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Achterbahnfahrt für Wirklichkeitsverbraucher mit Fritz Eckenga

fritz-eckenga-foto-philipp-wente_600Fritz Eckenga: „Frisch von der Halde“

von Marianne Kolarik

KÖLN – Da hat sich im Lauf der Zeit einiges angesammelt: „Frisch von der Halde“ heißt das neue Programm von Fritz Eckenga, mit dem er im Rahmen des 26. Köln Comedy Festivals in der Comedia die kleinen grauen Zellen der Zuschauer einer Generalüberholung unterzog. Fast drei Stunden lang redete er auf sie ein, trug Gedichte und Shakespeare-Übersetzungen in Ruhrhochdeutsch vor – und traf mit seinem lakonischen Humor mitten ins Epi-Zentrum ihres Verstandes. Unter dessen Diktat sich auch die Befindlichkeit des Wort-Künstlers ständig ändert.

So litt er zwischendurch unter dem Bedürfnis, das Land und dessen Kanzlerin in Schutz zu nehmen – eine vorübergehende Schwäche, die sich gelegt hat. Nur auf den Oppa (ja, den schreibt man im Ruhrgebiet mit zwei p), der ihm einst die lebensnotwendige Stipptechnik vermittelte, lässt er bis heute nicht das Geringste kommen.

Allerdings ergab die repräsentative Umfrage zur Stimmungslage der Nation – Eckenga hat drei Leute im nah gelegenen Büdchen befragt – wenig Grund zur Hoffnung: Die deutsche Wertarbeit ist längst nicht mehr das, was sie einmal war, Klempner und Chirurgen haben ein gemeinsames Mantra („Was drin ist, kannste erst sehen, wenn du es aufgemacht hast…“), der Westfale starrt laut Heinrich Heine als „sentimentale Eiche“ ehrfürchtig auf den Rheinländer und es gibt mehr sportliche Spielarten, bei denen Pferde mitmachen, als man glauben mag.

ARD-Sport-Reporter Carsten Sostmeier gab in der Vergangenheit jedenfalls reichlich Anlass zur Empörung – was den Dortmunder Kabarettisten zu einer saukomischen Live-Persiflage animierte – und schließlich in einem furiosen Schlussplädoyer in eigener Sache gipfelte. Hätte man den Künstler an diesem Abend an einen EKG-Monitor mit unterschiedlichen Messparametern angeschlossen, wären vermutlich höchst kontroverse Ergebnisse heraus gekommen.

Der Blutdruck schwankte von viel zu niedrig bis in schwindelerregende Höhen, mal macht Eckenga den Eindruck, als wüsste er nicht weiter und gibt vor, sich mit sich selbst zu langweilen, ein andermal schwingt er sich zu Goldmedaillen verdächtigen Höchstleistungen auf – eine dramaturgische Achterbahnfahrt, in deren Verlauf das Publikum, laut Eckenga „gut abgehangene Wirklichkeitsverbraucher“, seinen Standort – und damit die Perspektive – mehrfach änderte. Um am Schluss vor Begeisterung schier auszurasten.

©2016 BonMoT-Berlin
Foto: Philipp Wente

26. Internationales Köln Comedy Festival 2016
vom 20. Oktober bis zum 5. November 2016

auf 18 Bühnen in Köln
Das ganze Programm HIER auf der Homepage Köln Comedy, sowie als pdf zum Download der Programmüberblick und das Programmheft

Kategorien:Kabarett, Kritik

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