettenreaktion beschreibt, wie sie in der Waffenindustrie üblich ist. Und er hat endlich – auch das nach langer Suche – den Sport gefunden, der zu ihm passt: Rückbildungsgymnastik.

Besser und anschaulicher hat bislang kaum ein Kabarettist die inneren Kämpfe, die Widersprüche und Selbstverteidigungs-Strategien eines Menschen verkörpert: Der Mann als Vater aller Wohlstandskrüppel, der vor keinem geistigen Salto zurückschreckt, um seine moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Ehring wiederum lässt sich von der Titelseite einer aktuellen Tageszeitung zu entsprechend geharnischten Kommentaren inspirieren und stellt fest, dass die Pegida Menschen vereine, die freiwillig im Intelligenz-Zölibat leben. Bis bei dem Westentaschen-Herrenmenschen, der sich neben dem langjährigen Düsseldorfer Kom(m)ödchen-Mitglied seinen Platz auf der Bühne erkämpft hat, schließlich der Groschen fällt: er sucht sich seinen Flüchtling selbst aus. Also eine Art Traumflüchtling. Was gründlich in die Hose geht.

Das Leben schreibe Scheißgeschichten, ohne Sinn, Verstand und Dramaturgie, meint Ehring, die Realität solle gefälligst ein Schuldbewusstsein entwickeln. Er mache Witze, um sie auszuhalten. Und er rückt unser aller Weltbild in eine angemessene Relation, in dem er klar macht, dass die Erde nur ein Staubkorn im All ist. Und er singt souverän, sich selbst am Klavier begleitend, zum Beispiel ehrliche Schlaflieder. Das versöhnt ein wenig mit dem Elend und dem Irrsinn, den die Wirklichkeit für uns bereithält.

©2015 BonMoT-Berlin
Foto: Harald Hoffmann

25. Internationales Köln Comedy Festival 2015 vom 15. bis zum 31. Oktober 2015
auf 20 Bühnen in Köln
Das ganze Programm HIER auf der Homepage Köln Comedy, sowie als pdf zum Download der Programmüberblick und das Programmheft

Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere
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