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Vom Nutzen, die Form zu wahren – Kritik Bölck & Pölitz

Poelitz und Boelck 2a - Foto © Ulrike LöhrBölck & Pölitz: „Wir bringen uns in Form“

von Harald Pfeifer

LEIPZIG – Lange ist‘s her, als Lothar Bölck und Hans-Günther Pölitz erstmals als Duo auf der Bühne standen. Das hatte damals für Aufsehen gesorgt: Im Kabarett der Deutschen Demokratischen Republik erlebte man eine Doppelconférence. Also Dialoge, bei denen der Text nicht ganz festgeschrieben ist. Der Abend lebte von der Kunst, nichts gesagt zu haben. Das war 1988, und beide gehörten zum Ensemble der ‚Magdeburger Kugelblitze’, und sie hatten sich die Freiheit genommen, über Freiheit zu reden. Das mochten die Genossen eigentlich gar nicht. Zur Aufführung kam es nur, weil die SED-Kontrolleure ihre Aufsichtspflicht verletzt hatten. Das Programm hätte es also gar nicht geben dürfen, doch es war am Ende eine Sternstunde des DDR-Kabaretts.

So hätte es weitergehen können, aber beide haben ein starkes Ego, und es kamen die dazu passenden Schwierigkeiten. So kam es recht bald zu einer Auszeit, dann wieder zur Zusammenarbeit, und dieses Hin-und-Her gab es später noch einmal. Mittlerweile haben beide das Problem über die Dosierung gelöst. Zum Vorteil der Zuschauer. Das letzte gemeinsame Programm gab es 2014, und es hieß „Über Kimme und Zorn“. Nun ist es erneut zu einer Zusammenarbeit gekommen: „Wir bringen uns in Form“. Gelungen ist ein ausgesprochen gutes Programm. Am 1. November war die Premiere in der Magdeburger Zwickmühle. Leipzig-Premiere war Anfang Februar 2018 bei der Pfeffermühle.

Sie haben es sich nicht leicht gemacht. Als ausgesprochener Vielschreiber hat Pölitz immer versucht, sich durch bewusst herbeigeführte Änderungen der Routine zu entziehen. Oft waren das personelle Veränderungen. Dieses Mal war es eine formale Routinebremse. Beide haben die Texte in Versmaß und Reim geschrieben:

Pölitz:
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht,
Ob jeder jeden Tag versteht,
Was rings um ihn so vor sich geht.
Bölck:
Wat mein Kollege sagen will ist dies:
Mein Jott, wat is det Leben fies.
Pölitz:
Drum suchen sie uns einfach heim.
Wir machen Ihnen darauf einen Reim

So ein Programm zu schreiben, ist nicht ganz einfach. Doch die Mühe hat ihren Nutzen. Wenn man sich so um die Form müht, achtet man auch auf die formulierten Gedanken. Bölck und Pölitz haben da recht saubere Reimarbeit geleistet. Sie haben nicht nur nach Reimworten gesucht, oft ist bei ihnen das Reimwort auch der springende Punkt in der Zeile. Das begünstigt das Verständnis und wirkt damit nicht selten als Pointe. Am Anfang wurde dem Publikum die Wahl gelassen, angesichts der Reimerei den Saal zu verlassen oder zu bleiben. Aber wie sich dann herausstellte, war das Verständnis der Verse in keinem Moment ein Problem. Zu spüren war darüber hinaus, dass die gefeilten Dialoge Auswirkung auf die Sprachkultur und ebenso auf die Haltung beim Spiel hatten. Es fällt da nicht leicht, sich auf der Bühne wurschtig zu geben.

Poelitz und Boelck 1a - Foto © Ulrike Löhr

Und wieder kann man es beim neuen Programm erleben, die beiden Mimen sind denkbar gut eingespielt. Die Rollenverteilung ist gut getroffen, sie begegnen sich auf gleicher Höhe, wobei Bölck zum Beleidigtsein und Pölitz zum Oberlehrer tendiert. Jeder bekommt dabei mal Oberwasser, dieser Wechsel macht den nicht enden wollenden Disput interessant, und beide jagen die Pointen mit heller Freude und ausgesuchter Spitzfindigkeit. Man erlebt sie also auch im neuen Programm wie man sie kennt.

In der ersten Hälfte ist es die gereimte Doppelconférence und dabei wird auch sichtbar, dass eine strenge Form durchaus Suggestivkraft entwickeln kann. Man wird hineingezogen in das Hin und Her quer durch den politischen Alltag. Das hat Tempo und Witz. Im zweiten Teil gehen beide dann zum Rollenspiel über, ein Waffenproduzent und ein Lobbyist pflegen ihre gemeinsamen Interessen. Oder sie spielen Bänker und verwetten das Geld. Lieder gibt es auch nach kabarettistischem Prinzip. Ein bekannter Schlager mit einem zur Situation passenden Text.

Das neue Programm „Wir bringen uns in Form“ ist schon deshalb sehenswert, weil es überaus vergnüglich ist. Aber etwas anderes ist auch bemerkenswert: In einer Zeit, in der man mit aller Macht immer locker und entspannt sein will, ist ein Abend, bei dem man sich diszipliniert und eben die Form wahrt, geradezu erfrischend. Wohltuend ist auch, dass man das Gefühl hat, über das, was da gesprochen wird, hat man sich zuvor schon einmal Gedanken gemacht.

©2018 BonMoT-Berlin
Fotos: Ulrike Löhr

Tourplan Lothar BölckProgramm ZwickmühleLeipziger Pfeffermühle

Kategorien:Kabarett, Kritik
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