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Viele Meter Meta-Ebenen – Kritik Timo Wopp

2016-09-28 Timo Wopp - MHT 1 - Foto© Carlo WankaTimo Wopp: „Moral – Eine Laune der Kultur“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Timo Wopp ist ein Tausendsassa. Mit tausend Ideen im Kopf, die er in gefühlten tausend Worten pro Viertelstunde auf das Publikum loslässt. „Moral – Eine Laune der Kultur“ heißt sein aktuelles Programm, das er dieser Tage im Berliner Mehringhoftheater zeigt.

Moral, so seine These, ist eine wandelbare Sache. Sie ist stets von der Umgebung abhängig. Und dieser Blick auf die Umgebung kann sich ändern, wenn man eine andere Perspektive einnimmt. Oder einnehmen muss.

Ein Beispiel dafür sind die aufgeklärten Eltern vom Prenzlauer Berg, zu denen sich auch Timo Wopp zählt. „Wir Eltern finden Apartheid ganz schlimm – außer in der Schule unserer Kinder!“ Da darf es natürlich nicht so viele Mitschüler geben, die das Zuckerfest feiern! Schwupps, schon hat der Wopp wieder gezündelt und seiner eigenen Generation den Spiegel vorgehalten.

2016-09-28-timo-wopp-mht-07-foto-carlo-wankaManchmal schmeißt er auch mit Zigarrenkisten, Bällen oder Keulen um sich – um zu jonglieren. Wer sich aber hier einen Moment der Entspannung erhofft, wird ihn nicht finden. Besonders in seiner Balljonglage redet er sich in Fahrt und findet unerwartete Ausdrucksformen, um die moderne Arbeitswelt zu beschreiben.

Man muss aufmerksam sein, um Wopp folgen zu können. Andererseits ist er so vielfältig in seinen Themen, dass man auch mal eines versäumen kann und sich trotzdem noch glänzend unterhalten fühlt. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem einjährigen Erziehungsurlaub, den er genommen hat. Da war er so emanzipiert, dass er den Haushalt geführt hat. Aber offenbar nicht stets zur vollsten Zufriedenheit seiner Frau, denn seitdem nennt er sie „Putina“.

Ernst und Ironie verschwimmen in Wopps Programm. Wo man sich gerade noch voller (Schaden-)Freude auf die Schenkel geklopft hat, ist man im nächsten Moment peinlich berührt. „Wir haben keine Meinungsfreiheit, wir haben Mitteilungs-Inkontinenz“, sagt Wopp zu dem Drang, alles und jedes im Internet kommentieren zu müssen.

Ob er Alice Schwarzers bisweilen ungewöhnliches Rechtsempfinden entlarvt oder sich selbst als „Alternative des Kabaretts, AfK“ bezeichnet – Wopp hat ein paar ehrbare Grundsätze. „Recherche ist der Feind der Meinung“, lautet einer. Ein anderer: „Mein Ziel ist es, der Orientierungslosigkeit in diesem Land ein Gesicht zu geben. Und zwar meins!“ Das gelingt ihm zur großen Gaudi des Publikums.

©2016 BonMoT-Berlin
Fotos: Carlo Wanka

Timo Wopp: „Moral – Eine Laune der Kultur“ gibt’s noch bis zum Samstag, 1. Oktober 2016 im Berliner Mehringhoftheater jeweils um 20 Uhr.
Kartentelefon: 030.691 50 99
Alle weiteren Termine auf der Homepage von Timo Wopp.

Einen halbstündigen Ausschnitt aus Timo Wopps Programm „Moral – Eine Laune der Kultur“ zeigt der Fernsehsender 3sat am Samstag, 1. Oktober 2016, um 21 Uhr.

Kategorien:Kabarett, Kritik

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