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Uwe Steimle: „Meine Oma, Marx & Jesus Christus“ – Buchbesprechung

Uwe Steimle - oma marx & jesus - Foto Gütersloher VerlagshausVon der Semmel zum System

LEIPZIG (jf) – Uwe Steimle, Dresdner Schauspieler, Autor und Kabarettist, hat ein Buch geschrieben. Das Werk ist in dieser Woche auf Platz 38 der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. In „Meine Oma, Marx & Jesus Christus“ erzählt der Dresdner „Aus dem Leben eines Ostalgikers“. Ist das noch von gestern, oder trifft es schon wieder den Zeitgeist? Beides.

Irgendwann wird im Lexikon unter dem Stichwort „Ossi“ stehen: „Kurzform für Ostdeutscher, vertreten durch Uwe Steimle, geboren 1963 in Dresden (DDR), gelernter Industrieschmied, war nach dem Studium an der Leipziger Theaterhochschule „Hans Otto“ Mitglied des Dresdner Kabaretts Herkuleskeule, bis 1994 des Staatsschauspiels Dresden. Wurde oft von Erich Honecker imitiert.“

Steimle soll sie ja erfunden haben, die Ostalgie, den Begriff. Doch liest man seine Erinnerungen, in denen sehr viel Gegenwart Platz findet, geht es doch mehr um Heimatliebe, um die Deutungshoheit über die eigene Geschichte und um deutsch-deutsche Gedankenlosigkeiten. Dass dieses Selbstbewusstsein viele Leser findet, weiß man im Gütersloher Verlagshaus, wo von Holger Witzels „Schnauze Wessi. Pöbeleien aus einem besetzten Land“ für 2013 eine Fortsetzung geplant ist.

Steimle ist ganz Steimle, wenn er von der Konsistenz der Dresdner Semmel aufs Gesellschaftssystem kommt: „Unglaublich viel Luft“. Derlei Parallelen, die man auch Polemiken nennen kann, begleiten seine Auftritte. Vor Publikum, mit Programmen wie „Authentisch – Ein Stück weit“, polarisiert Steimle mit einer Wut, auf die er auch im Buch nicht verzichtet: Die Erweiterung des Armeemuseums in Dresden nennt er „Zerstörung“. Was in der DDR der Fünfjahresplan war, heißt heute Wirtschaftswachstumbeschleunigungsgesetz. Er träumt davon, „dass Geld nicht mehr arbeiten muss, sondern wieder der Mensch“. In der DDR wurden die Betriebe erst verstaatlicht, dann heruntergewirtschaftet – hier und heute läuft’s umgekehrt. Und über Westdeutsche schreibt er: „Sie wissen nichts, und das erklären sie uns.“

Wissen in die neuen Täler der Ahnungslosen zu tragen, ist nur zum Teil Steimles Anliegen, der, wie er sagt, erst durch die Bundesrepublik zum DDR-Bürger wurde. Vielmehr erklärt er das Wesen der Sachsen am Beispiel der Dresdner. Das drückt sich im „Naja … Nee … Nu!“ aus. „Wenn die Welt morgen untergeht, dann geht sie in Sachsen einen Tag später unter, denn wir zweifeln auch daran, da wir ja Zweifler sind.“ Doch keinesfalls Verzweifelnde.

Mit einem gewissen Herkunftsstolz singt Steimle ein Loblied auf die Provinz. Denn nicht als „global player“ versteht er sich, „sondern als Lokalakteur, Provinzknaller, Dialekt liebender Eigenbrötler, der die Fantasie zum Atmen braucht“.Auch das macht einen Autor zur Identifikationsfigur, der altmodische Wörter liebt und als Achtjähriger im Zeugnis bescheinigt bekam: „Uwe hat noch immer keinen festen Platz im Kollektiv gefunden.“

Weil Geschichte aus Geschichten besteht, erzählt er in diesem Buch, das seinen Eltern gewidmet ist, von der Kindheit, dem „Dresden-Trachauer Hinterhausfrieden“ mit seinem Duft nach Maiglöckchen, Pitralon, Orangenmilch, Bohnerwachs und Kognakbohnen. Die Mutter arbeitete in der Feinkartonage des VEB Polypack, der Vater fuhr Panzer und kam nur alle vier Wochen nach Hause. Vielleicht, weil Opa Schneeweiss noch 1. Kammerdiener im Schloss Übigau war, sprach die Mutter von „unserem König“, wenn sie mit ihrem Uwe ins Grüne Gewölbe ging, dem Steimle 2007 bereits die Hörbuch-Hommage „Der Zauberer von Ost“ gewidmet hat und jetzt erneut einen Besuch abstattet.

„Lerne Schweigen, ohne zu platzen“ steht auf einem Schild überm Küchentisch. Drunter klopft die Mutter die Schnitzel im Rhythmus des Liedes „Auf, auf zum Kampf!“, 1969 ist das: „Mutter singt fröhlich lachend, wie ich sie nur selten erlebt hab’, eine beseelte hoffnungsfrohe Stimmung, ich mittendrin, Vater nicht da, Mutter ausgelassen, Butter ausgelassen, Herz ausgelassen, mehr kann man nicht auslassen.“ Solche Erinnerungen sind ebenso wenig ostalgisch wie die an Waschhaustage oder an den Laternenanzünder, der ohne vom Rad zu steigen das Licht ein- und ausschaltete. „Wie reich musste Dresden sein! Wo sonst können Kinder Zirkusartisten als Laternenanzünder bewundern?“ Das wollte er später auch: „ein Artist sein und Licht in das Dunkel bringen“.

Die autobiographischen Anekdoten stammen ausschließlich aus der Kindheit. Von Erinnerungen an die Verlockungen im Intershop schweift der heute 49-Jährige ab zur „Vergewaltigung und Vermeidung unserer Muttersprache“, von den gefährlichen Elbestrudeln kommt er auf soziale Netzwerke und unvermittelt auch auf Jesus, weil der ja im Buchtitel vorkommt. „Wo Vertrauen ist, Verstehen, Weite des Herzens, leichtes Erdendasein, da ist etwas Göttliches, da ist Jesus Christus.“ An einem ein Bild des Malers Theodor Rosenhauer fasziniert Steimle die „heilsame Wirkung der Angst“.

Unbedingter Held ist Bäckermeister Wehner in Oberpoyritz, bei dem er nun nicht mehr wegen der Kuchenränder durch die Hintertür schlüpft, sondern wegen der Gespräche. Zwei Kuchenrezepte ersetzen Vor- und Nachwort der Erinnerungen, die, sollten sie auf der Bestseller-Liste weiter nach oben klettern, irgendwann zwischen Lothar Herzogs „Honecker privat“ und Joachim Gaucks „Freiheit“ stehen könnten.

„Die Erinnerung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um“, zitiert Uwe Steimle den Dresdner Erich Kästner: „Wer das, was gut war, vergisst wird böse./ Wer das, was schlecht war, vergisst, wird dumm.“

Janina Fleischer © 2012 BonMoT-Berlin

Zuerst veröffentlicht in der Leipziger Volkszeitung – www.lvz-online.de

Das Buch:
Uwe Steimle: Meine Oma, Marx & Jesus Christus. Aus dem Leben eines Ostalgikers. Gütersloher Verlagshaus; 176 Seiten (mit Audio-CD),19,99 Euro – HIER direkt bestellen

Die nächsten Termine:
Montag, 17. September 2012, Leipzig, Schauburg: Eröffnung der Leipziger Filmkunstmesse, Hauptdarsteller Steimle erscheint zu Carsten Fiebelers Komödie „Sushi in Suhl“ (Kinostart 18. Oktober)

Dienstag, 18. September 2012, Leipzig, Haus des Buches, 19.30 Uhr: Uwe Steimle liest aus „Meine Oma, Marx & Jesus Christus“: Karten (8/6, Euro) unter Telefon (0341) 995 41 34 oder an der Rezeption (Mo–Fr, 8–15 Uhr), Gerichtsweg 28

Alle weiteren Termine:
www.uwesteimle.de

Kategorien:Bücher/ Print, Kritik
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