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Polka, Pop und Wodka: Die Geschichte der Familie Popolski – Kritik

PawelPopolski - Foto Stephan_PickPawel Popolskis Wohnzimmershow
„Der wissen der Wenigste“

von Hans-Jürgen Lenhart

FRANKFURT-HÖCHST – „Willkommen in der wunderschone Mehrzweckhalle von Frankfurt-Chochst“, begrüßt Ober-Popolski Pawel mit gekonnt polnischem Akzent das Publikum im „Neuen Theater“ und verteilt diesem erst mal Wodka. Die Gläser muss man natürlich auf Kommando auf Ex trinken und in hohem Bogen hinter sich werfen.

Da kommt Stimmung auf. Alles ist auf Polen-Klischees eingestellt: Ohne Wodka geht nix und ohne Polka gäbe es bis heute keinen Pop.

Überhaupt ist die Welt in Wirklichkeit ja vollkommen polnisch. Man denke nur an Weltkonzerne wie Sonyczky oder große Werke der Weltliteratur. Schließlich hat die Geschichte der Geburt von Opa Popolski ja bereits Günter Grass in seiner „Blechtrommel“ adaptiert. Und so wirkt das spöttische Spiel mit der Verwurzelung aller möglichen Errungenschaften der Weltkultur im polnischen Zabrze so ganz nebenbei wie eine Satire auf den neu aufkeimenden Nationalismus im heutigen Polen. Vielleicht geht es hier aber weniger um den selbstbewussten Polen an sich als um die Frage, wie Deutschland die Polen sieht. Hinter Pawel Popolski steckt schließlich der deutsche Kabarettist Achim Hagemann, der viel mit Hape Kerkeling zusammen arbeitete, und damit ein Deutscher, der Polen imitiert. Hagemann versucht seit kurzem, an seine Erfolge mit „Der Familie Popolski“ anzuschließen und macht dies seit 2015 solo.

Wir erinnern uns: „Der Familie Popolski“ war nicht nur eine der innovativsten Fernsehunterhaltungsshows der letzten acht Jahre, sondern auch eine parodistische Coverband, „der so richtig abging durch der Decke“. Nach dem Ende der Band 2014 entschloss sich der Mastermind der Popolskis, Achim Hagemann, die restlichen Geheimnisse um Opa Piotrek Popolski, dem Erfinder der Popmusik, in dem Buch „Der Familie Popolski“ zu lüften und ging damit auf Lesetournee. Doch diese Band nur literarisch aufzuarbeiten, passt nicht so ganz, wenn bisher die Musikshow auf der Bühne die Fans zog. Deshalb wurde nun daraus „Der Popolski Wohnzimmershow“, in der relativ wenig gelesen, dafür umso mehr musiziert und herumgealbert wird.

Die Popolskis waren ein Typenkabarett. Keine leichte Aufgabe, wenn genau die Typen der Band nun fehlen. Immerhin ist aber noch „der 14malige Miss Zabrze“, die Rote Dorota, dabei und sorgt für echten Glamour. Ansonsten löst Hagemann die Personalfrage, indem er Janusz, „der trübsten Tasse der Familie“, per Video einspielt und mit ihm kommuniziert. Der macht natürlich wieder alles falsch, ist kontaktscheu wie eh und je und hat auch noch einen Fleck auf dem Pullunder.

Die Bühne weiß Hagemann auch zu füllen: neben der Videoleinwand sind ein großer Ledersessel, sein Kofferschlagzeug, ein Kassettenrekorder und ein mit Webcam ausgestattetes E-Piano aufgestellt. So wird das im Grunde recht einseitige Thema Polka, Pop und Wodka abwechslungsreich präsentiert. Aus all diesen Dingen weiß Pawel Popolski Geschichten und Musik abzuleiten. Da wird erst mal an den einzelnen Bestandteilen des (Koffer-)Schlagzeugs vorgeführt, wie sich der Polka-Rhythmus zusammensetzt. Das macht Hagemann so geschickt, dass andere Rhythmen wie Jazz, Mambo oder Walzer, die er im Vergleich dazu vorführt, gegenüber der Polka natürlich nur langweilig wirken können. Insbesondere der Walzer ist für den Schlagzeuger Popolski nur eine verhunzte Variante der Polka.

Popolskis musikalischer Grundkurs überzeugt, ja verblüfft fast, denn seine Erklärungen klingen nachvollziehbar. Danach hört man aus dem berühmten „Can Can“ ganz von alleine die Polka raus. Wahrscheinlich geht das irgendwann mit jedem Musikstück, man muss sich nur den „Mantreks“ der „transzendentalen Polka-Meditation“ hingeben, die ebenfalls vorgeführt werden. So erschließt sich einem die Welt der 128 000 Kompositionen von Opa Piotrek Popolski, die ihm aber leider von einem windigen polnischen Gebrauchtwagenhändler gestohlen worden sind und als Schwarzmarktkopien an alle möglichen Popstars der Welt verkauft wurden.

Dann kann man ebenso verstehen, dass Iggy Pop natürlich auch mit der Mischpoke der Popolskis zu tun hat und nur seinen Namen verkürzt hat. Und dazu, dass Elvis so begeistert vom Opa war, dass er in dessen Nachbarwohnung im Plattenbau ziehen wollte. Piotrek Popolski verewigte dies angeblich in seinem berühmten Song „Living Next Door To Elvis“. Und dann wäre da noch die Erfindung des Raps, einer Musik, die ohne Melodie auskommt und bei der nur geredet wird und die dem Opa bei einem Spaziergang in den polnischen Rapsfeldern einfiel.

So kalauert sich Pawel durchs Programm, bis Kusineczka Dorota (Iva Buric Zalac) erscheint, die den Zloty besingt und Worte wie “Kontovollmacht” und “Aktienpaket” äußerst erregend findet. Dass man sich an solchen polnischen Sexbomben die Finger verbrennen kann, weiß man spätestens jetzt und auch Opa Piotrek musste das einst schon erfahren. Er erlag einer gewissen Julia, die der Erotiklehre des Kama Sutrec kundig war, in einem längeren schwachen Moment. Die Dame beherrschte Küsse wie den Posener Propeller und Stellungen wie den Lubiner Knoten, womit sie sich die Männerwelt ergeben machte.

Zum Schluss drehte das Duo Pawel & Dorota noch mal musikalisch auf, wobei die aufreizende Kusineczka eher ihren Faible für R & B zur Geltung kommen ließ, was sich etwas zu sehr vom Grundkonzept der Show entfernte, denn die Verfremdung bekannter Hits mit „der heißeste Rhythmus von der Welt“ war doch gerade das Besondere an den Popolskis.

Insgesamt darf man jedoch froh sein, dass die originelle Idee der Familie Popolski auch weiterhin existiert, wenn auch in anderer Form. Als Fernsehshow spielte sie mit dem Perfektionismus von Musikshows, als Bühnenband tendierte sie mehr zur musikalischen Konzeptband und jetzt sind die Popolskis eine Kabarettidee, die die eigene Geschichte aufarbeitet.

©2016 BonMoT-Berlin
Foto: Stephan Pick

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