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Stilvoll abgehen, aber vorher richtig l(i)eben – Kritik Reinhild Kuhn

 

Reinhild Kuhn: „Up-Leben. Ein lebensfroher Abend über die Vergänglichkeit.“

von Beate Moeller

BERLIN – Reinhild Kuhn bringt Glanz in eine Sperrmüllansammlung, die an Schäbigkeit ihresgleichen sucht und sich keck „Theater Zukunft“ nennt. Offene Mauerbruchstellen (sic!) umrahmen den als Bühne genutzten Platz. Auf dem Boden ein verblichener Billigteppich. Pianistin Fee Stracke muss auf einem hölzernen Küchenstuhl sitzen, der irgendwann vielleicht mal hellblau oder türkis angestrichen gewesen sein mag. Elegant am Mikrofon die Sängerin Reinhild Kuhn im schwarzen Abend-Outfit, hinter ihr ein mit Gewissheit seit Jahren arbeitsloser Tresor, auf den irgendjemand mal ein dickes Fragezeichen gesprüht hat.

So unfreiwillig diese Kulisse – denn das ist keine Kulisse, so vergammelt sieht die Trümmerbude nun einfach mal aus -, so gut passt sie zum Thema dieses exquisiten Liederabends über die Vergänglichkeit alles Irdischen. „Hätte“ ist ein viel strapaziertes Wort, wenn die letzte Stunde naht, sagt sie. „Was man nicht alles hätte tun können!“ Und dann gehts runter ins psychische Kellergeschoss der Melancholie.

„November“, eine Empörung gegen den Nieselregenmonat von Tom Waits. Kurt Weills Traum vom Sehnsuchtsland „Youkali“. „Dance Me to the End of Love“, eine Liebeserklärung von Leonard Cohen, die bis zum letzten Tag reicht. Das „Rabenlied“ von Friedhelm Kändler – „Gebt meinen Körper den Raben, damit die Raben was zu nagen haben“. Wer das 2004 in der Rabenbar erlebt hat, erinnert sich.

Eine geschmackvolle Auswahl hat die Pianistin und Komponistin Reinhild Kuhn getroffen, die sich diesmal auf die Rolle der Sängerin konzentriert. Bei allem Todesthema geht es alles andere als finster zu. Dafür ist ihr unaufdringlicher Charme einfach zu selbstverständlich. Zu strahlend. Denn wenn wir den Tod bedauern, sprechen wir vom Leben und von der Liebe. Dass bei ihrem engelsgleichen Gesang keine Fensterscheibe gesprungen ist, wenn sie ihre Höhen erreicht, lag wahrscheinlich nur an den vielen Löchern in den Wänden.

So erheben wir paar Leute zum Schluss unsere Gläser und trinken auf die Toten. Hoffen insgeheim, dass wir am nächsten Morgen wieder aufwachen. Öffentlich aber hoffe ich, dass schönere Bühnen Reinhild Kuhn mit diesem ebenso sauber gearbeiteten wie zauberhaften Programm engagieren. Das Publikum wird es ihnen danken.

 

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: Carlo Wanka/ ©BonMoT-Berlin

Links: Reinhild KuhnTheater Zukunft

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