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Berserker im Samtanzug – Kritik Sebastian Krämer

Sebastian Krämer & Metropolis-Orchester Berlin
Uraufführung: „Im Glanz der Vergeblichkeit – Vergnügte Elegien“

von Carlo Wanka und Beate Moeller

BERLIN – Man erlebt viel in Berlin, und es ist auch nicht selten, dass Menschen vor Kassenhäuschen stehen und fragen, ob man ihre Karte kaufen möchte. So war auch am Kartenschalter des Heimathafens Neukölln eine Traube von Leuten ganz aus dem Häuschen. Fieberten, wollten sie doch eine Karte des total ausverkauften Konzerts ergattern. Warum?

Mit Pauken und Trompeten, Geigen und etlichen anderen

Streichinstrumenten, zwei Harfen und überhaupt mit einem ganzen Orchester, dem Metropolis-Orchester, hat sich der Berliner Liedermacher ausgestattet. Ein geradezu größenwahnsinniges Projekt. Das Publikum rastet schon aus, bevor Sebastian Krämer die Bühne betritt und mit Dschingderassassa am großen Bechstein-Konzertflügel die Premiere eröffnet.

Ob da nur ein Spielzeug mal zufällig draußen liegen geblieben sein mag oder ob „Puppi Duppi hat die Nacht im Garten verbracht und seitdem nicht mehr gelacht“ was viel Düstereres bedeutet, bleibt dem Interpretationsspielraum des Publikums überlassen und eröffnet dem Künstler jede Steigerungsmöglichkeit.

Eine verschmitzte Lehrer-Attitüde gehört bei ihm dazu – mal wird einem der Unterschied zwischen Dur und moll erklärt, „aber moll ist immer noch ein bisschen schöner“, mal wird der Besinnungsaufsatz über Franz Kafka und Max Brod zerpflückt.

Das Orchester schlägt einen mittelalterlicher Sound an, um die Geschichte vom Drachentöter zu zelebrieren. Es wäre kein Krämer Song, wenn da nicht auch eine U-Bahn und ein Nachtzug ganz selbstverständlich durch die Moritat sausten. „Wie heißt das Passwort für den Berg?“ Schelmisch rauscht Sebastian Krämer durchs Programm, das vorab schon mit dem Titel „Im Glanz der Vergeblichkeit – Vergnügte Elegien“ irritiert, egal ob er sich mit Ernst Barlachs Buchleser, den ein René aus dem Publikum auf der Bühne nachsitzen muss – „die Haltung zeugt vom Eifer der Lektüre“ – , mit Spitzwegs armem Poeten befasst oder mit der „Fingerkuppensuppe“ aus dem Kochbuch der Kannibalen, in dem sich erstaunlich viele vegetarische Rezepte finden.

Mit anscheinend kindlicher Naivität schaut dieser Querdenker auf die Welt, um das Beobachtete blitzgescheit, wortgewaltig und mit exzellentem sprachlichen Feingefühl zu sezieren – ein Berserker im Samtanzug. Immer wieder verblüfft der Gründer des ‚Club Genie und Wahnsinn‘ (monatlich einmal im Zebrano-Theater) mit Unerwartetem. Was er als einen „happy Song für alle, die kein Deutsch sprechen“ ankündigt und mit fröhlich-schmissiger Musik begleitet, erzählt die todtraurige Geschichte von „Patricks Zimmer“, in dem alles bleibt, wie es ist.

„Du musst immer die erste Geige spielen!“, schimpfen Leute – früher jedenfalls. Doch was daran verkehrt sein soll, bleibt bis auf weiteres unerklärlich. Dass aber Silva Finger beim Metropolis-Orchester die erste Geige spielt, ist wunderbar. Und wenn ein Tubist benötigt wird, nötigt man einen aus dem Auditorium – und siehe da, es kommt einer auf die Bühne.

Zweimal über eine Stunde begeistert Sebastian Krämer mit dem Metropolis-Orchester das Publikum im Berliner Heimathafen. Die Spielfreude des Orchesters unter der Leitung von Burkhard Götze trägt zum Gelingen dieser außergewöhnlichen Premiere und dieser einzigartigen Show bei, der man wünscht, dass noch viele Auftritte folgen mögen. Bravo!

 

Galerie

 

1. Violine – Konzertmeisterin Margarita Gamova | 1. Violine – Alessia Laurora
2. Violine – Joselyne Mariotti & Silva von Bülow
Viola – Misha Balan | Violoncello – Ella Jarrige | Kontrabass – Emy Mahdy
Flöte – Martin Bosse Platière | Oboe – Camila del Pozo
Klarinette/Sax – Tanja-Maria Hirschmüller | Fagott – Sheng-Hsien Hsieh
Horn – Susanne Kugler | Trompete – Tandoruk Yalcin
Posaune – Sören Fries | Pauken/ Schlagzeug – Jens Peter Kappert

Solo Violine bei Dolo Silva von Bülow
Dirigent Burkhard Götze

Fotos: Carlo Wanka

© 2017 BonMot-Berlin

Homepage: Sebastian Krämer | Metropolis Orchester Berlin

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