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Schlaglöcher überbrücken – Premierenkritik Jess Jochimsen

Foto © Britt SchillingJess Jochimsen: „Heute wegen gestern geschlossen.“

von Marianne Kolarik

KÖLN – „Heute wegen gestern geschlossen“ heißt das neue Programm von Jess Jochimsen, mit dem er in der Comedia im Rahmen des Köln Comedy Festivals gastierte. Hört sich zunächst etwas kryptisch an, wird von dem in Freiburg im Breisgau lebenden Künstler aber plausibel erläutert: Gestern gab es ein rauschendes Fest, die Teilnehmer müssen ausschlafen und schließen den Laden kurzerhand – wegen gestern.

Das ist allerdings längst nicht alles, was Jochimsen am Premierenabend so alles einfällt, wobei er längst nicht alles ausplaudert, was er weiß. Zum Beispiel nicht den versauten Witz, den sich Taubstumme erzählen. Stattdessen fragt er, was bei einer Kreuzung von Zeugen Jehovas und Atheisten herauskäme. Klar, Menschen die grundlos an Haustüren klingeln. Und er fragt, warum wir Angst haben und ob diese weggehe, wenn man die Türe zu sperrt.

Bei Angst helfe die Mathematik. Das habe bereits Kurt Tucholsky (1890-1935) herausgefunden. Der 1970 in München geborene Mann auf der Bühne kann nicht nur Ziehharmonika und Xylophon spielen, Bücher schreiben („Bellboy oder ich schulde Paul noch einen Sommer“, „Abschlussball“), tolle, trostlos-kuriose Dia-Aufnahmen von der deutschen Provinz machen und an die (Lein-)Wand werfen, er kann auch rechnen. So recherchiert er messerscharf, dass die Angst vor Fremden unbegründet ist.

Überhaupt: Jochimsen wühlt so lange im Denkschlamm, bis er knietief darin versinkt, findet heraus, dass von all den Großkopfeten lediglich Angela Merkel einen Angelschein besitzt, sich aber nicht wie die meisten anderen mit Fischen fotografieren lässt, schon gar nicht mit nacktem Oberkörper.und stellt fest, dass die Selbstmordrate „bei uns nicht zielgerichtet“ sei. Wobei ihn selbst die Aussicht auf die Entjungferung von 72 Frauen eher abschreckt.

Was auch nicht jeder weiß: Selbstmordattentäterinnen erhalten im muslimischen Himmel ihren Ehemann zurück – nicht in jedem Fall erstrebenswert. Jochimsen durchpflügt die marode Welt mit Charme, Leichtigkeit und satirischem Spürsinn. Dabei hat er ein schönes Zitat von Emil M. Cioran gefunden: „In einer Welt ohne Melancholie fangen Nachtigallen an zu rülpsen“. Und „wirkungsmächtige Unsätze“ wie „Die Belastungsgrenze ist erreicht.“ Wenn es – wie so oft – um die Beseitigung von Schlaglöchern auf unseren guten deutschen Straßen geht oder um Brücken, die vor sich hin rosten.

Die „Liebesschlösser“, an deren Geländern seien eine Art Fortsetzung des Keuschheitsgürtels. Stimmt wohl. Und die Sandkastentruppe aus US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un könne er längst nicht mehr ernst nehmen, obwohl es „bitter ernst“ sei. Da schlägt offenbar die allgemeine, nicht wegzudiskutierende Infantilisierung der Gesellschaft zu Buche.

„Früher ist rum“, konstatiert Jochimsen gegen Ende des Abends und macht die Angst vor Veränderung für den Stillstand verantwortlich. Alles solle „so wie jetzt“ bleiben, „nur mit Rente“ und schließt das denkwürdige Programm mit den aufmunternden Worten „übermorgen ist wieder offen, wegen heute“.

Foto © Britt Schilling

Jess Jochemsen

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: Britt Schilling | Carlo Wanka

Homepage Jess Jochimsen

Kategorien:Kabarett, Kritik, Premiere
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