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Familienaufstellung – Lo Malinkes erstes Bühnensolo -Premierenkritik

Lo Malinke: „Mütter & Menschen“ in der Bar jeder Vernunft

von Axel Schock

BERLIN – Noch nichts passiert, nur zwei Barhocker stehen im fahlen Bühnenlicht der Bar jeder Vernunft. Manch altgedienter Malediva-Fan kann bei diesem Anblick ein leises Seufzen nicht unterdrücken. Denn mit nicht mehr als eben zwei Barhockern hatten Lo Malinke und Tetta Müller vor rund zwei Jahrzehnten auf just dieser Bühne ihre Chanson-Kabarett-Karriere begonnen und die Menschen beglückt. Doch vor wenigen Jahren hat Tetta Müller dem Showbiz den Rücken gekehrt. Malediva ist seither – große – Kleinkunst-Geschichte.

Das Paar ist seither freilich nicht untätig geblieben, ganz im Gegenteil. Gemeinsam haben sie die Drehbücher zu vier Fernsehfilmen geschrieben und realisiert. Weitere sind bereits in Arbeit. Malinke hat zudem drei sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht, Nummer vier folgt im Mai. Aber im Gegensatz zu Tetta Müller fehlte seinem Ehemann Malinke ganz offenbar das Scheinwerferlicht, der Applaus und die direkte Reaktion des Publikums auf seine punktgenauen Dialoge und Pointen.

Nun also Lo Malinkes erstes Soloprogramm. Die Bar jeder Vernunft hat „Mütter & Menschen“ als „Comedy“ angekündigt. Marktgängige Schubladen müssen nun mal sein, doch könnte dies bei unbedarften Zuschauern durchaus falsche Erwartungen wecken.

Denn Malinkes Bühnensolo ist kein Stand-Up, sondern genau genommen eine Lesung. Lässig und im Alltagsdress macht es sich Malinke auf einem der beiden Hocker bequem, der andere dient als Ablage für seine Manuskripte und eine Wasserflasche. Fast 47 Jahre habe er mittlerweile über seine Mutter nachgedacht, leitet Lo Malinke seinen Abend ein. Seine Erkenntnisse und Erfahrungen hat er nun zu Papier gebracht. Malinke erzählt von seiner Kindheit und Jugend auf dem Lande in einem 700-Seelen-Dorf in Nordhessen, vom Leben in einem Reihenhaus, das von seinem Vater Zimmer für Zimmer mit Holz ausgeschalt wird; von Eltern, die sich ausgiebig und freimütig mit jedermann über die Verdauung unterhalten.

Vor allem aber berichtet Malinke von seiner Mutter. „Meine Mutter ist auch ein Mensch – am Rande“, schickt er vorweg. Und meint damit: Sie ist nicht nur ein Monster. Denn auch wenn die Schilderungen und Anekdoten zielgerichtet das Publikum zum Lachen bringen – es ist ein Lachen über menschliche Abgründe. Über eine Frau, die Malinke alles andere als sympathisch zeichnet, sondern als herrschsüchtig, dominant und fremdenfeindlich. Eine Frau, die in der Welt und den Menschen um sich herum nur Feinde und Missgunst sieht.

Malinkes Texte sind klar, in einem manchmal fast naiv-ehrlichen und darum umso direkteren Ton erzählt, dabei bedacht rhythmisiert und – wen wundert’s – äußerst bühnenwirksam vorgelesen. Bisweilen muss er selbst über die eine oder andere der eigenen Pointen lachen, dann wieder stockt er, um an besonders befremdenden Stellen einzuschieben: „Ich habe mir das nicht ausgedacht“.

Seine Mutter, sagt Malinke, habe er natürlich zur Premiere eingeladen, aber wie schon bei allen anderen 15 Premieren seiner Karriere sei sie natürlich nicht gekommen. An Städten wie Berlin sind für seine Mutter nur die C&A-Filialen wirklich interessant. Als Zuschauer atmet man da doch irgendwie auf. Denn auch wenn Malinke die Charakterschwächen seiner Mutter (wie auch die anderer Familienmitglieder) zu bestürzend komischen Porträtstudien und himmelschreienden Grotesken zusammenschnurren lässt – es bleibt befremdlich, dass jemand die Chuzpe oder auch Dreistigkeit hat, die Liebsten solcherart dem Publikum vorzuführen.

Mit diesem ambivalenten Gefühl geht man die Pause, um dann in der zweiten Hälfe erneut überrascht zu werden. Malinke seziert nun, nicht weniger unverblümt und schonungslos, das eigene Paarverhalten. Nach 27 gemeinsamen Jahren haben auch Müller & Malinke ureigene Abgründe geschaffen, die sie in der Bühnenerzählung zwar wie kindische Trottel dastehen lassen, aber auch als ein liebeswertes und in Liebe verbundenes Paar.

Und auch die Blutsfamilie erscheint nun noch einmal in einem anderen Licht. Die Begegnung der Mutter mit der vietnamesischen Inhaberin eines Lebensmittelladens am Berliner Stadtrand gerät zu einem Clash der Kulturen mit einer überraschenden Wendung. Der Kampf des Vaters mit dem Krebs, der Umgang von Mutter und Geschwistern mit seinem Tod, die Reise in die ostpreußische Heimat des Vaters – all das sind nun ganz und gar berührende, zutiefst menschliche Episoden aus dem Leben der Malinkes. Das mag zwar schon sehr besonders und eigenwillig sein, aber während wir darüber lachen, erschrecken wir eben auch, an wie vielen Stellen wir uns und die eigene Familie wiedererkennen. Schlimme Macken haben eben nicht nur die anderen …

©2017 BonMot-Berlin
Fotos: Robert Recker

Lo Malinke: „Mütter & Menschen“
Noch bis 2. April 2017 in Berlin in der Bar jeder Vernunft
Alle weiteren Termine HIERWorld of Friends

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