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Gelungene Mischung – Kritik Masha Potempa

masha-potempa-foto-fb-potempaMasha Potempa: „Rauchschwalben am Horizont

von Gilles Chevalier

BERLIN – Einmal mehr hat es sich gezeigt, dass man für große Entdeckungen am besten in kleine Theater geht: Masha Potempa trat mit ihrem Programm „Rauchschwalben am Horizon“ im „Zimmer 16“ in der Pankower Florastraße auf. Das hat Platz für vielleicht 60 Zuschauer und bietet eine intime Atmosphäre, denn Zuschauer und Künstler begegnen sich praktisch auf Augenhöhe.

Die junge Künstlerin ist in der Hanns-Dieter-Hüsch-Stadt Moers aufgewachsen und nach Aufenthalten in Kanada und Spanien vor ein paar Jahren in Berlin gelandet. 2011 hat sie zum ersten Mal ein Seminar in Christof Stählins SAGO-Schule besucht. „Rauchschwalben am Horizont“ ist das erste abendfüllende Programm und wird von Masha Potempa als „MusikPoesie“ bezeichnet.

Das trifft es. Lieder und Gedichte wechseln sich ab. Potempa spielt akustische Gitarre und Akkordeon, manchmal lässt sie sich von Karl Neukauf am Klavier begleiten. Ihre Songs sind pointiert, prägnant und klug, zu dicht sind sie nie. Manchmal ist ein Cover dabei, zum Beispiel von Christof Stählin.

Das Reisen ist ihr Hauptthema. Man kann im Traum reisen oder in Urlaub, zu zweit oder in die Vergangenheit. Die verschiedenen Situationen arbeitet sie in jedem Song individuell heraus. Stets gibt es Neues zu entdecken, Abwechslung ist garantiert: Vom Liebeslied bis zum Abschiedslied für die Oma, weil die Enkelin jetzt in die große Stadt zieht, ist alles dabei.

Höhepunkt ist „Ach, Berlin“, ein ironisches Bekenntnis zu einer Stadt und all ihren Fehlern: „Deine Winter wiegen tonnenschwer / immer Schienenersatzverkehr.“ Eine über weite Passagen monotone Melodie lässt den immer gleichen Trott der Stadt erkennen. Der Song trifft den Nerv des Publikums. Wunderbar traurig dagegen „Und schließlich ist der Kreis zerschlagen“. Hier geht eine Liebe zu Ende, was Potempa auch mit der Zeile: „Als wir im Morgengrauen lagen / fanden wir den Tag nicht mehr“ ausdrückt.

Einen Kontrast zu den Liedern bilden die Gedichte. Meist haben sie einen heiteren Grundton, bisweilen bieten sie auch eine überraschende Pointe. Da geht es um das Leben in der WG, in der die Küchenuhr um Viertel vor drei stehengeblieben ist oder um verrückte Ideen, die sie mit ihrem Freund gemeinsam umsetzen will. Dumm nur, dass er die verrückteste Idee auch schon hatte und konkrete Vorbereitungen getroffen hat…

Ihre Gedichte trägt Masha Potempa stets frei vor. Auch das aus der Perspektive eines alten, bettlägerigen Menschen. Er fragt sich, was von ihm bleiben wird und kommt zu dem Schluss: „Sucht mich hinter’m Spiegelglas / in euren eigenen Gesichtern.“ Starker Tobak, zum Sackenlassen gibt es im Anschluss das einzige Instrumental des Abends.

Masha Potempa gestaltet mit „Rauchschwalben am Horizont“ einen atmosphärisch dichten und geheimnisvollen Abend. Mehr und mehr stellt sich das Gefühl der Geborgenheit ein. Man kommt an in der Welt dieser großartigen Reiseleiterin. Wann bitte, geht es wieder los?

Homepage: Masha Potempa

©2016 BonMoT-Berlin
Foto: facebook_musikpoesie

  1. 6. Oktober 2016 um 23:18

    Hat dies auf Masha Potempa rebloggt und kommentierte:
    Wow, vielen Dank für diese tolle Kritik!

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