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Prix Pantheon 2017

 

Preise für Lisa Eckhart, Starbugs Comedy und Michael Mittermeier

von Marianne Kolarik

BONN – Sie ist schön wie frisch gefallener Schnee, rein wie ein Engel und gemein wie Luzifer, der Gefallene: Lisa Eckhart, die Jury-Preisträgerin des just in den neuen Bonn-Beueler Hallen ausgetragenen Prix Pantheon „Frühreif und Ausgebuht“ 2017. Eckhart kann sich nicht nur sehen lassen, die aus der österreichischen Steiermark kommende, inzwischen in Berlin lebende Kabarettistin hat es überdies faustdick hinter den zarten Öhrchen unter dem weißblonden, sorgfältig gelegten Haarschopf. Hierzulande – noch – weitgehend unbekannt, ist sie in ihrer Heimat bereits eine kleine Berühmtheit.

„Frühreif und Verdorben“ – Jurypreis 2017 für Lisa Eckhart
Im vergangenen Jahr mit dem Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises ausgezeichnet, bescheinigte ihr die dortige Jury, eine Künstlerin zu sein, die mit ihrem ersten Soloprogramm „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wisse. Dank ihrer „außergewöhnlichen Erscheinung und ihrem maliziösen Lächeln… Lisa Eckhart besticht mit ihrer faszinierenden, wie einem Salon der Zwanzigerjahre entsprungenen Kunstfigur, mit rabenschwarzem Humor, souveräner Bühnenpräsenz, bösem Witz und nicht zuletzt mit dem größten poetischen Talent, das derzeit die Kabarettszene bereichert.“

Besser kann man seine Begeisterung für die androgyn wirkende Künstlerin kaum ausdrücken. Doch zurück zu den beiden Wettkampftagen im großen, 460 Sitzgelegenheiten (inklusive Tische) umfassenden Theater, das sich ebenso gut sehen lassen kann wie Lisa Eckhart, allerdings aus anderen Gründen. Neben den leicht knarzenden Stühlen sorgt eine noch als Kunstwerk errichtete, an der Längsseite befindliche Bar für ein bunt schillerndes Ambiente. Sehr schön. Wie das Foyer, an dessen Kopfseite eine Bar den Durst der Gäste stillt, so die Menschenschlange, die sich in der Pause im Nu bildet, überwunden ist. Das gilt für auch für ein umgekehrtes Verlangen vor der Damen-Toilette.

Doch genug der überflüssigen Mäkelei. Hausherr Rainer Pause hat ein tolles Domizil gefunden, mit ausreichend Platz für Künstler-Garderoben, Büros, einer liebevoll eingerichteten Kantine und einem zauberhaften Atrium, in dem die Akteure die lauen Sommernächte genießen können. Und nicht zu vergessen ein schöner, mit einem Audrey-Hepburn-Plakat versehenen Raucher-Raum. Hierhin konnten sich die insgesamt neun Kandidaten – Gabriele Busse musste wegen eines familiären Todesfalls kurzfristig absagen – bereits während des ersten Wettkampftages zurückziehen. Fünf von ihnen durften am zweiten Abend auftreten, nachdem das Publikum und die Jury abgestimmt hatten – was inzwischen Voten heißt, aber aufs Gleiche hinausläuft.

„Beklatscht und Ausgebuht“ – Publikumspreis 2017 für Starbugs Comedy
Den Anfang machte Quichotte und Flo, ein Liedermacher Duo, das es bei so einem Wettbewerb nicht einfach hat. Vergleichbar mit der Berliner Band Tonträger, die sich selbst als das „Kabarett-Amüsier-Wir-haun-auf-die-Kacke“-Quartett bezeichnet, aber längst nicht so lustig ist, wie es meint und bereits am ersten Abend abgewählt wurde. Anders als Katie Freudenschuss (so heißt die aus Hamburg kommende Comedienne mit der sensationellen Stimme tatsächlich), die am zweiten Abend als Erste auftrat und damit am Bösendorfer-Flügel erfolgreich die Eisbrecher-Funktion übernommen hat – mit einem gegrölten Fußball-Song (olé olé olé, „eine niederschwellige Nummer“, konstatiert sie trocken) und mit einer kunstsinnigen Parodie darauf. Das rockt richtig. Wie die gekonnte Tom-Waits-Persiflage.

Stargast war unter anderen Torsten Sträter, den Moderator Tobias Mann einmal zum Hosenkauf begleitet und ihn damit zu einer ziemlich komischen Shopping-Tour überredet hat. Sträter, diesmal statt mit Wollmütze mit einem Käppi auf dem Kopf, das seinen nicht eben üppigen Haarwuchs gut kaschierte. Außerdem hat er sich darüber Gedanken gemacht, was nach all dem Blödsinn wie dem nach Zuckerwatte riechenden Einhorn-Klopapier als nächstes kommt. Er tippt auf einen neuen Aufsatz für den Thermomix, der Hausschlachtungen ermöglicht. Da könnte er sich mit Lisa Eckhart zusammen tun, die nur Tiere isst, die nicht mehr weiter leben wollen und zum Verzehr von Menschenfleisch rät – nicht zuletzt um Kriege schneller zu beenden. Und am Ende käme raus, dass Kannibalismus den Rassismus überwinden könne und man Veganer essen kann.

„Dabei sein und gewinnen ist alles“, meint Sträter, der 2013 den Publikumspreis des Wettbewerbs einheimste. Er habe den besten Job der Welt: Leute zum Lachen zu bringen – für Geld. Stimmt. Gleiches gilt für Tobias Mann, der 2008 „Beklatscht und Ausgebuht“ wurde und neun Jahre später als Gastgeber und Moderator reüssiert. „Gönnen wir uns was Neues“, hätten sich die Pantheon-Betreiber nach 30 Jahren am Bundeskanzlerplatz wohl gesagt und seien nach Bonn-Beuel gezogen, wo es nun eine Christian-Lindner-Gedächtnis-Bar gebe („Sieht von weitem gut aus, aber die Inhalte sind nicht zu genießen.“). Darüber hinaus fragt er sich, ob man in diesen Zeiten überhaupt noch Satire machen könne, wo so viele Stümper diese Aufgabe übernommen hätten und kündigt mit Tino Bomelino ein vielseitig begabtes „kreatives Kraftwerk“ an.

Wer ihn beim Halbfinale am Abend zuvor erlebt hatte, wurde enttäuscht: Viel zu brav legten er und seine Loopstation die Publikumsanimation an. Nachdem er ausführlich erklärt hatte, dass er keine Begrüßungen kann und Small Talk hasst, versucht er die Zuschauer zum Mitsingen anzuregen. Nur halbherzig folgen sie seiner Aufforderung „Frauen sind auch Menschen“ bzw. „gut, dass das mal jemand sagt“ zu intonieren. Danach betritt die elfengleiche Lisa Eckhart (siehe oben) die Bühne und rückt eines klar: „Altern lässt meine Haut altern“. Sie wolle nicht, dass man an ihrem Sarg sage „Schade um sie, die Haut hätte es noch ein paar Jahre gemacht“. So was in der Art.

Was in der Welt los ist, wollen Quichotte und Flo herausbekommen, zwei politisch korrekte Liedermacher, die bei so einem Wettbewerb eigentlich nichts verloren haben. Ganz im Gegensatz zur Starbugs Comedy aus der Schweiz, drei stattliche Mannsbilder, die Timing und Tempo einer Slapstick-Nummer nach dem Motto „Crash, Boom, Bang“ perfekt beherrschen. Das ist es aber auch – fast – schon. Beim Entscheidungsabend haben sie gezeigt, dass die Schweizer Comedy-Welt durchaus Brüche besitzt – mit einer Einlage, in der zwei der drei Comedians mit einer aufblasbaren Puppe tanzen, beim Dritten ist die Luft aus der Dame raus. Das hat Hintersinn. Und ist verdammt komisch.

„Reif und Bekloppt“ – Ehrenpreis 2017 für Michael Mittermeier
Bevor der Ehrenpreisträger Michael Mittermeier von Oliver Welke die „Reif und Bekloppt“-Trophäe überreicht bekommt, treten der Shootingstar Chris Tall und – wie Mann betont – mit Piet Klocke die „Ikone des Kabaretts“ auf. Der 1991 in Hamburg geborene Tall appelliert mit seinem ausgeprägt vorhandenen Kindchen-Schema an die Beschützerinstinkte der ZuschauerInnen. Funktioniert nach wie vor prima. Der 1957 in Bremen geborene und im Ruhrgebiet sozialisierte Klocke wiederum macht es seinem Publikum als zerstreuter Professor nicht ganz so einfach. Er begrüßt es mit meine „sehr geehrten Fahrgäste“ und kommt umgehend auf seinen (gefühlt 82jährigen) Werdegang zu sprechen, angefangen bei seiner Geburt („Für eine Existenz führt kein Weg an einer Geburt vorbei“). Als nächstes biete er das Seminar „Unerledigte Fettsäuren – was tun?“ an. Das lassen wir uns nicht entgehen.

Als „richtig coole Socke“ charakterisiert die junge Schweizer Kollegin Hazel Brugger den 1966 im oberbayerischen Dorfen geborenen Mittermeier in ihrer Laudatio. Womit sie recht hat. Dass er das ist, beweist er in seinem aus dem Ärmel geschüttelten Vortrag, den der WDR in seiner Fernseh-Übertragung erbarmungslos zusammen gedampft hat. Man müsse nur aufgreifen, was in der Welt passiert, verrät der seit 30 Jahren auf allen möglichen Bühnen dieser Welt stehende Mann, der dafür gesorgt hat, dass man inzwischen Humor und Deutschland in einem Satz sagen darf. Er glaube an die Kraft des Humors, betont Mittermeier, der 1994 eine Magisterarbeit über „Amerikanische Stand-Up-Comedy“ geschrieben hat und sehr unterhaltsam über seine Zeit in den USA erzählen kann. Aber auch über seine Erfahrungen am 6. Januar dieses Jahres, als es klingelte und statt der erwarteten Heiligen Drei Könige vier verschüchterte Heilige Drei Königinnen vor der Tür standen…

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: Harald Kirsch/ Pantheon

Links: PantheonLisa EckhartStarbugs ComedyMichael Mittermeier

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