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Fröhliche Anarchoentertainer – „Kommse ran!“ – Premierenkritik The Incredible Herrengedeck

„Kommse ran! – The Incredible Herrengedeck laden ein …“

von Beate Moeller

BERLIN – Ob Berlin denn noch eine weitere Mixed Show braucht – das ist die Frage. Wenn allerdings „The Incredible Herrengedeck“ zu einer solchen einlädt, könnte man schon mal drüber nachdenken…

Die Chanson-Punks präsentieren sich bei der Premiere im Varieté-Saal der Tempelhofer ufaFabrik als Anarcho-Clowns: Pianist Daniel Thylmann im weißen Jackett und mit weißer Federboa am schwarzen Klavier, Gitarrist Tapani Gradmann mit keckem schwarzen Hütchen zum rotem T-Shirt (sic!) und Bassist Robert Rating im viel zu knappen karierten Sakko, das unter den Armen schon aufgerissen ist. Thema Nummer eins: Bezahlbarer Wohnraum, Verteuerung der Mieten im Kiez, den die Touristen vom Reisebus aus anglotzen: „Großstadtsafari im Milieuschutzgebiet, hier sieht man seltene Arten, die es sonst nicht mehr gibt. Füttern verboten!“

„Füttern verboten!“ – Das steht auch auf dem Schild am Bretterzaun, von dem die Gäste des Abends eingepfercht sind. Allesamt „schräge Vögel des Berliner Untergrunds“. Ungeduldig fauchen und kratzen die wilden Tiere, bis sie nacheinander rausgelassen werden auf die Bühne.

Die Sängerin Johanna Zeul irritiert, springt trotzig, wild und fröhlich im hellblau-weiß-gestreiften Hertha-Trikot und trommelt auf der Gitarre beim Song übers falsche Leben „Hier steht dein Schatten und weint.“ Genauso klug wie durchgeknallt.

Die Aufforderung hieß, möglichst bunt gekleidet bei dieser als schrill geplanten Mixed Show zu erscheinen. Deshalb tritt Sebastian Kiefer ganz in Schwarz auf. Möchten Sie den Klang seiner Lieder hören? Versuchen Sie doch einfach sich vorzustellen, wie ein imaginärer Sohn von Leonard Cohen und Bob Dylan so etwa singen würde. Dann nähern Sie sich an das an, was Sie verpasst haben.

Ohne Instrument kommt der Poetry-Slammer Nils Früchtenicht aus. Besonders imponierend: der Text, mit dem er erklärt, warum er das überhaupt alles macht, die ganze Schreiberei. Man hätte eine Stecknadel fallen hören.

Und dann wäre da noch „Robert, der Schlagerstar“. Auf gar keinen Fall zu verwechseln mit dem Robert, der bei „The Incredible Herrengedeck“ den Bass spielt. Ein Versager auf der ganzen Linie, „schlechter als die schlechten YouTube-Videos, die Ihr auf Arbeit immer anseht.“ Der kann noch nicht mal sein Keyboard hinstellen, ohne sich mit den Kabels zu verheddern. Gibt sich aber ganz ernsthaft Mühe. Die falschen Knöppe drückt er auch noch, singt krauses Zeug mit bierernster Miene bis alle am Boden liegen vor Lachen.

Im grauenerregenden Glitzeroutfit mit blonden Julia-Timoschenko-Perücken schockt „Esels Alptraum“. Die miesen Images von Schlager und Jodelei maximieren die beiden Damen durch die Kombination zu einem noch schlechteren, um zur Revolte aufzurufen. Sie jodeln „gegen den Hass in der Welt und die geistige Verkrustung“. Aus Cindy & Berts Hit „Geh die Straße!“ aus dem Jahr 1972 machen sie „Geh auf die Straße!“.

Die Gastgeber beschließen den Abend mit ihrem aktuellen Song „Der Zaun“ (muss weg), da stößt die wilde Anarchokünstlermeute ihr Gehege auf der Bühne um, befreit sich und stürmt zum Mitsingen nach vorne. Mit dem nur leicht umgedichteten Wiener Arbeiterlied bekennen sie sich gemeinsam als das „Kreativprekariat aus Berlin“. Die Stimmung kocht, viele Zuschauer reißt es von den Sitzen, alle singen mit. Das lässt sich nur noch mit „Berlin stinkt“ toppen, der Antihymne an die Hauptstadt von „The Incredible Herrengedeck“.

„Kommse ran!“ ist alles andere als eine Mixed Show, die aus der netten Aneinanderreihung erfolgreicher Nummern besteht, sondern ein Statement. Und spaßig allemal. Womit die Eingangsfrage bejaht ist. Mehr davon gibt’s im Mai. Man darf gespannt sein, welche exotischen Künstlertiere die Chanson-Punks dann aufs Publikum loslassen.

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: Tobby Russell

Nächste Termine:

Do, 20. April 2017: 101 Jahre Dada – Die Dada-Gedenkgala, ufaFabrik Berlin
Do, 11. Mai 2017: „Kommse ran! – The Incredible Herrengedeck laden ein …“, ufaFabrik Berlin

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