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Ist das komisch? – Worüber die Jugend lacht

„Was ist klein, grün und hat drei Augen?“ – Ein Humorexperiment im Dresdner Theater der jungen Generation

von Harald Pfeifer

DRESDEN – Am Anfang stand für den Regisseur Niels Zapfe die Frage infolge des Anschlages auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris, wer eigentlich bestimmt, was Satire darf? Und auf die fand er auf die Schnelle keine Antwort. Ungelöste Fragen sind aber das Material, aus dem Theater gemacht wird.

In diesem Fall im Theater der jungen Generation. Für die Arbeit an der Frage, was Satire nun darf, hatte der Regisseur sich einen kompetenten Partner gesucht.

Gefunden hat er den in Manfred Breschke vom Kabarett Breschke & Schuch, das gleich um die Ecke täglich Programm macht. Mit ihm hat Niels Zapfe dann untersucht, worüber das Publikum heute lacht und eben auch, worüber nicht. Gefragt waren hier die jungen Zuschauer. Also haben sie zunächst in der Schule Schüler ab 10 Jahren befragt. Daraus wurde mit einem dreiköpfigen Ensemble das Theaterstück „Was ist klein, grün und hat drei Augen?“ entwickelt.

Auf der Bühne erlebt man einen gespielten Test. Die Schauspielerin Barbro Viefhaus und der Kabarettist Manfred Breschke fragen sich und das Publikum, was komisch ist, worüber man nicht lachen kann oder ob Lachen eine Moral hat. Es wird vorgeführt, im Publikum abgestimmt und Witze werden aus dem Stegreif erfunden. Man kann Parodien erleben, auch Slapstick, Situationskomik oder Schadenfreude, und so werden die Schüler mit den unterschiedlichsten Auslösern von Lachen und Heiterkeit konfrontiert.

Ganz einfach war das nicht, sagt Regisseur Niels Zapfe, weil bei Kindern der Humorbegriff noch erlernt und nicht erfahren ist. Sie lachen also, wie sie es bei anderen beobachtet haben. Allerdings lachten die eingeladenen Schüler sehr bestimmt, mal mitfühlend, dann wieder rücksichtslos, eben wie die Erwachsenen auch. Dennoch spielte ihr eigenes Erleben schon eine Rolle. Als beispielsweise eine Cremetorte, die eigentlich für ein Gesicht gedacht war, in die Mülltonne geworfen werden sollte, waren sie nicht einverstanden, und sie konnten darüber auch nicht lachen. Das wäre doch eine schlimme Vergeudung gewesen. Auch der elektronische Assistent nach dem Vorbild von Alexa, der hier Ximon heißt, war für sie nicht komisch. Im Gegenteil: Sie akzeptierten ihn ganz selbstverständlich. Sowas waren sie gewohnt. Und dieser Assistent war in der 70-minütigen Show übers Lachen der zentrale Spielanlass.

Ximon, die Maschine, soll Humor beigebracht bekommen, damit sie einfach menschlicher wird. Also füttern Barbro und Manfred sie mit Spaß der verschiedensten Art, damit sie sich anhand eigener Algorithmen das Phänomen des Komischen zu eigen machen kann. Das scheint zunächst auch zu funktionieren, alsbald mischt sich Ximon überall ein und erklärt, was hier nun zum Lachen ist und was nicht. Doch am Ende verzweifelt der elektronische Assistent am Humor. Das ist auch die Schlusspointe. Die Ursache ist verständlich. Die Algorithmen halten sich streng an Logik, das macht aber der Humor oder der Witz, die Pointe ganz und gar nicht. Zum Lachen oder einfach überraschend ist ja oft gerade, wenn die Logik verletzt wird. Das versteht die Maschine selbstverständlich nicht.

Man erlebt also ein Spiel um die immerwährende Frage, wo der Trennstrich zwischen dem Komischen und dem Albernen ist. Die Schüler nehmen das als heitere Erfahrung und reden nach der Veranstaltung bereitwillig mit der Theaterpädagogin Anke-Jenny Engler über ihre Eindrücke. Natürlich wäre es spektakulär gewesen, wenn Ximon tatsächlich autonom ins Bühnengeschehen eingegriffen hätte. Damit wäre das Spiel aber unberechenbar geworden und man hätte das Anliegen des Abends gefährdet. Ximon hatte also ein Skript, das der Puppenspieler Moritz Schwerin aus dem Off absolviert. Im Übrigen ging es ja auch darum, Fragen zu stellen. Denn mit Humor erklärt man nicht die Welt, eher wird damit etwas in Frage gestellt.

©2018 BonMoT-Berlin
Fotos: Marco Prill

Kategorien:Kleinkunst, Kritik
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