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Leben heißt Veränderung – Kritik Özcan Cosar

Özcan Cosar - Foto Gianni D. PhotographyÖzcan Cosar: „Du hast dich voll verändert“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Open-Air-Veranstaltungen sind eine tolle Sache. Richtig angenehm sind sie aber erst, wenn sie auch überdacht sind – so wie der Open-Air-Bereich in der Berliner ufaFabrik. So hatte der zeitweilige Regen keine Chance, die gute Stimmung bei Özcan Cosars Auftritt zu trüben.

„Du hast dich voll verändert“ heißt das zweite Programm des schwäbischen Comedians mit türkischen Eltern. Die Verbindung des Künstlers zur Türkei spiegelt sich auch im Publikum wieder:
Hier und da sitzen junge Menschen im Publikum, die bei den eingestreuten türkischen Wörtern und Halbsätzen Cosars vergnügt reagieren. Das sind Wissende!

Cosar kommt aber auch denjenigen entgegen, die das Türkische nicht beherrschen – seinen Nachnamen spricht er auf der Bühne situationsangepasst deutsch oder türkisch aus. So nennt er mal /kosar/ und mal /dschoschar/. Auch hier hat er seine Mitmenschen sehr genau beobachtet und versteht es, ihre charakteristischen Eigenheiten zugespitzt darzustellen.

Herrlich, wie unterschiedlich sich deutsch und türkisch Geprägte beim Eingeben der Geheimzahl an der Supermarktkasse verhalten. Die einen behandeln die PIN als Staatsgeheimnis, die anderen würden der Kassiererin die Zahl am liebsten zurufen. Auch das Gehabe eines türkisch Geprägten auf der Jurassic Park-Insel unterscheidet sich sehr deutlich vom Vorgehen einer deutschen Familie: Der Erste sucht die Konfrontation mit den Dinos, der Familienvater ermahnt dagegen seinen Sohn: „So Kerle, bloß nichts anfassen.“

Cosar benutzt nicht nur die Sprache, er zeigt auch vollen Körpereinsatz. Breakdance hat er mal gemacht, in einer Tanzschule gearbeitet und sich dann zum Sportlehrer ausbilden lassen. Körperbeherrschung ist sein Ding. Dabei bleibt er sympathisch bescheiden: „Ich bin nichts Spektakuläres, ich bin Comedian. Ein Arzt, ein Kardiologe, ist etwas Spektakuläres!“

Özcan Cosar sagt, sein Ziel sei es, die Leute zum Lachen zu bringen. Eine Message habe er ausdrücklich nicht, gibt er an. Und da stellt er sein Licht unter den Scheffel, erzählt er doch im ersten Teil des Abends seine Lebensgeschichte. Ja, das geht auch schon mit Mitte dreißig! Denn dieser Lebensweg hat Kurven und Umwege und ist nie so geplant worden.

Cosar macht Mut, sich auf das Unplanbare einzulassen, er erzählt von Menschen, die ihn geprägt und unterstützt haben. Von seinen Eltern, von Lehrern und Freunden. Von der langen Suche nach seinen Talenten. „Wir Menschen haben Angst vor Veränderung“, sagt Cosar, „deshalb mögen wir den Satz ‚Du hast dich voll verändert‘ nicht.“ Cosar ist auf dem richtigen Weg und ermutigt sein Publikum, den eigenen Weg zu gehen.

Nach der Pause zerfasert der Abend ein wenig. Cosar wird gesellschaftskritisch und überlegt, wie Primark ein T-Shirt für drei Euro verkaufen könne. Dabei müsse doch irgendjemand ausgebeutet werden! Heute jedoch hätten die Ausgebeuteten einen Internetanschluss und können sehen, wie gut es den Menschen in Deutschland geht. Von Arbeitsrecht bis zahnärztliche Versorgung. Klar, dass sich der eine oder andere auf den Weg macht…

Er hält eine Wutrede gegen die Haltung, für Flüchtlinge sei hier kein Platz und fordert mehr Brüderlichkeit: „Seid gut zu euren Mitmenschen!“ Über das Verheizen junger Menschen in Fernseh-Talentshows erregt er sich genauso wie über die Zuschauer, die dem Format seit einem Jahrzehnt die Treue halten. „Ich bin zwar Moslem, aber kein Theologe“, antwortet er Mitmenschen, die ihn zum Islam Löcher in den Bauch fragen. Alles gut und richtig, aber der rote Faden ist nach der Pause zu gut versteckt.

„Du hast dich voll verändert“ von Özcan Cosar hinterlässt eine Menge Lachfalten. Seine Denkanstöße wirken lange nach und machen Lust auf sein nächstes Programm.

© 2016 BonMot-Berlin
Foto: Gianni D. Photography

ufaFabrikWorld of Friends

Kategorien:Comedy, Kritik

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