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Der Wettbewerb um die 33. St. Ingberter Pfanne 2018 – 1. Tag

Philipp Scharri 1 - Foto © 2018 BonMoT-Berlin Ltd.Mit Rosemie Warth, Salim Samatou und Nektarios Vlachopoulos

von Gilles Chevalier

ST. INGBERT – Bei der 34. Woche der Kleinkunst, dem 33. Wettbewerb um die St. Ingberter Pfanne, ist manches wie im Vorjahr: Vier Preise sind zu vergeben, jeder ist mit 4.000 Euro dotiert. Die zwölf Finalisten spielen um zwei Jurypreise, einen Publikumspreis und den Preis des Kultusministers. Bei letzterem bestimmen zehn saarländische Schüler und Studenten über den Preisträger oder die Preisträgerin.

Anders ist der diesjährige Frauenanteil bei den Finalisten des Wettbewerbs, denn der ist erfreulich hoch. Und die Veranstaltung wird bunter, sagt Moderator Philipp Scharrenberg. Damit meint er nicht in erster Linie seinen neuen grauen Anzug und seinen gepflegten dunklen Vollbart. Er bezieht sich vielmehr auf die Künstler, die unter anderem griechische, indische oder russische Wurzeln haben.

Rosemie Warth 1 © BonMot-BerlinUnd oberschwäbische! Darauf legt Rosemie Warth viel Wert, als sie Ausschnitte aus ihrem Programm „Sonst nix!“ zeigt. Hatte der Oberbürgermeister von St. Ingbert, Hans Wagner, sie doch in seiner Eröffnungsrede als Schweizerin bezeichnet! Prompt revanchiert sie sich und nennt ihn ein „Oberbürgermeischterle“.

Rosemie strahlt in ihrem Glockenkleid und mit ihrer Hornbrille etwas von einer gemütlichen Bilderbuch-Oma aus. Doch diese vermeintliche Oma hat es faustdick hinter den Ohren. Sie präsentiert einen Stepptanz, ohne die Füße zu bewegen – indem sie sich große Bonbons in den Mund steckt und sie rhythmisch an die Zähne schlägt. Rosemie zeigt gekonnt expressive Tanzeinlagen und stößt ins Horn. Ins Alphorn, genauer gesagt.

Selten ist auf der Bühne der St. Ingberter Stadthalle so viel los gewesen! Rosemie verzaubert, weil sie voller Überraschungen steckt. Sie spielt auf den Punkt und punktet durch ihre Beweglichkeit. Tosend applaudiert das Publikum. Pfannenverdächtig!

Salim Samatou © BonMot-Berlin„Inder Tat“ nennt Salim Samatou sein Programm. Im Festivalkeller, der abendlichen Gesprächsrunde mit den Künstlern, gibt er an, mit 14 Jahren aus einer indischen Metropole in die deutsche Provinz gekommen zu sein. Anderen Quellen zufolge ist er in Mainz geboren. Hier in St. Ingbert ist er jugendlich gekleidet und führt durch seine geschickt aufgebaute Comedy-Show. Er spricht über das Namensranking bei Kindernamen. Für ihn ist das eine deutsche Besonderheit, und er fragt sich, wie ein Baby aussehen muss, damit man es Eberhard nennt. Samatou spricht über Tiere und sagt: „Eine Wespe ist eine Fliege, die mit einem Klappmesser bewaffnet ist – und mit einem Assi-Dortmund-Trikot.“ Und er schwärmt davon, was er seinem Sohn alles beibringen will.

Schließlich rast er durch Adolf Hitlers Biographie, um am Ende bei seinem 104-jährigen indischen Großvater zu landen, der im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht gedient hat. Das alles ist definitiv unterhaltsam und bisweilen auch erhellend. Doch Samatou springt in zu viele Themen und bleibt dabei immer an der Oberfläche. Das lässt die vielversprechenden Ansätze bisweilen etwas in den Hintergrund treten. Das Publikum dankt mit warmem Applaus.

Nektarius Vlachopoulos - Foto © BonMot-Berlin.Ltd„Keiner weiß, wie man mich schreibt“ nennt Nektarios Vlachopoulos sein Programm. Und prompt hat sich der Autor dieser Zeilen im ersten Anlauf bei seinem Namen vertippt! Vlachopoulos bezeichnet sich als unfähig, Entscheidungen jeder Art zu treffen. Er gehört zu den Poetry Slammern, die ihren Text ohne Blatt vortragen. Jedenfalls den ersten. Dann liest er doch vom Blatt. Naja, die Sache mit den Entscheidungen…

Vlachopoulos wirkt aufgeräumt, seine Geschichten unterhalten im besten Sinne. Er liest über seinen Besuch einer Studentenparty, obwohl er längst kein Student mehr ist, sondern Lehrer. Dort trifft er auf einen, der noch längst kein Student ist, sondern einer seiner Schüler.

Seine Gedichte sind zum Teil schwarzhumorig. Heraus ragt das Vokalgedicht, denn neben den Vokalen würdigt er auch alle Diphthonge der deutschen Sprache mit einer Strophe. „Ei“, „oi“ und vor allem „au“ ruft man aus, denn in dem Gedicht entwickelt sich aus der Präsentation von Quartalszahlen ein blutiges Gemetzel. Das ist plastisch, aber nicht unangenehm beschrieben. Auch seine Geschichte über Sex und Sexualität bei Pflanzen, Tieren und Menschen ist deftig, ohne die Grenzen des guten Geschmacks zu verletzen.

Und dann der Witz, in dem Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen in der Vorhölle zusammentreffen. Dieser Witz steckt voller Klischees und oberflächlicher Stereotypen – hier verlangt selbst der Saarländer nach seiner Lyoner! Und dennoch schlägt er nicht über die Stränge, weil er so viele Vorurteile transportiert, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt und niemand ungeschoren davonkommt.

Nektarios Vlachopoulos ist ein Poetry Slammer, der die schönen Seiten der Sprache in die Welt tragen will. Treuherzig blickt er dabei ins Publikum und wird mit kräftigem Applaus belohnt.

 

©2018 BonMot-Berlin
Fotos: Rainer Hagedorn

Hier geht’s zu unseren Berichten aus den vergangenen Jahren über die Pfannenwettkämpfe.

Links: St. Ingberter PfanneRosemie WarthSalim SamatouNektarios Vlachopoulos

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