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Der ganz normale Wahnsinn – Premierenkritik Semianyki

Semianyki: „Die Familie“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Im Tipi am Kanzleramt haben den ganzen Februar über die Clowns das Sagen. Semianyki heißt die Kompanie. Sie besteht aus Absolventen des Teatr Licidei, das 1968 von Slava Polunin in Sankt Petersburg gegründet wurde. Seit Jahren sind Semianyki europaweit auf Tour und gastieren jetzt fast drei Wochen in Berlin.

Die sechs Clowninnen und Clowns sind eine Bühnen-Familie. Die herzensgute und stets ausgleichend wirkende Mutter hält die Familie zusammen. Sie hat für jeden Unfug ihrer Kinder Verständnis. Hochschwanger lässt die ihre drei Kinder unbestimmten Alters und das Baby gewähren. Was soll auch schon kaputtgehen in diesem großen, vollgestellten Ein-Zimmer-Appartment? Das Klavier ist bereits verstimmt, und das Radio hat noch Röhren und muss erst ein wenig vorglühen, bevor es spielen kann.

Bleibt noch der Vater. Er hat resigniert und lässt alles über sich ergehen. In einer besonderen Form von Akupunktur bringen die Kinder Dutzende Wäscheklammern an der Kleidung des schlafenden Mannes an und fixieren seinen Kopf mit breitem Klebeband am Schaukelstuhl.

Böse kann er darüber nicht sein, er wird höchstens ungehalten. Und zwar dann, wenn er nicht in Ruhe seinen Wodka trinken kann, weil ihm ein Skistock auf den Schulterblättern beide Arme in der Position des Gekreuzigten hält. Trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit gelingt es ihm schließlich, auf artistische Weise das Schnapsglas zu füllen und eine Zigarette anzuzünden.

Doch irgendwann ist es zu viel für diese traurige Gestalt. Er verlässt die Familie für kurze Zeit, um sich zu sammeln. Reumütig kehrt er zu seiner Familie zurück, die ihn bereits schmerzlich vermisst hat. Der Vater ist der einzige Künstler, der nicht im Gesicht weiß geschminkt ist. Dafür trägt er eine überdimensionale rote Nase. Der Familienzusammenhalt wird durch große Brillen mit breiten schwarzen Rahmen ausgedrückt.

Semianyki sind Olga Eliseeva, Alexander Gusarov, Kasyan Ryvkin, Elena Sadkova, Marina Makhaeva und Yulia Sergeeva. Sie kommen ohne Worte aus. Das funktioniert, weil sie als Clowns agieren und weil sie keine lineare Geschichte erzählen. Es sind einzelne Szenen aus einem turbulenten Familienleben. Wer zu lange nach der Geschichte sucht, dem entgehen die kleinen Bösartigkeiten der anarchistisch agierenden Kinder.

Immer wieder wird mit einer Säge versucht, einen Arm abzuschneiden, oft greifen sich die Kinder gegenseitig in die Haare und ziehen sie büschelweise aus. Nein, richtig lieb sind sie untereinander nicht.

Auch die Show hat ihre dunklen Momente, wenn die Mutter ihren Kindern eine gruselige Geschichte vorliest und sich die Familie in furchtbare Gestalten mit leuchtend roten Augen verwandelt. Doch auch hier ist am Ende der Szene helles Kinderlachen aus dem Publikum zu hören.

Überhaupt wird das Publikum ordentlich eingebunden, nicht nur in der ersten Reihe. Mehrfach huschen die Künstler durch die Reihen, herzen und küssen, gestalten Frisuren der Zuschauer neu oder integrieren sie in einzelne Nummern. So versucht sich der Junge als Dirigent und bindet drei Zuschauer ein, um ein Orchesterstück zu intonieren.

Neben den Lichteinstellungen sorgt auch die zugespielte Musik für Atmosphärenwechsel. Es sind hiererorts weniger bekannte Melodien, die gut und gerne vor 50 Jahren eingespielt sein können. Darunter Chansons, Rumbas und Tangos, zu denen die Mutter ganz wunderbar in ihren Holzpantinen mit dem Vater tanzt.

Schließlich gibt es doch ein Happy-End, eine glückliche Niederkunft und ein fulminantes Finale. Semianykis Welt ist sehenswert und voller Überraschungen. Ähnlichkeiten mit lebenden Clowns in der eigenen Familie sind durchaus beabsichtigt.

©2017 BonMoT-Berlin
Foto: XAMAX

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Semianyki spielen „Die Familie“ noch bis 25. Februar 2017 im Tipi am Kanzleramt in Berlin.

Kategorien:Comedy, Kritik, Premiere
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