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Ein Ruck geht durch Deutschland – Kolumne von HG.Butzko

HG Butzko - Kolumne - design c.wanka
Liebe Freunde des politischen Kabaretts,

Bundespräsident Roman Herzog sagte mal, dass ein Ruck durchs Land gehen müsse. Und jetzt haben wir ihn. Einen Rechtsruck. Wobei ein Großteil der Bürger diesen Ruck nach rechts nur gemacht hat, um der Regierung damit einen Denkzettel zu verpassen.

Und dazu habe ich neulich einen schönen Spruch gehört: „Auch ich finde bei unserer Regierung vieles kritikwürdig, aber wer aus Protest die AfD wählt, lutscht auch in der Kneipe an der Klobürste, wenn das Bier nicht schmeckt.“ Klingt ein bisschen drastisch, aber ich finde, das Bild passt.

Vor allem, weil die Bürger, die diesen Ruck nach rechts machen, sich selber gar nicht rechts sehen, sondern stattdessen sagen: Wir sind doch keine rechten Bürger, wir verteidigen doch nur die Rechte der Bürger.“

Und so postete zum Beispiel in Dormagen ein Bäcker im Internet den Satz: „Wenn die Afrikaner uns überrennen, ist das anscheinend gut. Gut für die Ausrottung der eigenen Rasse.“ Und als ihm darauf etliche Kunden die Aufträge stornierten, entschuldigte er sich mit den Worten: „Ich bin doch kein Rassist.“ Nein, natürlich nicht. Vitali Klitschko ist ja auch kein Boxer, sondern andere rammen immer nur ihr Jochbein gegen seine zufällig in die Luft gehaltene ausgestreckte Faust.

Hallo? Haben die alle im Politikkunde- und Geschichtsunterricht aus dem Fenster geguckt? Und weil’s so viele sind, wo gab es so lange Klassenzimmer?

Vitali Klitschko ist ein Boxer, und ein Rechter ist ein Rechter. Und wer behauptet, rechts und links seien überholte Begriffe von gestern, das sei altes Denken, dem empfehle ich mal, an eine Kreuzung zu fahren, an der kein Vorfahrtsschild steht. Welche Regel gilt da? Lechz vor Rings?

Und was man im Internet inzwischen so alles zu lesen bekommt. Früher hatte jedes Dorf einen Depp. Internet heißt, dass die sich jetzt miteinander unterhalten können. Und dann fragen sich jetzt die Experten: Ja, wo kommt er denn nu eigentlich her, dieser Rechtsruck?“

Nun, da stellen wir uns mal janz dumm und fangen am besten mal von vorne an:

Am 14. März 2003 verkündete die damalige Regierungskoalition aus SPD und Grüne die Agenda 2010. Den Arbeitnehmern die Reallöhne senken und Sozialversorgung einschränken, und den Arbeitgebern Steuergeschenke machen. Oder wie es schon Goethe in seiner Farbenlehre nannte: Wenn man rot und grün mischet, bekömmt man ein Grauen.

Seitdem hatten wir die unterschiedlichsten Regierungskoalitionen: rot-grün, schwarz-rot, schwarz-gelb und wieder schwarz-rot. Und alle haben sie diese Politik fortgeführt und dafür gesorgt, dass die Reichen immer reicher wurden, und die Armen auch immer reicher. Zahlreicher.

Soziale Sicherheit, gesellschaftlicher Anteil, würdevolles Rentnerdasein

20% der Deutschen hören diese Worte und sagen: „Ey geil. Kann ich das Märchenbuch auch mal lesen? Wo steht das? Bei Harry Schotter?“

Dann gibt es da noch die 75%. Früher in der Hoffnung auf Aufstieg, heute mit der Angst vor Abstieg. Also im Grunde sowas ähnliches wie eine Mischung aus Hamburger SV und Hannover 96.

Die Hoffnung auf Aufstieg war dabei die Karotte des Kapitalismus vor dem Eselsmaul der Mittelschicht. Nur wenn die Mittelschicht sich reinhaut, entsteht eine Wertschöpfung. Und nur dann kann die Oberschicht den Wert schöpfen. Die Hoffnung auf Aufstieg war im Grunde schon immer eine dermaßene Illusion, dass selbst David Copperfield sich fragte: „Wie haben die denn den Trick hingekriegt?“

Die Angst vor Abstieg hingegen ist zu einer realen Bedrohung geworden.

Nach einer Umfrage von TNS Infratest geht es den Fans der AfD ziemlich gut. 79 Prozent der rechten Anhänger bezeichnen ihre wirtschaftliche Situation als „gut“ bis „sehr gut“. Die sind nicht abgestiegen, die haben Angst vor Abstieg. AfD-Wähler sind also keine Loser, sondern Memmen.

Aber nicht ganz unverständlich. Seit 2003 wurde immer wieder gesagt: Es ist kein Geld da. Es wurde gekürzt in der Alten- und Krankenpflege, bei Lehrerinnen und Lehrern, bei der Jugend- und Sozialarbeit, bei der Polizei, in der Infrastruktur. 90% aller Brücken in Deutschland müssen saniert werden. Und damit meine ich nicht den Zahnersatz.

Aber seit 2003 hat man den 75% gesagt: Ihr heißt Mittelschicht, denn für Euch ist bei den Mitteln Schicht. Und dann kommen Flüchtlinge ins Land, und dann sieht man, dass ja plötzlich doch Geld da ist. Ei guuge mol do wosischndes? Ja, Physik. Nur auf der schiefen Ebene kann ein Rubel rollen. Dann sagen die Deutschen: Deswegen nennt man das Schwerkraft. Weil dafür haben wir nur schwer Kraft.

Wobei schon Jahre zuvor in der Banken- und Finanzkrise auch plötzlich Geld da war. Und zwar viel mehr Geld. Und die Finanzkrise war eine weitaus größere Bedrohung für unser soziales Gefüge als eine Million Flüchtlinge im Land. Aber da hat der Deutsche den Arsch nicht vom Sofa hoch bekommen. Finanzkrise hat er schließlich selber jedes Monatsende beim Blick auf den Kontoauszug. Dann sieht er seine Einnahmen und seine Ausgaben und dann vergleicht er beide Zahlen und denkt: Andersrum gings.

Aber kaum kommen Ausländer ins Land, und bei denen geht’s plötzlich anders rum, dann nimmt der Deutsche nicht nur den Arsch vom Sofa, sondern auch Benzinkanister und Feuerzeuge in die Hand und marschiert zur nächsten Asylunterkunft. Woran man sehen kann, es sind nicht nur Zuwanderer, die dringend Integrationskurse brauchen, um zu lernen, welche Werte und Regeln bei uns so gelten.

Dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht als selbst den ärmsten Deutschen, das sehen hier viele einfach nicht. Dass dafür sogar dieselbe Politik verantwortlich ist, die im Ausland nicht nur die gleichen Verarmungsprozesse auslöst wie im Inland, sondern sogar noch schlimmere. Und dass es ohne diese schlimmeren Verarmungsprozesse im Ausland schlimmere Verarmungsprozesse bei uns im Inland geben würde, das ist das Prinzip des Kapitalismus:

Wohlstand ist Armut, die woanders ist

Und diese Unzufriedenheit bei den ärmsten 20% und die Ängste der mittleren 75% der Bevölkerung sind nichts Geringeres als der perfekte Nährboden für einen Rechtsruck. Wenn beim Blick über den eigenen Tellerrand der Teller immer kleiner aussieht, umso sichtbarer wird dann der Rand.

 

In diesem Sinne wünsche ich uns:
LOVE & PEACE & EGGS TO SEA
von Herzen herzlichst Euer
Herz-Günter Butzko

 

©2016 HG.Butzko/ BonMoT-Berlin

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Kategorien:Kabarett, Schräges
  1. 11. April 2016 um 17:10

    Das Bild mit der Klobürste gefällt mir sehr😉 Endlich mal ein Beispiel auf dem Niveau der „…, aber…/ nicht-Rechten“ und bildungsfernen Prolls. Ich fürchte nur, selbst das werden sie nicht verstehen…

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