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Ehrlich gut: Helmut Schleich dieser Tage in Berlin

Helmut Schleich Ehrlich - Foto © Martina Bogdahn„Ehrlich“ heißt kurz und knapp der Titel. Seit heute und noch bis zum Samstag, 2. April, spielt der bayerische Kabarettist Helmut Schleich sein Solo in der ufaFabrik. Kurz nach der Uraufführung Anfang Mai 2014 hat unser Kritiker Gilles Chevalier das Stück im Berliner Mehringhoftheater gesehen und – war begeistert. Grund genug, die Kritik von damals noch mal hervorzukramen.
Eine Empfehlung.

von Gilles Chevalier

BERLIN – Mit sieben Charakteren gestaltet Helmut Schleich einen aufregenden Abend. Elfmal wechselt er dabei auf offener Bühne die Figuren.

Heinrich von Horchen ist natürlich wieder mit dabei. Der „Gesangslehrer von Willy Fritsch, Marika Rökk und Johannes Heesters“ sinniert über den Wert alter Menschen aus Sicht der Gesundheitsindustrie: „Der Wert, den sie haben, ist der Wert als Patient. Nur sterben dürfen sie nicht, dann sind sie wertlos.“ Das ist eine ungewohnt harte Aussage für eine Schleich-Figur. Sie fügt sich in dieses Programm, das vordergründig ein komödiantischer Spaß ist. Hört man dann auch noch genau zu, findet man Gesellschaftskritisches in jeder Nummer.

Da ist der „Präsident der Freien Republik Kitschakirsisien“. Das war anscheinend früher eine sowjetische Teilrepublik. Heute steht deren Präsident mit Sturmhaube und Pistole am Rednerpult und wirbt für den Beitritt seines Landes zur EU. Schließlich handele es sich um eine junge Demokratie – der Vorgänger des Präsidenten sei bereits nach zweiwöchiger Amtszeit gestürzt worden. Jetzt sei die Demokratie wieder jung und ein Rentenproblem gebe es in Kitschakirsisien auch nicht, weil das Renten-Eintrittsalter höher als das Durchschnittsalter der Bevölkerung ist…

Helmut Schleich lässt seine Figuren richtig böse werden. Entsetzt vom Verhalten der Banken ruft er aus: „Die größten Schweine hängen bei uns nicht im Kühlhaus, die sitzen in der Chef-Etage!“ Sein Programm kreist um die Ehrlichkeit und darum, wie wir mit ihr umgehen. Ein ganz Ehrlicher ist ein Mann mit fränkischem Dialekt, der mehrfach getötet hat und nun einsitzt. Er griff zur Waffe, weil seine Straße zum wiederholten Mal aufgerissen wurde oder weil der Postbote zu spät kam. „Die Bestie von Doddlbach“ hat ihn die Presse genannt. „Ich bin kein gewalttätiger Mensch“, führt er aus, „aber den Journalisten, wenn ich raus komm, den knall ich auch noch ab!“

Helmut Schleich ist ein Meister der Kleinkunst. Mit wenigen Requisiten haucht er seinen Charakteren Leben ein: Er streift das Jackett ab, legt einen langen weißen Schal um und greift zu Gehstock und Zylinder. Schon hat sich die Körperhaltung verändert, die Bewegungen werden langsamer und mit einem neuen Dialekt lässt er einen völlig neuen Menschen ins Rampenlicht treten!

Er spricht über das, was aus der EU geworden ist: „Das Einzige, was in Europa grenzenlos ist, ist die Gier!“ Schleich kritisiert das veraltete Material der Bundeswehr. Das Transportflugzeug Transall ist mittlerweile über 50 Jahre alt: „Wenn’s ein Auto wäre, hätte es ein H-Kennzeichen“. Das Ergebnis des alten Materials sei „Pazifismus durch Bürokratie“, sagt Schleich.

Seine Paraderolle ist die des ehemaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Dieser von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugte Politiker („Ich war bei Mao, bei Reagan und bei Sonnenschein.“) schäumt über über den Zustand seiner Partei, der CSU. Verantwortlich ist in seinen Augen „der Wolfratshausener Kamillentee-Sieder“ Edmund Stoiber, den er auch als „nibelungenblonden Gesinnungs-Preußen“ bezeichnet. An seinem alten Rivalen Helmut Kohl lässt Strauß ebenfalls kein gutes Haar. Kohl hatte freimütig seine Einschätzung anderer Politiker zu Protokoll gegeben: „Der Wulff ist eine politische Null – da hat er wieder einmal die Zahlen geschönt!“

Es ist ein ausgesprochen kurzweiliges Vergnügen, Helmut Schleich in „Ehrlich“ zu sehen. Seine gekonnte Darstellung unterschiedlicher Figuren und seine wesentlich schärfer gewordenen Texte lassen nur ein Urteil zu: Ehrlich gut!

© 2014 BonMot-Berlin
Foto: Martina Bogdahn

Helmut Schleich: „Ehrlich“
Do-Sa, 31.3.-2.4.2016: Berlin, Varieté Salon der ufaFabrik
Viktoriastr. 10-18, 12105 Berlin, U 6 Ullsteinstraße
Kartentelefon: 030 75 50 30 , Email: vorbestellung@ufafabrik.de
Beginn: 20:00 Uhr | Eintritt: 19-, erm. 16,- Euro Stud. 12,-Euro (nur VVK)
Links: ufaFabrikMehringhoftheaterWorld of FriendsHelmut Schleich

Kategorien:Kabarett, Kritik

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