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Die Vorgaben der Nachkommen – Buchbesprechung

zingsheim-eltern-quMartin Zingsheim:
„Eltern haften an ihren Kindern“

von Harald Pfeifer

Da treten sie als Kabarettisten, Satiriker, Komiker oder Comedian an, den Zustand der Welt zu beschreiben und zu beanstanden, mit der Zeit bringen sie es dabei zu einer gewissen Perfektion, doch dann werden sie unversehens nebenberuflich Väter, und alles ist anders.
Für Martin Zingsheim war das der Grund, ein Buch zu schreiben. Da sich die Dinge nun gedreht haben, ist der Titel „Eltern haften an ihren Kindern“. Und die Väter lassen nicht los, weil die Welt mit den kleinen Popanzen viel spannender ist, als Außenstehende das glauben mögen.

Es gibt also viel zu erzählen. Ob über Sprachgefühl, Logik, Eroberung des Alltags oder Erziehung, immer halten die lieben Kleinen eine Überraschung bereit. Das ist ihre Unbekümmertheit und vor allem die Anarchie. Martin Zingsheim hält alles fest. Er ist ein guter Beobachter und ein Mann, der auch kleine Unterschiede wahrnimmt und somit dem Leser alle Türen zum Thema Mutter, Vater, Kind weit öffnet.

„Kindergartenkinder“, sagt er, „sind weitaus schlauer und innovativer als wir mental verstaubten Riesen. Die spielen mit allem, und zwar alles, und das ganz ohne Bedienungsanleitung. Ich kenne einige auf unserer Fensterbank liegende Stücke bemooster Baumrinde persönlich, und die waren schon ziemlich alles: Raumschiffe, ein Indianerzelt, eine Zwergenrutsche und sogar eine bemooste Baumrinde.“

Zingsheim geht es aber nicht nur um Überraschung und Einmaligkeit, ihm geht es besonders um das Erlebnis Vater von drei Söhnen zu sein vom Klein- bis zum Schulkind. Und da wird es spannend. Erziehung ist ja immer ein Feilschen und, aus der Sicht der Eltern, auch eine Art der Selbstrettung. Beide Kontrahenten handeln strikt und zielorientiert, mit kleinen und großen, alten und neuen Tricks und am Ende führen die Großen ihre Überlegenheit ins Feld. Und damit wird dann die geradezu politische Dimension des Erziehungsprozesses sichtbar. Vater Staat taucht als Beispiel auf. So werden die Kleinen in die Welt der Großen eingeführt. Die aber steuern gegen. Das Prinzip Vorbild taugt so nur bedingt. Zingsheim schreibt:

„Wer jedoch unsere Art und Weise, zu konsumieren, zu produzieren und auch zuzubereiten, wirklich nachhaltig beeinflusst, sind die vielen Millionen Mütter und Väter, die ihren kleinen Tischnachbarn daheim einen kulinarischen Horizont vererben.“

Mit anderen Worten, so groß das Chaos auch sein mag, es ist alles in Ordnung. – All das beschreibt Martin Zingsheim immer wieder überraschend, mit Klugheit und viel Liebe sowie ausgesuchter sprachlicher Phantasie. Allein, wie viele unterschiedliche Bezeichnungen er für seine drei Kinder findet, erstaunt schon. Ein Buch, durch das man zu beobachten lernen kann.

© 2017 Bonmot-Berlin

Martin Zingsheim: „Eltern haften an ihren Kindern“
Ullstein, 254 Seiten, 9,99 €

Kategorien:Bücher/ Print, Kritik

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