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Faust im Lavendelbad – Premierenkritik Sven Ratzke

Foto © Barbara Braun_MuTphotoIn seiner neuen Show „Homme Fatale“ unternimmt Sven Ratzke einen musikalischen Roundtrip

von Axel Schock

BERLIN – Sven Ratzke hat ganz offenbar zu heiß gebadet. Oder der vermeintliche Lavendelextrakt enthielt noch ganz andere Ingredienzen und hat ihm ordentlich die Sinne vernebelt. Für Menschen, die auch auf Bühnenbrettern ein Mindestmaß an Rationalität abfordern, wäre dies wohl die einzige Erklärung, um dem deutsch-niederländischen Entertainer auf seinem Trip folgen zu können.

Weshalb er zu Beginn seiner neuen Show „Homme Fatal“ als elegante Dressman-Variante des Phantoms der Oper ins Licht des Berliner Tipi getreten ist, wird allerdings dennoch das Geheimnis Ratzkes bzw. seines Ausstatters, des Stardesigners Thierry Mugler, bleiben.

Stück für Stück wird sich Ratzke im Laufe des Abends seines extravaganten Outfits entledigen und sich so auch modisch in mancherlei Zwischenwesen verwandeln: vom Zirkusdirektor, Wrestler und Superhero bis zum Glam-Rocker ist alles dabei.

Selbst der Overknee-Schaftstiefel kann er sich mit einem Rutsch entledigen. Und wenn’s darauf ankommt, kann Ratzke mit dieser Multifunktions-Haute-Couture sogar einen überzeugenden Rückwärts-Strip vollführen. Warum sollte man Ratzke also auch nicht abnehmen, dass sein Name in Wahrheit Luzifer ist, dem im Entspannungsbad ein faustischer Pakt zuteil wird, überall und jedermann sein zu können.

Von Paris über Rom bis nach New York geht diese Reise, mit musikalischen Zwischenstopps bei Joy Division, Rufus Wainwright, Lou Reed und IggyPop. Den roten Faden zwischen diesen Stationen hält Ratzke zwar fest in der Hand, seine mäandernde Erzählung hebt dabei aber ab ins Phantastische und Mythologische, ist Spuk- und Traumgeschichte, mal Wahn- und Irrsinn und dann auch einfach mal nur abstruse Groteske.

Sven Ratzke im Tipi - Foto © Barbara Braun_MuTphoto

Sven Ratzke im Tipi – Foto © Barbara Braun_MuTphoto

Sven Ratze fabuliert um des Fabulierens willen. Seine dreiköpfige Band zaubert mit Tasteninstrumenten (Christian Pabst), Schlagzeug (Haye Jellema) und Bass (Florian Friedrich) das dazu passende Geräusch – und den Soundttepich. Ob Gruselkeller, verrucht-verrauchter Nightclub, die engen Gassen Roms oder die sich nach alten, besseren Zeiten zurücksehnende Filmstadt Cinecittà – Ratzke und seinen Musikern gelingt es, den Zuschauer tatsächlich an diese Orte und zu den seltsamen Begegnungen mitzunehmen.

Eine Rampensau, ein Showman und ein Rock Animal ist Ratzke auch weiterhin. Doch anders als in früheren Programmen nimmt er sich weit weniger Raum für ausschweifende, schmutzig-schnoddrige Exkurse und Interaktionen mit seinem Publikum. In „Homme Fatale“ beschwört und zelebriert er vielmehr die rätselhafte Aura eines androgynen Charmeurs, der nie ganz von dieser Welt ist und doch in jedem Augenblick so präsent, wie es nur ein großer Entertainer zu sein vermag.

Auch in musikalischer Hinsicht wagt Sven Ratzke eine konsequente Weiterentwicklung. Nach Cabaret-Programmen, die dem Repertoire von Zarah Leander über Hildegard Knef bis Michael von der Heide verpflichtet waren, und der – mittlerweile auf drei Kontinenten – zu Recht gefeierten David-Bowie-Show „Starman“ sind solche Cover-Versionen nun in der Minderzahl. Stattdessen Songs, die in Kooperation etwa mit dem Belgier Dez Mona, der New Yorker Singer-/Songwriterin Rachelle Garniez und vor allem mit seinem Pianisten und bemerkenswerten Arrangeur Christian Pabst entstanden sind.

Dieses Material fügt sich dabei fast nahtlos in den musikalischen Kosmos ein, den sich Ratzke mit seiner sonoren, warmen Stimme und deren Nähe zu Reed, Bowie, Ian Curtis & Co. erschlossen hat. Der kongeniale Song, den man auf alle Zeiten mit Sven Ratzke verbinden wird, fehlte diesmal allerdings. So catchy, wie das gecoverte Material sind diese Neukompostionen noch nicht. Mit „Mephisto“ (Text Ratzke/ Musik Pabst), war man aber schon ganz dicht dran.

©2017 Bonmot-Berlin
Fotos: Facebook Tipi © Barbara Braun/MuTphoto

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Nach seiner Tour in die USA und durch die Niederlande folgen Ende November weitere Gastspiele in Deutschland. // „Ratzke’s Rendezvous“, Talk-Cabaret-Show, aufgezeichnet in der Bar jeder Vernunft, in der ARD-Mediathek abrufbar. Ratzke: „Homme Fatale“ Bar Jeder Vernunft

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