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Dem alltäglichen Wahnsinn eine Stimme geben – Kritik Erik Lehmann

Erik Lehmann: „Uwe Wallisch – Der Frauenversteher“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Gleich zu Beginn macht Erik Lehmann klar, dass der Titel nichts mit dem Programm zu tun hat. Das Publikum im Kreuzberger BKA-Theater wundert sich. Auch solle es an diesem Abend nicht um die große Politik gehen, denn die ist einfach nicht sexy genug. Stattdessen, so der 1984 geborene Lehmann, sollen die Probleme des kleinen Mannes im Mittelpunkt stehen.

Und davon gibt es reichlich. Da ist Uwe Wallisch aus Dresden, der mit Hornbrille und einem Jäckchen aus Ballonseide auftritt.

Er berichtet vom Frankreichurlaub seiner Schwester – mit all seinen Schattenseiten. Von der langen Anfahrt der vierköpfigen Familie im Kleinstwagen und dem ganzen Stress, der dadurch entsteht, weil sich die beiden Kinder im Fonds ein Smartphone teilen müssen. „Hartz IV nimmt Dir die Würde!“, so Lehmann als Wallisch. Und zu guter Letzt weigert sich auch noch die Kassiererin im französischen LIDL, die Koupons aus Deutschland anzunehmen! Kein Wunder, dass die Familie der Schwester daraufhin den Urlaub Hals über Kopf abbricht.

Erik Lehmann zeichnet seine Figuren detailreich. Vor allem in Dialekte ist er verschossen: Sachsen, Berliner, Bayern und sogar einen Amerikaner lässt er auftreten. Alle Figuren reden sich im Laufe der Zeit in Rage, sie scheitern am eigenen Unvermögen und ihrer Ichbezogenheit. Oder ihrer Dummheit.

Wie zum Beispiel Anja, die imaginäre Telefonpartnerin. Sie meldet sich auf eine Kleinanzeige, in der eine blaue Gartenhortensie angeboten wird. Im Laufe mehrerer ungemein umständlicher Telefonate fragt sie immer wieder nach der Farbe der Pflanze und braucht eine Ewigkeit, um sich für den Kauf zu entscheiden. Eilig darf man es nämlich bei Erik Lehmann nicht haben, denn er lässt seinen Figuren Zeit, sich zu entwickeln. Die Szenen sind recht lang, aber nicht langweilig. Immer wieder findet Lehmann eine Möglichkeit, den Quatsch noch quätscher zum machen.

Den reichsten Mann Deutschlands lässt er sehr hochdeutsch über Glück philosophieren. Glück sei nicht Geld, sondern die Tatsache, dass die Haushaltshilfe die Rosen und den Vater pflegt – für ein Gehalt!

Foto © Mike Hätterich

Erik Lehmann als Uwe Wallisch, der Frauenversteher

Oder John aus Seattle, dem es nicht gelingt, über den Tellerrand zu blicken. Oder sollte man sagen, nicht über die Schneide des Messers, auf der er sich bewegt? Schließlich ist er Drohnenpilot, aber ein bedauernswerter. Denn er steuert von seinem Bürostuhl aus die Flugmaschinen über Afghanistan. Das findet er alles nicht fair, denn der Afghane hat den ganzen Tag frische Luft, während er in seinem muffigen Büro sitzen muss! Und Rückenschmerzen hat! Und nicht einmal fallen kann, während der Afghane…

Hoppla, da ist es ja doch politisch! Ganz unauffällig greift Erik Lehmann Missstände auf, indem er sie aus der Sicht des kleinen Mannes beschreibt. Er schafft es sogar, eine Erklärung für das Phänomen des Wutbürgers anzubieten. Desjenigen, der sich dem System ergeben hat und in ihm gefangen ist. Seien es sinnlose Maßnahmen des Jobcenters, nicht ordentlich erklärte politische Entscheidungen, über die im Nachhinein nicht mehr diskutiert wird oder die Folgen der Landflucht mit fehlenden Ärzten und geschlossenen Bibliotheken, in denen jetzt Geflüchtete leben.

Entschieden stellt er sich der Einteilung in „Nazis“ und „Gutmenschen“ entgegen. Er plädiert stattdessen für einen offenen Umgang miteinander, bei dem gemeinsam überlegt wird, was von den Geflüchteten erwartet wird. Das sagt Erik Lehmann, ohne in einer seiner vielen Figuren zu stecken. Respekt hierfür und den Rest des Abends.

© 2017 BonMot-Berlin
Fotos: Robert Jentzsch | Mike Hätterich

Mehr Infos: BKA-TheaterErik LehmannHumorbüroWorld of Friends

BKA Theater Berlin - direkt am Ubhf Mehringdamm

Fernsehtipp
Am Dienstag, den 28. November 2017 sendet das SWR-Fernsehen um 23:55 Uhr einen halbstündigen Zusammenschnitt von Erik Lehmanns Auftritt im Wettbewerb um die St. Ingberter Pfanne 2017.

Kategorien:Kabarett, Kritik
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