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Ein Fest der Bilder und Klänge – Kritik Schnaps im Silbersee

Schnaps im Silbersee 01 - Foto © Lutz BassinSchnaps im Silbersee: „Liedermaching bis zum Lachheulen“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Den wunderschön restaurierten „Labsaal“ hat sich die Gruppe Schnaps im Silbersee für ihr Konzert ausgesucht. In diesem historischen Ballsaal aus der Gründerzeit im Berliner Ortsteil Lübars packen die drei Musiker ihr Publikum und ziehen es in ihre bilderstarke und musikalisch abwechslungsreiche Welt.

Peter Wolter und Melvin Haack spielen akustische Gitarren, Judith Retzlick pendelt zwischen Geige, Trompete, Glockenspiel und Akkordeon. So entstehen Rock, Folk, Swing und Liedermacherisches. Manchmal klingt die Musik ein wenig nach den achtziger Jahren: „Die Ärzte“ schimmern durch, oder man glaubt, den Sound von „Liederjahn“ wiederzuerkennen. Alles ist stets fein dosiert und auf überraschende Art abgeschmeckt.

Schnaps im Silbersee disst Nina Hagen, weil sie sich als Jury-Mitglied in irgendeiner Nachwuchs-Gesangsshow zur Äffin gemacht hat. Aber wirklich böse ist der Schnaps nicht, denn: „Ich weiß, Du bist schon 190 Jahre alt. Aber Nina, ich hätt‘ mit Dir geknutscht!“

Melvin Haack steuert biographisch geprägte Lieder bei. Seine Zeit als Referendar an einer Wolfsburger Schule beschreibt er genauso schonungslos wie den Traumjob Liedermacher, der sich vor allem durch fehlende Gage und schlechtes Bühnenlicht auszeichnet. Und durch die Pressevertreter, deren Freikarten für die fehlende Gage mitverantwortlich sind. An dieser Stelle sei dem Schnaps im Silbersee für die Pressekarten ausdrücklich gedankt. Und für die CD „Jede Welt ist die Echte“, die seit Anfang 2015 auf dem Markt ist.

Sich selbst gegenüber schonungslos bekennt sich Haack zu seinem Mortadella-Trauma, denn diese Fleischwurst wird bekanntlich aus Feiglings-Hintern gemacht… Pure Lebenslust verbreitet sich dagegen, wenn er in „Noch lange nicht genug“ von Reisen in weit entfernte Länder singt. Dort, wo er von Kängurus und Eukalyptusgeruch umgeben ausruft: „Solange die Erde sich dreht (…) bin ich gerne der letzte, der steht.“

Schnaps im Silbersee 02 - Foto © Lutz Bassin

Schnaps im Silbersee ist ein Ensemble aus drei Solisten. Jeder darf mit seinen Soli glänzen. So ist Peter Wolter nicht nur ein genialer Gitarrist, der im Stück „Der Jerg“ ein ehemaliges Bandmitglied mit heftigem Fingerpicking feiert. Wolter hat sich auch der Naturwissenschaft verschrieben und denkt in „Nur konsequent“ über die Relativitätstheorie nach. Quintessenz: „Wahnsinnig zu werden in so einer Welt / Ist doch eigentlich nur konsequent.“

Haack lässt sich nicht lumpen und singt in „Kohlenstoff“ vom Grundstoff allen Lebens. Ausgehend von einem verbrannten Toast kommt er auf die Zeilen: „Mach Dir keine Illusion / Wir sind alle bloß Carbon.“ Nein, bierernst ist dieser Abend nicht. Aber voller Überraschungen.

Wenn Judith Retzlick zum Beispiel die Geige nicht nur streicht, sondern in ein Pizzicato wechselt. Oder wenn sie sich das Akkordeon umschnallt oder zur Trompete greift. Eindringlich, wie sie mit hauchender Stimme ein portugiesisches Lied singt.

Musikalische Vielfalt und textliche Raffinesse zeichnen den Abend aus. „Spürst Du die Wildgänsehaut, spannst Du das Sprungfederkleid?“, heißt es in einem Song über den traurigen Moment, der ein Leben verändern wird. Das packt den Zuhörer. Wer da singt: „Ist mir sowas von egal / Wie dem Putin der Ausgang der Wahl“, ist schon in einem anderen Lied gelandet. Traurig und trotzig wird das Ende einer Liebe besungen: „Ist mir sowas von egal / Wie den kalten Füßen der Schal.“

Mehr als zwei Stunden lang machen Schnaps im Silbersee Programm. Ein Feuerwerk, das ohne Blitz und Donner auskommt. Sehr zu empfehlen.

© 2016 BonMot-Berlin
Fotos: Lutz Bassin

Das nächste Konzert mit Schnaps im Silbersee findet am Freitag, 22. Januar 2016 statt. Dann gibt es ein Doppelkonzert mit der Potsdamer Formation Ernstgemeint. Beginn ist um 20 Uhr im Slaughterhouse in der Kulturfabrik Moabit, Lehrter Straße 35, 10557 Berlin.

Alle weiteren Termine HIER auf der Website von Schnaps im Silbersee

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