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Ganz in Schwarz und ohne Blumenstrauß – Kritik Nico Semsrott

nico-semsrott_2-foto-fabian-stuertzNico Semsrott: „Freude ist nur ein Mangel an Information 2.5“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Da steht er nun, der Preisträger in der Sparte Kleinkunst des Deutschen Kleinkunstpreises 2017. (Preisverleihung am 5.3.17 im Mainzer unterhaus) Mitten auf der großen Bühne der Berliner Wühlmäuse. Großes Aufheben ist ihm fremd. Nico Semsrott hat seine Kapuzenjacke zugezogen und die Kapuze über den Kopf gezogen. Selbst das Licht ist sparsam: Punktgenau setzt es den Künstler in Szene.

Es scheint Semsrott fast unangenehm zu sein, dass sich 500 Menschen seinetwegen auf den Weg ins Theater gemacht haben. Zurückhaltend agiert er, immer auf der Hut vor dem Scheitern. Denn das ist sein Thema.

Schon an seinem Geburtstag habe sich das abgezeichnet, erklärt Semsrott. Am 11. März 1986 habe er das Licht der Welt erblickt. 1986, im Jahr der Katastrophe von Tschernobyl, und dann auch noch am 11. März, dem Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Doch für Semsrott ist auch klar: Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft. Wichtig sei es deshalb, erfolgreich zu wirken – nicht unbedingt, erfolgreich zu sein!

Doch Nico Semsrott ist erfolgreich. Gekonnt zieht er die Stimmung immer wieder nach unten und wenn es ganz schlimm kommt, projiziert er Fotos von Tierbabys auf eine große Leinwand. In seiner ruhigen Art spricht er über den Glauben und fragt: „Woran willst Du glauben? An bereits widerlegten oder noch nicht widerlegten Quatsch?“ Wobei man noch zwischen katholischem, neoliberalem und rechtem Quatsch unterschieden könne.

Klare Worte und deutliche Bilder durchziehen den ganzen Abend. Die Parole „Ausländer raus!“ ist für ihn eine kreative Leistung, weil Ausländer nicht die Ursache vorherrschender Probleme sind. Die Flüchtlingskrise in Deutschland reduziert er auf das Bild eines Pavianfelsens mit 82 Bewohnern. Jetzt kommt ein Pavian hinzu und Semsrott fragt sich, wo genau das Problem liegen soll.

Mit entwaffnender Logik zerlegt er den Satz „Der Islam gehört nicht zu Europa!“ Aber er ist doch schon da! Die Sahara gehört nicht zu Europa, das könne man sagen, denn die Sahara liegt in Afrika. Gemeint sei also eigentlich: Moscheen gehören nicht zu Europa. Also müssten jetzt Zwangsausweisungen oder Zwangstaufen folgen. An anderer Stelle erklärt er den Unterschied zwischen Aufklärern und Fanatikern. „Mensch, das stimmt doch alles gar nicht“, sagt der Aufklärer. „Nur weil es nicht stimmt, ist es noch lange nicht falsch“, entgegnet der Fanatiker. Alternative Fakten lassen grüßen…

Klar, dass bei solchen Themen nicht durchgehend Freude im Saal herrscht. Doch es sind gerade die leisen und nachdenklichen Momente, die diesen Abend so eindringlich machen. Semsrott stellt sich nicht über das Publikum, er öffnet sich und zeigt sich verwundbar: „Schon mein Beruf ist ja ein Widerspruch in sich. Ich kann von meiner Kapitalismuskritik leben.“ Von Beziehungen, vornehmlich anderer Menschen, ist er furchtbar genervt. Deshalb spricht er sich klar für Zwangsehen aus: „Dann müsste ich auch mal eine abbekommen!“ Ach was, das wird schon! Mit dem Programm hat es ja auch prima geklappt!

© 2017 BonMot-Berlin
Foto: Fabian Stürtz

Ende April spielt Nico Semsrott das Programm „Freude ist nur ein Mangel an Information 2.5“ im Berliner Mehringhoftheater. Alle weiteren Termine finden Sie HIER bei Nico Semsrott.
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Kategorien:Kabarett, Kritik

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