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Therapie zwecklos – Kritik Thilo Seibel

Thilo Seibel: „Wenn schon falsch, dann auch richtig“

von Marianne Kolarik

KÖLN – Welche Torte ist am effektivsten? Nein, es ist nicht der Käsekuchen, es ist die Blaubeertorte, weil sie jede Menge irreversibler Schäden beim Empfänger hinterlässt. Wenn es nach Thilo Seibel geht, besitzt der solcherart Beschossene in der Regel diktatorische Qualitäten. „Wenn schon falsch, dann auch richtig“ heißt das Programm des Kölner Kabarettisten, mit dem er landauf landab unterwegs ist – und zeigt, was – und vor allem wer – in ihm steckt.

Zum Beispiel Ygor, der polnische Leiharbeiter, der eigentlich aus der Ukraine kommt und in einem Schlachthaus für die saubere Zweiteilung von Kühen („Ordnung ist das halbe Leben“) verantwortlich ist. Wichtig sei die gute Stimmung bei der Arbeit, erzählt Seibels Mitpatient im Landeskrankenhaus, auch Anstalt genannt, mit seinem osteuropäisch anmutenden Akzent. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund: So klar wie die Hierarchie an seinem Arbeitsplatz, so klar ist auch sein Weltbild. „Der letzte Arsch“ in der EU seien Bulgaren und Rumänen.

Womit Seibel mitten im Migranten-Desaster gelandet ist. Etwa bei Österreichs relativ neuem Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der bedauerlicherweise keine Gattin namens Schluss aufweisen könne. Oder der kriminellen Vereinigung namens libysche Küstenwache („Kennen Sie Gaddafi noch?“), mit deren Hilfe zahllose Lager errichtet worden seien, in denen Flüchtlinge gefoltert würden. Es gäbe zwei Maßnahmen, um mit dem eigentlich nicht vorhandenen Land zu kooperieren. Die erste laut Zusammenarbeit, die zweite – da seien sich alle einig – für eine Verbesserung der Lebensbedingungen sorgen. Blanker Zynismus.

Da wird Seibel wütend. Sehr wütend. Bereit für ein Torten-Attentat. Und landet prompt in einer Anstalt. Dort kann er sich Gedanken über die Essenszeiten in deutschen Krankenhäusern machen – und das Publikum in eine erholsame Pause schicken. Danach geht es rasant weiter rund um die Globalisierung (kommt von der Globoli-Einnahme) und den Alleinunterhaltern in den Dependancen des LVR, wo bei bunten Abenden Witze erzählt werden, und Ygor aufgenommen wurde, obwohl er ohne entsprechenden Ausweis eigentlich gar nicht existiert.

Sehr real dagegen: Columbo, der Mitarbeiter des Morddezernats des Los Angeles Police Department, der mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden erfolgreich ist und sich nie im Leben in den gelb markierten Raucherzonen eines Bahnsteigs aufgehalten hat. Seibel vergleicht diese mit Urinier-Zonen in einem Schwimmbecken – einfach absurd. Als echte Alternative zum herkömmlichen Benzin preist der pfiffige Seibel die Harnstoff-Technologie für eine umweltbewusste Fortbewegung an („den Harnstoff -Behälter haben wir ja alle dabei“).

Überhaupt: Der Mann hat nicht nur jede Menge spielerisches Talent, sondern auch viele gute Ideen zur Verbesserung der Welt. Zum Beispiel das Markieren von Produkten mit Arschlochpunkten, die drohende Invasion von Schulkindern ins Rathaus, wenn die marode Schule nicht endlich saniert wird, und die Einführung von Beziehungskunde als Unterrichtsfach. „Sie werden uns noch sehr lange erhalten bleiben“, hört Thilo Seibel am Ende von der Anstaltsleitung. Das können auch die Zuschauer nur hoffen.

Zur Webseite Thilo Seibel

© 2018 BonMoT-Berlin

Fotos: PR HP thiloseibel.de

Kategorien:Kabarett, Kritik
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