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Welch ein Mensch, welch ein Ekzem – Buchbesprechung Polt

polt-ekzem-cover-kein-aber_aDas Buch zu „Ekzem Homo“ von Gerhard Polt & den Well-Brüdern

von Harald Pfeifer

Als brauche man für eine Überschrift von Gerhard Polt eine Erklärung. Und wenn dann doch eine kommt, und sei es ein Rollentext, bleibt in der Regel keine Frage mehr offen: „Wissen Sie, für mich ist der Mensch ein Zwischenwirt, ein Paradies, ein Eldorado für Parasiten aller Art, Bazillen, Viren, Waffenhändler, Bestattungsinstitute, auch die Religionen lieben den Menschen. Und Fußpilze.“ Warum also nicht auch ein Ekzem.

Und damit ist die Welt, in der sich Polt und die Well-Brüder im Stück „Ekzem Homo“ bewegen, in groben Strichen umrissen. Wirklichkeit und Folklore greifen dann ineinander. Alles ist ein Politikum, wie die Demokratie, also auch das Grillen, die Steuern, Asylanten und Altenpflege, der große oder kleine zwischenmenschliche Terror, und überhaupt wäscht eine Hand die andere. Es wär ohnehin am besten, wenn alles so bliebe wie es ist, sagt dann einer und so kommt das Konservative oder gar Reaktionäre auf. Das erzeugt gemischte Gefühle von der Art, die Gerhard Polt in seinem politischen Volkstheater so oft abruft. Und faszinierend ist das, weil es nie aufgesetzt wirkt.

Am 7. Februar 2015 hatte das Singspiel „Ekzem Homo“ in den Münchner Kammerspielen Premiere, und nur dort war es zu erleben, weil Stefan Merki und Funke Konate vom Ensemble mit von der Partie waren. Somit ist nun das Buch ein Behelf für jene, denen der Weg nach München zu weit war oder die keine Karten bekommen konnten. Wunderbare Fotografien geben einen Eindruck des Geschehens, die Liedtexte sind mit Noten abgedruckt, und dazu sind dann teils längere Auszüge aus dem Textbuch zu lesen. Wer Gerhard Polt und die Well-Brüder schon einmal gesehen hat, kann sich ein Bild von dem dokumentierten Theaterabend machen.

Bei Polt ist alles Volkstheater und Zeitdokument zugleich. Ambivalent wird es bei ihm immer. Seine Art der Heimatverbundenheit ist tückisch, die Szenen oder Monologe wie auch die Statements richten Schlaglichter auf das Tagesgeschehen: „Und um einen andern umzubringen, muss man ja nicht zwangsläufig religiös sein.“ Mit solchen Sätzen befindet man sich mitten in der egoistischen Gesellschaft: „Wenn Du ein Menschenbild hast, Bubi, dann kannst Du immer noch, wenn du willst, ein Demokrat werden.“ Die Szenen und Lieder von „Ekzem Homo“ führen durch eine Republik, die man nicht kennen möchte. Aber man kennt sie und all die Zeiterscheinungen eben auch.

Das Buch ist sicher kein Ersatz für einen grandiosen Theaterabend in den Münchner Kammerspielen, aber man hat Dank des Buches von ihm eine konkrete Vorstellung. Und auch vom Zeitgeschehen und der Dominanz des Geldes. Und da ist man wieder beim Ekzem. Schließlich gibt es noch einen billigen Trost: „Wenn ich als lebendige Verlustzuweisung durch die Gegend laufe, dann muss doch irgendjemand einen Profit daraus ziehen. Also bin ich doch rentabel, stimmt’s?“

© 2016 BonMoT-Berlin
Cover und Coverfoto: Kein & Aber

Gerhard Polt und die Well-Brüder: Ekzem Homo
Kein & Aber, 191 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-0369-5735-7

 
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Kategorien:Bücher/ Print, Kritik

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