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Der etwas andere Blick – Erwin Grosches neues Buch

Grosche_Vögel - Foto Nordpark„Kurze Strecken gehen Vögel auch zu Fuß“

von Hans-Jürgen Lenhart

Wenn Kabarettisten Bücher veröffentlichen, handelt es sich meistens um Texte aus ihrem Programm. Bei Erwin Grosche ist das nicht ganz so. Sein neues Buch beinhaltet dies zwar auch, jedoch ist der Programmausschnitt manchmal nur auf einen Satz beschränkt, wenn auch einen (be)merkenswerten.

Grosche ist gerade 60 Jahre alt geworden, da hält man etwas Rückschau. Doch bei Grosche lohnt es sich, den ganzen Künstler zu beschauen. Insofern hat man in diesem Buch neben Bühnentextzitaten jede Menge Aphorismen, Notizen zu

Alltagsbeobachtungen, Beiträge zu seiner Internetkolumne der Musenblätter, Tagebucheinträge, Erinnerungen, Texte aus seinen Filmszenarios und aus seiner Arbeit für Kinder und kurze Anekdoten seines Paderborner Superhelden Padermann versammelt. Das Ganze verteilt sich auf 202 Beiträge mit einigen skurrilen Grafiken.

Grosches Buch dient nicht zum nachträglichen Schenkelklopfen nach einem Kabarettauftritt, sondern eher zum Staunen, zum Nachdenken, insbesondere als Aufforderung, die Dinge des Alltags mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, was ja ein Urelement des Kreativen überhaupt ist.

Höhepunkt in diesem Sinne ist die Geschichte von der verschlossenen, gläsernen Tür, hinter der etwas Merkwürdiges geschieht. Aber niemand macht auf, Grosches Wäsche wird umhergewirbelt: Droht da etwa Gefahr? Nun, Gott sei Dank löst sich der Türriegel am Ende, es handelt sich um eine Waschmaschine. Bis zu diesem Punkt hat uns Grosche aber auf die falsche Fährte gelockt, um uns diesen anderen Blick auf das scheinbar Normale, die Waschmaschine, zu gönnen.

„Da muss man schon mal umdenken“, heißt einer der bekanntesten Sätze aus seinen Programmen. Und genau darum geht es. Da ist der Schmetterling, der bei Grün über den Zebrastreifen fliegt, wo ihm doch niemand übel nähme, wenn er es bei Rot täte. Da ist der Single, der auch als Single Treue pflegt, auch wenn er es niemandem beweisen kann. Und warum muss von allem Gemüse ausgerechnet die Zwiebel nicht gewaschen werden, wobei sie doch am ehesten stinkt? Grosche zeigt sich als eine Art Philosoph unter den Kabarettisten, der weniger dazu verführt, bei den neuesten politischen Skandalen eine kritische Einstellung zu pflegen, sondern der uns die für Kritikfähigkeit ja wichtige Tugend beibringt, die Dinge immer mal anders zu sehen und dabei schon mal mit dem anzufangen, was zufällig vor unserer Nase steht.

Eine Art literarisches Skizzenbuch ist ihm dabei gelungen. Immer wieder huscht einem beim Lesen ein Schmunzeln ins Gesicht oder gar ein Lacher aus dem Mund. Es ist vielleicht der Ansatz, wie Kinder die Welt auch sehen, der einen hier erheitert. Da pfeift man zum Beispiel nach dem Hund und stattdessen geht die Sonne auf. Na so was! Nur ausgerechnet Grosches selbsterklärter Lieblingstext vom Knäckebrot mit zwei verschiedenen Wurstaufstrichen als Allegorie auf die Wiedervereinigung wirkt gegenüber der Realität etwas zu einfach.

Oft sind die Quellenangaben bzw. Erklärungen in diesem Buch länger als der Text selbst, sind dann aber genauso interessant. So erfahren wir auch etwas über einen Grosche-Text, der von einem unflätigen Rockmusiker handelte, dass dieser das Publikum so stark verstörte, dass Grosche ihn wieder zurücknahm. „Ich habe in normalen Zusammenhängen nichts verloren“, sagt Grosche in Beitrag Nr. 74. Insofern ist dies auch keines der üblichen Kabarettisten-Bücher. Aber schön, dass es in der Kabarettisten-Szene überhaupt noch solche Querdenker zu finden gibt.

©2016 BonMoT-Berlin
Foto/ Cover: NordPark Verlag

Grosche_Vögel Cover - Grafik NordparkErwin Grosche:
Kurze Strecken gehen Vögel auch zu Fuß
NordPark Verlag, Wuppertal 2015, 129 Seiten, 15,- €

Interview mit Erwin Grosche – Website Erwin Grosche – NordPark Verlag mit Leseprobe

Kategorien:Bücher/ Print, Kritik

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