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Das durchgedrehte Klassenzimmer – Kritik Kom(m)ödchen

Kommoedchen_Irgendwas - Foto © Christian RolfesKom(m)ödchen: „Irgendwas mit Menschen“

von Marianne Kolarik

DÜSSELDORF – Wie sieht ein Bio-Vibrator aus? Genau: ein Bambusrohr mit einer Hummel drin. Und wie lautet die Abkürzung von VW? Richtig: Völlig wertlos. Und wo wohnen inzwischen Adolf Hitler und Elvis Presley? So isses: in Bielefeld. Weil es diese Stadt gar nicht gibt. Aber jede Menge Verschwörungstheorien. Diese wiederum kommen in dem neuen Programm des Kom(m)ödchen-Ensembles zur Sprache: „Irgendwas mit Menschen“ heißt der jüngste Streich, den die Autoren Dietmar Jacobs, Martin Maier-Bode und Christian Ehring verfasst haben.

Er hätte auch „irgendwas mit Erziehungsberechtigten“ heißen können, weil es sich eher um diese Fehlbesetzungen handelt als um Menschen, die gerade Abitur machen und in einer würdigen Abi-Rede auf den Ernst des Lebens vorbereitet werden sollen. Kein leichtes Unterfangen, so man Katharina – auch Kathi genannt – (Maike Kühl) glaubt, einer „kontrollsüchtigen, besserverdienenden Kampfhenne“, die sich lauthals über ihre Tochter Fabienne beschwert: „Sie kann mir doch nicht das ganze Leben versauen“.

Nicht viel besser dran ist der „linksradikale Zausel“ (so nennt ihn Kathi), der Cordsakko tragende Lehrer Rainer (Martin Maier-Bode), der von seiner Jugend in Heinsberg schwärmt, als alle noch was zusammen gemacht haben, statt sich auf Facebook und Co. herumzutreiben. Seine Revolte bestand seinerzeit darin, nach Neuss zu ziehen („im Rheinland heißt Revolte Kegeltour“).

Auf dem Prüfstein steht nichts weniger als der marode Zustand des Schulsystems – ein dankbares Thema in Zeiten von G8, Selbstoptimierung und sprechender Thermomixer. Letzterer hat sich nämlich unsterblich in den Toaster verliebt – eine aussichtslose Liaison, die in der furiosen zweiten Hälfte des Programms thematisiert wird. Zwar hat Dark Vader („Ich bin Euer Vater“) bereits zu Beginn einen kurzen Auftritt, aber so richtig zur Sache geht es unter der Regie von Hans Holzbecher erst später.

Wenn Frank (Heiko Seidel), der großspurig daher kommende Autoverkäufer als Elvis Presley erscheint und die Hüften kreisen lässt oder Maier-Bode als Hitler seine Adiletten präsentiert („sieht scheiße aus“), bekommt der Abend seine schräge, sprich: unverwechselbare Form. So erweist sich die Sitzung der Kultusminister-Konferenzschaltung als lautstarke Live-Reportage zwar als ein gelungener Schlagabtausch („massiver Unterrichtsausfall in Dortmund“, „Nordkoreas Unterrichtsmethoden in Leipzig“), leidet aber hörbar an politischer Korrektheit.

Dennoch: Da soll einer sagen, es gäbe kein funktionierendes Ensemble-Kabarett mehr! Wer das behauptet, bekommt von mir eins auf den Hut oder besser und aktueller: auf seine Torsten-Sträter-Gedächtnis-Mütze. Denn eines wird niemand bestreiten: Das Quartett – zu dem auch Daniel Graf als Kathis Ehemann Nils zählt – ist glänzend aufeinander eingespielt und wird das Klassenzimmer-Stück in den kommenden Jahren ständig aktualisieren. Wobei Kathi sicherlich weiterhin fleißig dekoriert. Frei nach dem Motto „Habt Spaß, seid höflich und benutzt Zahnseide“.

©2018 BonMoT-Berlin

Foto: Christian Rolfes – von links: Maike Kühl, Daniel Graf, Martin Maier-Bode, Heiko Seidel

Kategorien:Kabarett, Kritik
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