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Grandseigneur, Demokrat, Prinzipal und Mime – Portrait F.-W. Junge

Der Dresdner Friedrich-Wilhelm Junge wird 80

von Harald Pfeifer

DRESDEN – Sein Markenzeichen ist der kahl geschorene Schädel. Den gibt es, seit eine Rolle das verlangte, und so ist es dann geblieben. In jenen Jahren und dazu in der DDR wirkte sowas eher provokant als modern. Und doch ist Friedrich-Wilhelm Junge vor allem ein Menschenfreund: offen, begeisterungsfähig und getrieben von einem sehr eigenen Freiheitswillen. In Dresden gilt er als moralische wie auch künstlerische Institution. Am 15. Juli hat er sein 80. Lebensjahr vollendet.

Der Grandseigneur des Kulturlebens der Stadt ist untrennbar mit dem Dresdner Brettl auf dem Theaterkahn verbunden. Fast 20 Jahre war er Chef dieser außergewöhnlichen Bühne, die übrigens das erste Privattheater im Osten war. Das hatte er 1988 den Kulturfunktionären der DDR abgetrotzt. Im Grunde war das eine Folge seines Charakters. Der passte einfach nicht in den kulturellen und ideologischen DDR-Alltag. Als unbequemer Mime wurde er im Dresdner Staatsschauspiel schlecht besetzt und suchte nach einem Ausweg, also einer eigenen Bühne. Da aber die Funktionäre in der DDR die Hoheit über die Deutung der Welt für sich beanspruchten, hatte Junge keine guten Karten. Deshalb kündigte er und ging. Nicht in den Westen, sondern nach Berlin an die Volksbühne als Gast, später sogar ebenso als Gast und ohne Ausreiseantrag ans Residenztheater in München.

Dort verfiel er in der legendären Künstlerkneipe Simplicissimus dem Charme des guten alten literarischen Cabarets. Die kleine Form wurde zu seiner Leidenschaft. Wieder zurück in der DDR – als rühriger Freiberufler und Fachmann für die kleine Bühne hatte er sich schon einen Namen gemacht – meldete sich eines Tages die Dresdner Kulturbehörde. Sowas wollten sie in Dresden haben. Als Spielstätte bot man ihm „Die Tonne“ zur Untermiete an. Sie war eine gute und beliebte Adresse für Jazz-Fans. Außerdem war die ein Ort mit Symbolkraft. Ein Keller, also Untergrund. Zudem war die Bühne für den Staat mit Kontrollzwang ein Ort mit kurzen Wegen.

Denn gleich nebenan befanden sich Polizei und Stasiknast. Um den gebürtigen Schweriner versammelte sich nun eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich zum Teil bis heute erhalten hat. In der Unterzeile hieß es „Theater für Cabaret, Literatur und Musik“. Die Abende waren unangepasst oder gar subversiv und zogen schon deshalb in der DDR-Endzeit viel Publikum an. Das Brettl hatte schnell einen guten Ruf, den es sich bis heute bewahrt hat.

Die Deutsche Einheit änderte dann vieles, nur am Grundkonzept des Dresdner Brettls nicht. Nun zeigten sich die besonderen und wichtigen Eigenschaften seines Chefs. Er konnte organisieren, Verbindungen schaffen und besonders wichtig: Er konnte mit Geld umgehen. Zum Beispiel hatte er den 1994 eröffneten Theaterkahn mit Hartnäckigkeit und guter Beratung von Lothar Späth finanzierbar gemacht. Und hier ging es um Millionenbeträge. Als Theaterleiter zeigte sich Friedrich-Wilhelm Junge stets generös. Er ermöglichte vielen jungen Talenten sich zu entwickeln. So ist aus dem Beleuchter vom Dresdner Staatsschauspiel Holger Böhme ein Autor für Funk und Bühne wie auch ein Regisseur geworden. Zusammen mit Tom Pauls hat er die unsterbliche Figur Ilse Bähnert entwickelt, wie auch den beeindruckenden Wilhelm-Busch-Abend „Zwiefach sind die Phantasien“ auf die Bühne gebracht. Außerdem hat der Herr des Hauses den jungen Uwe Steimle an sein Haus geholt, der alsbald mit Tom Pauls große Erfolge mit dem Programm „Ostalgie“ feierte. Vor allem, weil sie damit den Nerv der beginnenden 90er Jahre im Zwiespalt zwischen Ost und West so präzise erfasst hatten. Nicht nur die jungen Talente aus Dresden zog der außergewöhnliche Brettl-Chef an, auch beispielsweise Monika Hildebrand und Ahmad Mesgarha von den städtischen Bühnen oder renommierte Mimen wie Angelika Waller und Peter Bause aus Berlin.

Natürlich war immer unverkennbar, dass das Dresdner Brettl dem Schauspieler näher stand als dem Kabarettspiel. Seine Leidenschaft gilt bis heute den Stücken für das kleine Ensemble. Damit hatte er seine großen Momente, wie auch mit den literarischen Programmen für Kästner, für Ringelnatz, Tucholsky oder Kreisler. Besonderer Qualitätsbeweis ist, dass viele dieser Produktionen oft weit mehr als 10 Jahre im Spielplan geblieben sind. Unübertroffen ist auch sein Abend mit Stoffen von Dostojewski oder der nach Motiven von Bulgakows „Meister und Margarita“. Auf dem Theaterkahn kann man besondere Abende erleben, halt Unikate. Dabei hat Friedrich-Wilhelm Junge seinen Spielplan immer auch unter politischen Gesichtspunkten zusammengestellt. Aber so war er schon vor 1989. Dennoch ist er auf der Bühne immer Künstler geblieben, ohne der Versuchung nachzugeben, Überzeugungen zu diktieren. Wenn man ihn auf der Bühne sieht, wird das Theater seiner Generation deutlich. Aber damit ist nicht der Staub gemeint, bei ihm kann man Handwerk erleben. Darauf hat er in seinem Haus immer Wert gelegt. Der schnelle Erfolg ist ihm fremd. Das würde auch nicht zum Dresdner Brettl passen, dem „Theater für Cabaret, Literatur und Musik“. Mittlerweile hat die kleine Bühne, eingerichtet auf einem ehemaligen Elblastkahn, nach Detlef Rothe, nun mit Holger Böhme seinen dritten Intendanten. Im Grunde bleibt aber die Bühne die von Gründer Friedrich-Wilhelm Junge. Zum 80. alle guten Wünsche!

 

©2018 BonMoT-Berlin
Fotos: Carsten Nüssler

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