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Imposante „Nacht der Preisträger“ – Kritik

Abschlussabend des Köln Comedy Festivals 2017

von Marianne Kolarik

KÖLN – 85 Prozent Auslastung, was die Kaufkarten angeht, insgesamt 52.000 Besucher: kein schlechtes Fazit für das 27. Köln Comedy Festival (12.-28.10.2017). Hinzu kommt ein würdiger Abschlussabend im Gloria, der als „Nacht der Preisträger“ über die Bühne ging.

Mit viel Empathie und mit guten Pointen bestückt, moderiert von Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser, der seriös daher kommende, aber umso pfiffigere NightWash-Gastgeber der ersten Stunde.

Seit 34 Jahren ist er vor und hinter den Kulissen der großen und kleinen Kleinkunst-Tempel unterwegs und musste sich des öfteren fragen lassen, warum er „nichts Vernünftiges“ mache. Als ob es etwas Vernünftigeres gäbe, als Menschen zum Lachen zu bringen.

Osan Yaran, der erste Comedian des Abends, kommt aus dem Osten Berlins, besitzt den 15. Hamburger Comedy Pokal und kann als ehemaliger Lidl-Angestellter ziemlich lustige Geschichten über einkaufende Pärchen und die Zeugen Jehovas erzählen. Gefolgt von Sebastian Nitsch, dem Gewinner von „Das schwarze Schaf“ und des Prix Pantheon. Er gehört zu den sympathisch zurückhaltenden Kabarettisten mit einem Umhängekeyboard, die mit Beobachtungen des Alltäglichen unwahrscheinlich komische Seiten daran entdecken. Etwa eine Gesichtscreme für „müde Haut“, die eines schönen Tages friedlich einschlafen darf.

Der aktuelle Meister der Kabarett-Bundesliga heißt Nektarios Vlachopoulos, ein Slampoet erster Güte mit ausgesprochener Vorliebe für Tiergedichte wie das von der Ente, die Senioren füttert (Senioren reimt sich auf verloren). Er berichtet des weiteren von Matrosen in der Vorhölle und Studenten-Frühschoppen, die gegen 22 Uhr beginnen.

Hatte „Knacki“ Deuser sich bereits gefragt, wie kreativ ein Künstler sein darf, so lieferten zwei Absolventen der Folkwang Schule in Essen eine anschauliche Antwort. Nils Kretschmer und David Vormweg zeigen eine Szene aus ihrem Programm „Unendlich Luft“, die alle herkömmlichen Maßstäbe von Humorarbeit auf den Kopf stellt. Das Newcomer-Duo macht aus dem Versuch, einen von der Decke hängenden Blumentopf zu gießen („nee, geht nicht“), mit viel Lust am Blödsinn und Scheitern ein Stück absurden Theaters. „Humor ist kein genetischer Defekt“ stellt „Knacki“ Deuser fest und betont dessen Funktion als Ausrufezeichen gegen die Angst.

Als politischer Kopf reinsten Wassers präsentierte sich Thomas Schreckenberger mit Ausschnitten aus seinem Programm „Ene, mene, muh – wem traust Du?“, eine glänzende und böse Parodie auf Angela Merkel, die plötzlich im Körper von Klaus Kinski steckt.(„Ursula, bring mir den Seehofer, tot oder lebendig“). Sehr komisch und sehr gemein.

Mit Tutty Tran trat der Gewinner des diesjährigen NightWash Talent Awards auf, ein in Berlin lebender Standupper mit vietnamesischen Wurzeln, der die sprachlichen Eigenheiten seines Vaters auf die Schippe nimmt. Den krönenden Abschluss bildete Suchtpotenzial, bestehend aus der schwäbischen Pianistin Ariane Müller und der Berliner Sängerin Julia Gámez Martin, die unter anderem ein Schlussmachlied schmettern. Sie mögen keine Männer, die am Salatblatt nagen, aber Frauen, die es sich täglich selbst machen. Das ist doch mal ein Wort.

©2017 BonMoT-Berlin
Fotos: vvg

Kategorien:Comedy, Kabarett, Kritik
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