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Der Mensch als Mittel zum Zweck – Buchbesprechung

Marc-Uwe Klings Zukunftsroman „QualityLand“

von Harald Pfeifer

„Wer ist objektiv, unbestechlich und macht keine Fehler? Eine Maschine!“ Insofern ist die gesellschaftliche Entwicklung auf dem richtigen Weg. Doch wer immer alles richtig macht, lernt nicht dazu… Der Erfinder der grandiosen Känguru-Geschichten Marc-Uwe Kling hat sein neues Thema gefunden: die Zukunft.

Und die hat er natürlich von der Gegenwart abgeleitet. Also alles auf die Spitze getrieben. Und damit kann er heutzutage nicht viel falsch machen. Wir digitalisieren und erfinden Systeme, die uns die Arbeit abnehmen, und Kling zeigt, dass man dann aber auch damit rechnen muss, alles Handeln aus der Hand genommen zu kriegen. Zum Teil ist es ja schon so. Man hat den Eindruck, eher als Käufer und Konsument denn als Mitmensch wahrgenommen zu werden. Und an der Perfektionierung dieses Prinzips wird eifrig getüftelt. Für den Autor ist das eine Steilvorlage.

Er beschreibt auf seine Weise eine nicht allzu ferne Zukunft, in der der Mensch nur noch Mittel zum Zweck ist. Er ist Rädchen im Getriebe. Und das System ist selbst über das kleinste Rädchen umfassend im Bilde. Besonders, ob es dazu neigt, durch selbstbestimmtes Handeln das ganze System zu gefährden. George Orwell steht da Pate, Kontrolle ist ja schon sehr lange ein verbreitetes gesellschaftliches Bestreben. Auch Peter Arbeitsloser ist durchschaut. (Der Familienname gibt den Beruf des Vaters an.) Er gehört zur Unterschicht und steigt gerade auf das Level der Nutzlosen ab. Da kommt man nicht mehr raus. Man ist ausgeliefert.

Das System hat sich geschickt durch Regeln und Verordnungen unangreifbar gemacht. Dank der Digitalisierung ist es gründlicher geworden als der zornigste Bürokrat. Der Einzelne wird nur noch als immer wieder nachkaufender Verbraucher wahrgenommen. Seine Wünsche sind bekannt, auch jene, die er gar nicht hat. Marc-Uwe Kling geht bei seinen Beschreibungen phantasievoll ins Detail, bleibt aber immer bei den Fakten, sodass keine unwirkliche Kunstwelt entsteht. Und das System behauptet sich rüde: „Das sind nur Argumente! Recht habe trotzdem ich!“

Deutlich wird das, als der Loser Peter von einem Versandhaus unverlangt eine Lieferung bekommt, die er um alles in der Welt nicht gebrauchen kann. Die Rücknahme wird ihm verweigert. Als er sich wehrt, merkt er, dass das für ihn angelegte Profil über seine Neigungen und Wünsche fehlerhaft ist. Eine Korrektur aber ist unmöglich, weil das System als fehlerlos gilt, und so das Renommee auf dem Spiel steht. Ein Kampf des Einzelnen gegen das große Ganze entbrennt. Und was dann passiert, zeigt die Welt wie sie halt ist. Beschrieben wird die künftige digitale Welt mitten in Wahlkampfzeiten, in denen die Dinge allgemein auf die Spitze getrieben werden. Zudem findet das Leben nur noch im Netz mit künstlichen Intelligenzen statt. Der Präsidentschaftskandidat ist bereits ein Androide, ganz ohne Makel, nur eben, dass er kein Mensch ist. Man ist mitten in einem zweifelhaften, auf Gewinn orientierten Leben.

Das ist eine Zukunftsvision, die ein Schlaglicht auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Bestrebungen wirft. Das ist eigentlich keine gute Vision. Geschrieben ist sie in kleinen Episoden, nüchtern berichtet, etwas comicartig und mit einem verhaltenen Humor, wobei nicht selten dem Leser das Lachen vergeht. Marc-Uwe Klings Buch gibt es in zwei Fassungen. Eine für Apokalyptiker und eine für Optimisten. Beide Versionen greifen in die Geschichte aber nicht ein. Auch gibt es zwei zu empfehlende Hörbücher, bei denen man natürlich sofort an die Känguru-Geschichten erinnert wird. Und so ist es dann auch irgendwie. Wenn Marc-Uwe Kling liest, tut sich gleich wieder eine Comic-Welt auf und greifbar sind Spott wie auch die Neigung zu Parodien.

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: HP QualityLand/Marc-Uwe Kling

Marc-Uwe Kling: QualityLand, Ullstein, 384 Seiten, € 18,-
ISBN-13 9783550050152

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